LONDON (IT BOLTWISE) – Ein 25-jähriger Hedge-Fund-Manager, der auf den KI-Sektor setzte, musste nach massiven Verlusten binnen Tagen Positionen liquidieren. In einem Anlegerbrief nennt er rund 67% Minus im Juli und beschreibt den Mechanismus aus Kursrutsch, Margin Calls und erzwungenen Verkäufen. Gleichzeitig verspricht er, den Einsatz von Leverage zu beenden und das Risikoteam zu verstärken. Der Fall zeigt, wie schnell sich in hoch konzentrierten Portfolios kurzfristige Schwankungen zur systemischen Falle entwickeln können.

Wie der Hedge-Fund „Situational Awareness“ an KI-Aktien scheiterte
Wie der Hedge-Fund „Situational Awareness“ an KI-Aktien scheiterte (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Juli hat sich an den Märkten eine Geschichte durchgesetzt, die man in dieser Klarheit selten sieht: Ein Hedge-Fund, der sich über Monate wie ein KI-Bullenmarkt-„Bergsteigerseil“ an die Infrastruktur-Rally gehängt hat, ist an derselben Stelle wieder abgeschnitten worden, als die Volatilität plötzlich zurückkam. Der Fonds „Situational Awareness“ war laut Anlegerkommunikation in kurzer Zeit auf eine Größenordnung von über 20 Milliarden US-Dollar Managementvolumen gewachsen, nachdem die Wette auf den KI-„Supply-Chain“-Trade besonders gut funktioniert hatte. Genau diese Konzentration macht den Fall für Technik- und Investment-Entscheider so lehrreich: Nicht die langfristige These, sondern der kurzfristige Finanzierungsmechanismus entscheidet, ob ein Portfolio überlebt.

Den Ausgangspunkt liefert ein Brief an die Limited Partners zum Monatsende. Darin beziffert Leopold Aschenbrenner die Enttäuschung seiner Investoren mit einem Verlust von etwa 67% im Juli. Interessant ist dabei die zeitliche Dynamik: Das Jahr lief bis dahin stark, gleichzeitig zeigt der Vergleich zur Vorperiode, wie schnell ein zweistelliger Rücksetzer in eine Liquiditätskrise kippen kann. Laut Brief lag die Performance bis dato dennoch bei rund 80% bis zu diesem Zeitpunkt, während sie zwei Monate zuvor noch ungefähr bei 270% gelegen habe. Entscheidend ist aber nicht nur die Zahl, sondern die Konsequenz daraus: Der Fonds habe in der Folge große Teile seiner öffentlichen Marktpositionen verkaufen müssen, um Margin Calls erfüllen zu können.

Technisch betrachtet ähnelt die Lage weniger einer „Investitionspanne“ als einem klassischen Deleveraging-Problem in einem stark konzentrierten Long-/Short-Setup. Aschenbrenner hatte den Fonds seit der Gründung mit einer nahezu maximalen KI-Exponierung ausgerichtet: Long auf Rechenleistung, Rechenzentrumslogik und Strom- bzw. Netzwerkinfrastruktur, kombiniert mit Short-Positionen in bestimmten traditionellen Softwaretiteln. In einem Umfeld steigender KI-Kurse kann eine solche Strategie sehr gut aussehen, weil sich Longs und kurzfristige Momentum-Effekte gegenseitig verstärken. Sobald jedoch im KI-Segment eine deutliche Korrektur einsetzt, fallen viele stark gehäufte Aktien gleichzeitig. Gleichzeitig können zuvor etablierte Shorts bei Gegenbewegungen zusätzlichen Druck auf die Netto-Vermögenswerte ausüben. Aus dem Brief und dem beschriebenen Ablauf ergibt sich das Muster: Sinkender Fondswert → Margin Call → erzwungener Verkauf → weiterer Kursrutsch, also eine Rückkopplungsschleife.

