MILWAUKEE / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neues Buch nutzt den Wrestling-Begriff „Kayfabe“, um den Stil der MAGA-Bewegung zu erklären. David Shoemaker und der Journalist Jonathan V. Last ziehen dabei eine Linie von Inszenierung und gesteuerten Rivalitäten im Ring zur politischen Selbstdarstellung. Dabei geht es weniger um die Frage, ob Inhalte „wahr“ sind, sondern um die Logik dahinter, wie Erzählmacht entsteht. Im Zentrum steht die These, dass Wähler sich wie Fans verhalten können, obwohl sie wissen, dass die Show konstruiert ist.

Wenn Politik zur Bühne wird, folgt sie oft Mustern, die man aus der Popkultur kennt. Genau daran knüpft die Diskussion um „Kayfabe“ an: Der Begriff steht im professionellen Wrestling für die handwerklich gepflegte Illusion, in der Rivalitäten und Ereignisse so angelegt sind, dass das Publikum die Story trägt. In der vorliegenden Darstellung wird Präsident Donald Trumps politische Bewegung nicht primär als Programm gelesen, sondern als wiederkehrende Inszenierung, die den Zuschauern eine Rolle im gemeinsamen Erzählakt zuweist. Das ist der Kern der Analogie: Nicht nur die „Figuren“ handeln wie Charaktere, sondern auch das Publikum lernt, mit der Script-Logik zu leben.
Der Ausgangspunkt liegt im Wrestling der 1980er-Jahre, in denen Hulk Hogan als besonders wirksamer Bezugspunkt dient. Jonathan V. Last greift die Denkfigur „kayfabe“ auf und betrachtet sie als Vergleichsfolie für Trumps politische Kommunikation. Dabei wird der Mechanismus konkret beschrieben: Im Ring werden Konflikte und Eskalationen so gespielt, dass sie die Franchise am Laufen halten. In der Politik, so die Übertragung, entsteht derselbe Effekt durch wiederholtes Auftreten, kontrollierte Dramaturgie und die dauerhafte Aufladung von Konflikten. Interessant ist dabei weniger die einzelne Aussage als die konsistente Funktion: Trumps Sprache wechselt im Ablauf, während die Erzählwelt gleich bleibt. Wenn ein Gegner einmal beschimpft und beim nächsten Schritt wieder umarmt wird, geht es nicht um Konsistenz im Sinne klassischer Programmatik, sondern um die Behauptung einer übergeordneten Story-Wahrheit, die die Zuschauer akzeptieren.
Technisch betrachtet lässt sich diese Logik als „Narrative Authority“ fassen: Wer verkörpert, welche Geschichte eine Kultur über sich selbst erzählt, entscheidet darüber, wie Informationen interpretiert werden. Shoemakers Argumentation setzt hier an und macht Wrestling zum Modell dafür, wie Autorität durch Inszenierung entsteht. In der politischen Übertragung bedeutet das: Der Demagoge spricht nicht einfach für reale Gruppen, sondern behauptet, Zugang zum „authentischen Volk“ zu haben – zur imaginären Einheit, die sich durch Symbole, Rollen und Sprachmuster definiert. Der Text verknüpft das mit historischen Beispielen in unterschiedlichen Ländern und Jahrzehnten, um zu zeigen, dass der Rahmen nicht exklusiv amerikanisch ist. Der rote Faden bleibt jedoch gleich: Die Form der Darstellung trägt die Wirkung, und die inhaltliche Prüfung tritt häufig hinter die Frage zurück, ob man die Rolle im Story-Universum übernimmt.
