LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neues Berichtspapier der International Crisis Group warnt davor, dass Kolumbiens neue Sicherheitslinie auf maximale militärische Härte die Gewalt eher eskalieren als eindämmen könnte. Präsident Abelardo de la Espriella will die frühere „Total Peace“-Strategie beenden und stattdessen auf breitere Festnahmen und Luftschläge setzen. Die Studie nennt Risiken für Zivilisten, besonders in ohnehin stark betroffenen Regionen. Gleichzeitig zeigt sie: Gegen die heutigen bewaffneten Gruppen reicht reine Gewaltanwendung nicht aus.

Krisenwarnung: Kolumbiens harte Militärstrategie birgt Risiko für mehr Gewalt
Krisenwarnung: Kolumbiens harte Militärstrategie birgt Risiko für mehr Gewalt (Foto: IT BOLTWISE)
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Kolumbien steht nach dem Amtsantritt von Präsident Abelardo de la Espriella am 7. August vor einer strategischen Zäsur: Er kündigte an, die „Total Peace“-Politik seines Vorgängers Gustavo Petro zu beenden und eine härtere Sicherheitsstrategie zu verfolgen. Der Bericht der International Crisis Group setzt dabei einen klaren Schwerpunkt auf die unmittelbare Logik solcher Kurswechsel: Je stärker sich Regierungen auf eine militärisch geführte Antwort verlassen, desto größer werden die Nebenwirkungen – insbesondere dann, wenn die Konfliktparteien anders funktionieren als die klassischen Zielbilder früherer Militärkonzepte. In der Praxis deutet der Text auch an, dass die Geschwindigkeit der ersten Maßnahmen bereits politisch und operativ eine Dynamik auslösen kann, die schwer wieder zu bremsen ist.

De la Espriellas Vorhaben ist im Bericht nicht abstrakt, sondern mit konkreten Elementen verknüpft: Er plant, Verhandlungen mit bewaffneten und kriminellen Gruppen aufzugeben, setzt auf hochrangige Festnahmen, treibt die Wiederaufnahme der Vernichtung von Koka-Anbau voran und will Luftangriffe ausweiten. Hinzu kommt die angekündigte Intensivierung der Kooperation mit den USA, einschließlich mehr Auslieferungen. Seit seinem Amtsantritt seien bereits zwei Kommandanten von Guerilla-Gruppen ausgeschaltet worden; außerdem beschreibt der Bericht Bombardements in der Region Catatumbo im Osten. Genau diese Eskalationsgeschwindigkeit ist für die Crisis Group ein Kernproblem, weil ein „crackdown“ solcher Größenordnung „inescapable risks“ mit sich bringt und die Gewaltspirale statt einer Beruhigung befeuern kann.

Die humanitären Folgen bilden den nächsten dramatischen Kontext. Laut Bericht gilt Kolumbien derzeit als von der „most severe humanitarian crisis of the last decade“ geprägt – mit einem starken Anstieg bei Zwangsvertreibungen, bei der Rekrutierung von Kindern sowie bei der Nutzung improvisierter Sprengsätze. Der Text argumentiert dabei zweigleisig: Einerseits können harte Operationen tatsächlich kurzfristig gegen einzelne Strukturen wirken. Andererseits erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit, dass sich bewaffnete Akteure und lokale Milieus in Gegenreaktionen verhärten – gerade dort, wo staatliche Präsenz ohnehin dünn ist. Glaeldys Gonzalez Calanche, Kolumbien-Analystin der Crisis Group, bringt diesen Punkt auf den Punkt: „The new administration should carefully consider the risks of relying solely on a military-led response. A heavy-handed campaign could worsen the violence it seeks to contain and place already vulnerable communities at even greater risk, “ sagte sie laut dem Bericht.