Zum Verstärker wurde laut Darstellung, dass mehrere gehaltene Titel eine begrenzte Liquidität aufweisen. Wenn Marktteilnehmer erkennen, dass ein Fonds in Richtung Deleveraging muss, beginnen auch andere Akteure, die Positionen gegen den Fonds zu „testen“ – und damit die Preisschwankungen weiter anzufeuern. Aschenbrenner beschreibt das im Anlegerbrief als „bank run“-ähnlichen Effekt: Sobald viele Gegenparteien gleichzeitig versuchen, zuerst auszusteigen, kann Liquidität schneller austrocknen, als man sie durch normale Verkäufe wieder auffüllen könnte. Der Ablauf kulminierte laut Bericht in einer konkreten Verkaufswelle: Aschenbrenner habe die Mehrzahl der öffentlichen Positionen nach Angaben der Quelle an ein einzelnes Handels- bzw. Market-Maker-Setup veräußern müssen; für den Zeitraum wird dabei genannt, dass die Übernahme von ungefähr 16 Milliarden US-Dollar in weniger als 36 Stunden erfolgt sei. Danach folgte noch ein zweiter, für die Wahrnehmung prägender Moment: Unmittelbar nach dem Deleveraging zog der KI-Sektor wieder an, mit zweistelligen Tagesgewinnen bei einzelnen erwähnten Titeln. Das unterstreicht die eigentliche Botschaft: Der Fehler lag nicht zwingend im langfristigen KI-Wert, sondern darin, dass kurzfristige Marktbewegungen bei hoher Verschuldungsanfälligkeit den „Zeitpuffer“ des Portfolios aufgebraucht haben.

Dass Aschenbrenner überhaupt so aggressiv auf KI- und Infrastrukturwetten setzen konnte, führt die Quelle über die Biografie. Er sei über den Weg „Future Fund“ mit FTX verbunden gewesen, bevor FTX im Jahr 2022 kollabierte: Dort werden in der Darstellung sowohl der Vorwurf der zweckwidrigen Verwendung von Kundengeldern als auch Schuldenprobleme genannt, bis hin zum Gang in die Insolvenz. Auch das juristische Ende wird aufgegriffen: Sam Bankman-Fried wurde laut Quelle zu 25 Jahren Haft verurteilt. Später habe Aschenbrenner bei OpenAI in einem Team zur sogenannten „super alignment“ gearbeitet, bevor er wegen eines Sicherheits-memos und unter dem Vorwand des „Leakings“ entlassen worden sei. Genau an diesem Punkt wird die Erzählung zur Technik- und Risikoüberlegung: Wer einmal erlebt hat, wie schnell Vertrauen und Liquidität in komplexen Finanzstrukturen verschwinden, schaut auf Sicherheit und Governance oft anders als die reine Kurslogik.

Parallel dazu verknüpft die Quelle den KI-Trade mit dem Kryptobereich, insbesondere über Bitcoin-Mining als Infrastrukturhebel. Laut SEC-Einreichungen habe der Fonds eine bedeutende Position im Bitcoin-Mining aufgebaut, unter anderem über Unternehmen wie IREN, Core Scientific, Riot Platforms, CleanSpark und Bitfarms. Für 2026 wird angegeben, dass sich die öffentlichen Bestände von 5,5 Milliarden US-Dollar auf 13,67 Milliarden US-Dollar erhöht hätten. Die Investitionslogik wird dabei nicht auf steigende Bitcoin-Kurse reduziert: Im Mittelpunkt stünden eher industrial-grade Stromkapazitäten und Netzanschlussrechte, weil neue Rechenzentrums-Standorte in den USA typischerweise mehrere Jahre bis zur Netzankopplung benötigen. Wenn KI-Unternehmen um Kapazität konkurrieren, werden diese physischen Rechte und die vorgeplante Energieverfügbarkeit faktisch zu einem Engpassfaktor. Aus derselben Perspektive erklärt die Quelle auch die Marktdebatte: Der KI-Zyklus bewege sich von „midstream“ (Infrastruktur) hin zu „downstream“ (Anwendungsumsätze), während Anleger in einer Phase der „circle shrinking“-Logik spekulative Randwerte mit geringerer Cash-Generierung abräumen und sich stärker auf Targets mit hoher Sicherheit konzentrieren.

Für Entscheider bleibt der Kern des Falls dennoch nüchtern: Aschenbrenner habe in seinem Brief zwar erklärt, den Leverage-Anteil vollständig entfernt zu haben, aber die zeitliche Reihenfolge zählt. Sobald Verschuldung im Portfolio zu einem Entzugs-Mechanismus wird, kann selbst eine danach vorgenommene Deaktivierung nicht rückwirkend verhindern, dass vorherige Margin-Verpflichtungen den Verkauf auslösen. Die Konsequenz daraus ist weniger eine Kritik an der KI-These als an der Portfoliostruktur: Hohe Konzentration in einer einzigen Industriewelle, gepaart mit Liquiditätsrisiken einzelner Titel und einer Short-Komponente in Gegenbewegungen, kann bei einem schnellen Zykluswechsel zu einem Dominoeffekt führen. Der „Mythos“ aus dem Titel der Quelle steht daher weniger für ein Verschwinden von KI-Potenzial, sondern für einen sehr praktischen Warnhinweis: Leverage ist bei Trendwechseln kein Verstärker der Rendite mehr, sondern ein Beschleuniger der Verluste.


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