Für das Verständnis der Wirkung wird außerdem ein Bereich herangezogen, der im Wrestling wie in der politischen Bildwelt besonders sichtbar ist: Übertreibung als Stilmittel. Im Beispiel werden Auftritte und Fotografien von Hogan gegenübergestellt: Outlandish Height- und Weight-Angaben werden als Teil der Erzählökonomie beschrieben, nicht als Zufall. Übertragung auf Trump: Er soll seine Körper- und Präsenzwerte sowie Bildinszenierungen ähnlich expansiv darstellen – etwa bei Angaben zu Größe oder Gewicht und bei Fotos, die je nach Zeitpunkt „weichere“ oder „härtere“ Ausdrucksformen erzeugen. Hinzu kommen weitere Elemente, die als Teil eines dauerhaften Figurenauftritts erscheinen: Makeup, Frisur und die Planung öffentlicher Szenen, einschließlich bezahlter Statisten zur Inszenierung von Zustimmung. Entscheidend ist hier die Funktion im Narrativ: Das Publikum soll nicht nur informiert, sondern emotional positioniert werden – als Mitwisser einer Show, die bewusst gestaltet wirkt.
Für Leserinnen und Leser mit IT- und Medienhintergrund lohnt sich der Blick auf die Parallelen zu heutigen Distributionsmechanismen, weil dort „Kayfabe“ eine moderne Entsprechung findet: Algorithmen verstärken Inhalte, die starke Emotionen und klare Rollenbilder liefern, während technische Prozesse wie Empfehlungslogik, Targeting oder KI-gestützte Medienerzeugung die Produktionskosten für überzeugende Inszenierung senken können. Daraus folgt nicht automatisch, dass jede politische Kommunikation eine Täuschung ist, aber die strukturelle Ähnlichkeit ist relevant: Wiederkehrende Dramaturgie, starke Kontraste und die fortlaufende Pflege einer Identitätsgemeinschaft lassen sich leichter skalieren, wenn Inhalte in hoher Frequenz über viele Kanäle verbreitet werden. Genau diese Skalierbarkeit ist in der Wrestling-Metapher bereits angelegt: Die Show lebt nicht von einem einmaligen Auftritt, sondern von einer dauerhaft gepflegten Welt.
Auch die Rolle der „Audience“ wird im Text ausdrücklich betont: Ohne Enablers, also Menschen, die die Illusion im Alltag mittragen, funktioniert die Fake-Welt nicht. Damit wird die Verantwortung nicht nur beim Sprecher verortet, sondern auch bei der Interaktion, die aus einem Publikum eine Community macht. In der politischen Umsetzung bedeutet das: Wenn Millionen Anhänger bestimmte Kleidungsstile, Slogans und Verhaltensmuster übernehmen, wird Zugehörigkeit performativ. Der Schluss, dass „Trumpism“ als Muster weiterwirken kann, selbst wenn die zentrale Figur verschwindet, zielt auf genau diese Stabilität der Erzählform. Für Unternehmen und Organisationen, die heute auf Kommunikation, Marke und Vertrauen angewiesen sind, ist das ein Signal: Es reicht nicht, Fakten zu liefern, wenn die Nutzerinteraktion primär über Story-Identifikation läuft. Stattdessen wird Medienkompetenz zur Betriebsfähigkeit – besonders dann, wenn KI-gestützte Inhalte schneller, personalisierter und schwerer einzuordnen werden.
Am Ende steht damit weniger eine Geschmacksfrage über Politik als ein Modell zur Erklärung, wie Inszenierung Wirkung entfaltet. Die Kayfabe-Analogie zeigt, warum Widersprüche in der Oberfläche nicht zwingend die Glaubwürdigkeit untergraben, solange die übergeordnete Erzählwelt stimmig bleibt. Und sie erklärt auch, warum Demokratisierungsprozesse nicht nur an Institutionen hängen, sondern an interpretativen Routinen: Wer die Regeln der Bühne akzeptiert, kann die Darbietung als „echt“ empfinden, obwohl sie konstruiert ist. Wer diese Mechanik versteht, kann sie besser kritisieren – oder präventiv in der eigenen Kommunikation abfedern, etwa durch Transparenz, überprüfbare Quellen und klare Trennung von Figur und Fakten.
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