LAS VEGAS / LONDON (IT BOLTWISE) – Derek Stevens, Gründer von Circa Sports, attackiert Prognosemärkte wie Polymarket und Kalshi.TL als unfairen Wettbewerb. Er argumentiert, dass diese Plattformen Abgaben und Spielerschutz-Lasten umgehen und dadurch künstlich bessere Quoten bieten. Circa spürt laut seinen Angaben bereits Rückgänge beim Wettvolumen, hält aber trotz der Kritik an weiterer Expansion fest. Der Konflikt zeigt die wachsende Reibung zwischen lizenzierten Buchmachern und blockchainbasiertem Handel in den USA.

In den USA verschiebt sich die Sportwetten-Landschaft gerade spürbar – und zwar nicht nur technisch, sondern vor allem finanziell. Derek Stevens, Gründer von Circa Sports, stellt Prognosemärkte wie Polymarket und Kalshi.TL in den Mittelpunkt seiner Kritik und spricht ihnen eine faire Wettbewerbsgrundlage ab. Für Technikfans klingen solche Plattformen oft wie „Innovation“, weil sie Ereignisse in handelbare Märkte verwandeln. Stevens dreht jedoch die Perspektive: Aus seiner Sicht geht es um die systematische Umgehung von Pflichten, die lizenzierte Anbieter tragen müssen – von Steuern bis hin zu Regeln rund um Spielerschutz und Datenrechte.
Seine Argumentation setzt genau dort an, wo Buchmacher traditionell ihre Kostenstrukturen aufbauen: bei den Abgaben, die aus staatlicher Sicht an Sportwetten gebunden sind. Stevens verweist auf Spielsteuer- und Gebührenbestandteile wie staatliche Glücksspielsteuern, eine Bundesverbrauchssteuer auf Sportwetten sowie Kosten für offizielle Ligadaten und Beiträge zu Fonds für verantwortungsbewusstes Spielen. Als konkretes Beispiel nennt er in Illinois eine Gebühr von 25 Cent je Wette. Wenn Anbieter solche Positionen nicht tragen, entsteht für Stevens ein Wettbewerbsgefälle, weil sie Auszahlungsraten rechnerisch aggressiver kalkulieren können.
Das wird in seinem Modell besonders anschaulich, weil er auch die eigene Marge offenlegt. Circa arbeitet mit einem Low-Hold-Modell und nennt eine Gewinnspanne von etwa 3,5 Prozent im Vergleich zum US-Durchschnitt von rund 10 Prozent. Diese Struktur sei zwar auf Effizienz und Volumen ausgerichtet, aber nicht immun gegen Handle-Verlagerungen: Laut Stevens hätten Prognosemärkte bereits „einen ordentlichen Teil“ des Wettvolumens abgezogen. In diesem Rahmen fällt seine Kernaussage, die er in dem Interview mit einer drastischen Metapher unterfüttert: „Sie sind Piraten. Sie sind Diebe. Wir wären auch in der Lage, auf beiden Seiten Quoten von minus 102 anzubieten, wenn wir nicht all diese Gebühren zu hätten. Ich nehme an, dass am Ende besonnene Köpfe die Oberhand gewinnen werden.“ Der Hintergrund ist dabei weniger moralisch als betriebswirtschaftlich: Quoten werden bei klassischen Buchmachern nicht nur durch Wahrscheinlichkeit, sondern auch durch die Kosten für Regulierung und Rechte bestimmt.
Marktseitig spiegelt der Streit eine typische Spannung, die in den USA zunehmend zwischen „Regulierung“ und „Marktplatzlogik“ entsteht. Prognosemärkte nutzen häufig eine andere Schnittstelle zum Nutzer und strukturieren die Wette als handelbares Preisgeschehen; dadurch können sie sich – so Stevens’ Perspektive – dem gerade für den Sportwettenbetrieb typischen Pflichtenkatalog entziehen. Interessant ist, dass er nicht jede Form neuer Konkurrenz pauschal verteufelt: Gegenüber traditionellen Neueinsteigern zeigt er sich vergleichsweise milde, nennt dabei in Nevada keine unmittelbare Bedrohung. Sein Fokus liegt damit weniger auf dem Alter des Marktes als auf der Frage, ob das Regelwerk vergleichbar greift – und ob Aufsicht sowie die Finanzierung von Schutz- und Datenkomponenten überall ähnlich verteilt sind.
Während die Kritik laut wird, zeigt Circa zugleich, dass das Geschäft auch ohne die Debatte weiterläuft. Stevens berichtet von einer Lizenz für Arizona, bei der der Betrieb im Januar 2027 live gehen soll, und verweist auf den Markteintritt in Missouri. Dort habe Circa eine der zwei begehrten ungebundenen Lizenzen gegen eine Gebühr von 500.000 US-Dollar erhalten. Ziel sei es, über faire Preise und hohe Limits Kunden zu binden – doch genau dieses Ziel werde durch steuerfreie oder abgabenärmere Angebote erschwert. Für Beobachter ist das ein Muster, das man aus anderen Plattformkonflikten kennt: Je stärker die Kosten im regulierten Lager sind, desto größer wird der Preisdruck durch digitale Varianten, die ähnliche Kundenerlebnisse liefern, aber nicht denselben Pflichtumfang tragen.
Auch für den Blick nach Deutschland ist die Story mehr als nur US-Politik. Der deutsche Glücksspielmarkt steht seit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 unter klaren Vorgaben, und die Nutzer profitieren im Idealfall von Transparenz, Schutzmechanismen und einem definierten rechtlichen Rahmen. Entscheidend ist die Frage nach der Lizenz: Wer auf der Whitelist der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) steht, kann sich im Streitfall auf institutionalisierte Wege stützen und erhält Spielerschutz durch etablierte Systeme. Stevens’ Vergleich mit „fehlenden Gebühren“ lässt sich deshalb als Warnsignal lesen: Bessere Quoten bei nicht lizenzierten oder „hybriden“ Modellen können aus Nutzersicht attraktiv wirken, spiegeln aber unter Umständen Einsparungen wider, die in Deutschland dem Spielerschutz und dem Gemeinwohl zugutekommen.
Für GGL-lizenzierte Online-Casinos folgt daraus eine organisatorische und technische Konsequenz, die im Kern schon lange gilt, aber durch solche Marktplatzformen neue Reibung bekommt: IT-Sicherheit, Datenschutz und Jugendschutz müssen auch dann stabil bleiben, wenn Nutzer verstärkt nach Alternativen suchen. Prognosemärkte, die oft auf Krypto-Basis operieren, versuchen aus Sicht deutscher Aufsicht häufig, Hürden zu umgehen oder in Grauzonen auszuweichen. Genau hier wird die Rolle der Kanalisierung relevant: Der Markt soll so gestaltet sein, dass lizenzierte Anbieter wettbewerbsfähig bleiben können, ohne beim Schutzstandard nachzugeben. Wenn das gelingt, bleibt Regulierung nicht nur eine bürokratische Leitplanke, sondern ein realer Vorteil für Kundenbindung und Rechtsdurchsetzung.
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