Technisch-strukturell erklärt der Bericht, warum die Konfliktlogik heute anders ist als jene, gegen die Streitkräfte historisch ausgelegt wurden. Nach dem Friedensabkommen von 2016 mit den FARC blieben Gruppen außerhalb der Verhandlungen aktiv, während ehemalige FARC-Angehörige, die das Abkommen ablehnten oder später verließen, zu dissidenten Fraktionen wurden. Daneben drängten andere Akteure in Gebiete, die zuvor von den Guerillas kontrolliert wurden – das Ergebnis ist eine fragmentiertere Sicherheitslandschaft. Für die aktuelle Bedrohungslage zieht die Crisis Group einen entscheidenden Vergleich: Im Unterschied zu den FARC, deren erklärtes Ziel eine politische Revolution gewesen sei, operierten viele heutige bewaffnete Gruppen vor allem über kriminelle Ökonomien. Damit verlagert sich auch die Wirkung militärischer Maßnahmen: Wer Zerschlagung allein als strategisches Endziel betrachtet, unterschätzt möglicherweise, dass Netzwerke sich in lokalen Räumen schnell replizieren.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Operationsrealität, in der Luftüberlegenheit und Informationshoheit nicht mehr automatisch militärische Dominanz garantieren. Die Crisis Group verweist auf eine Dynamik, in der bewaffnete Gruppen zunehmend Drohnen einsetzen – nicht nur für Angriffe auf Sicherheitskräfte und Rivalen, sondern auch zum Monitoring von Communities und um herannahende Truppen früh zu erkennen. Gleichzeitig nennt der Bericht strukturelle Einschränkungen der kolumbianischen Streitkräfte, etwa eine Abnahme des Personals seit 2010 sowie Schwächen bei Aufklärung, Luftfähigkeiten und Technologie. Gonzalez formuliert daraus die technologische Leitlinie: Die Streitkräfte hätten „lack the equipment needed to counter this threat“, deshalb müsse die neue Regierung „prioritise investment in the technological capabilities needed to regain control of the airspace“. Konkret wird auch ein nationales Anti-Drohnen-System erwähnt, das offenbar durch technische und administrative Hürden verzögert wurde – mit der Folge, dass die militärische Reaktionsfähigkeit hinter dem Tempo der Gegenseite zurückbleibt.

Der Bericht stellt aber nicht nur die Militärseite infrage, sondern betont zugleich, dass ein kompletter Verzicht auf Dialog den falschen Hebel setzt. Über vier Jahre habe Petro mit der „Total Peace“-Strategie mehrere formale Dialogprozesse eröffnet – neun Prozesse mit etwa vierzehn Gruppen. Lokal gab es nach dem Text Erfolge, etwa in Buenaventura, wo Gespräche zwischen rivalisierenden Gangs zu einem Waffenstillstand geführt hätten, der 90 Tage lang die Tötungen stoppte. Insgesamt sei die Politik jedoch hinter dem Hauptziel zurückgeblieben: Verhandlungen hätten sich langsam bewegt, Gruppen hätten ihre Einflusszonen erweitert, und einige Akteure hätten Waffenstillstände genutzt, um Territorium, Erpressungsnetzwerke und Rekrutierung auszubauen. Entscheidend ist für die Crisis Group dabei der Management-Aspekt: Nicht der Dialog an sich sei das Problem gewesen, sondern wie der Prozess entworfen und geführt wurde, inklusive fehlender Planung und „undeserved concessions“ des Staates, die den bewaffneten Gruppen am Ende geholfen hätten.

Für die nächste Phase empfiehlt die Crisis Group deshalb eine Kombination aus militärischem Druck und einem breiteren Staatsansatz. Ziel sei es, Zivilpersonen zu schützen, staatliche Institutionen zu stärken und dort zu verhandeln, wo sich Gewalt real reduzieren lässt. Der Bericht nennt zudem die Abwesenheit staatlicher Strukturen in vielen ländlichen Regionen als Verstärkerfaktor für das Wachstum illegaler Gruppen. Ebenso wichtig: intelligenzgesteuerte Operationen sollen verbessert werden, und Verhandlungen sollen nicht kategorisch ausgeschlossen werden, wenn es eine echte Möglichkeit zur Demobilisierung gibt. Für die politische Praxis bedeutet das vor allem eine Verschiebung der Bewertungslogik: Nicht jede einzelne Operation entscheidet über den Verlauf des Konflikts; vielmehr entscheidet das Zusammenspiel aus Technologie, Informationsqualität, institutioneller Präsenz und glaubwürdig gestalteten Gesprächsfenstern darüber, ob die Eskalation gebremst wird.


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