MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Ifo-Umfrage unter mehr als 3.000 Unternehmen zeigt: Viele rechnen bei der KI-Nutzung mit sinkenden Löhnen. Besonders betroffen sehen sie Beschäftigte mit kurzer Berufserfahrung und ohne Hochschulabschluss. Je nach Qualifikation schwanken die Erwartungen deutlich, während die Branche ebenfalls eine Rolle spielt. Damit verschiebt sich der Fokus der Personalplanung hin zu Qualifikations- und Tätigkeitsprofilen, die KI voraussichtlich weniger stark substituiert.

Die Debatte um Künstliche Intelligenz wandert in vielen Unternehmen zunehmend weg von „Nur Automatisierung“ hin zu konkreten Auswirkungen auf Kostenstrukturen. Eine aktuelle Ifo-Auswertung, die auf einer Unternehmensumfrage mit mehr als 3.000 teilnehmenden Firmen basiert, kommt dabei zu einem klaren Muster: Deutlich mehr Betriebe erwarten negative Lohn-Impulse als positive. Laut Ifo-Forscherin Anna Ruffert fassen die Ergebnisse zusammen, dass der erwartete Effekt überwiegend in Richtung „sinkende Löhne“ geht, obwohl es nicht in allen Segmenten gleich stark ausfällt.
Im Detail zeigt die Umfrage eine besonders starke Erwartungslücke bei Beschäftigten mit wenig Berufserfahrung: Bei Arbeitnehmern mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung erwartet rund die Hälfte der Betriebe eine solche Entwicklung in den nächsten fünf Jahren. Nur ein deutlich kleinerer Anteil geht von steigenden Löhnen aus. Diese Erwartung verknüpft die Unternehmen offenbar mit Tätigkeiten, die schneller standardisierbar sind oder bei denen KI-basiert mehr Routineanteile ersetzt oder deutlich effizienter ausgeführt werden können. Schon daraus folgt für HR-Abteilungen eine harte Frage: Wie lassen sich Teams so aufstellen, dass die voraussichtlichen Substitutionsrisiken nicht allein über Gehaltsanpassungen abgefedert werden?
Qualifikation verstärkt die Unterschiede weiter. Bei Beschäftigten mit kurzer Berufserfahrung ohne Hochschul- oder Fachhochschulabschluss erwarten 48,3 Prozent der Betriebe sinkende Löhne, während lediglich 5,9 Prozent steigende Löhne sehen. Noch deutlicher wirkt die Spanne bei Beschäftigten mit Hochschulabschluss und geringer Erfahrung: Hier rechnen 50,8 Prozent mit sinkenden Löhnen, aber immerhin 16,3 Prozent mit steigenden. Das deutet darauf hin, dass KI in den Augen der Unternehmen nicht pauschal „alle“ trifft, sondern ihre Wirkung eher über Rollen, Anforderungsprofile und die konkrete Einsetzbarkeit technologischer Assistenz verteilt wird.
Auch bei erfahrenen Arbeitnehmern bleibt das Sentiment mehrheitlich pessimistisch, allerdings mit weniger Extremen. Ohne Hochschulabschluss erwarten 40,4 Prozent der Unternehmen sinkende Löhne, lediglich 9,7 Prozent steigende. Mit Hochschulabschluss verschieben sich die Erwartungen spürbar: Zwar erwarten noch 37,5 Prozent sinkende Löhne, aber 26 Prozent sehen auch Aufwärtschancen. In Summe zeichnet sich damit ein differenziertes Bild ab, das die Unternehmen offenbar nicht nur nach „Erfahrung ja/nein“, sondern nach einer Kombination aus formaler Qualifikation und Erfahrungsgrad bewerten. Genau hier entsteht für Arbeitgeber ein strategischer Hebel: Wer stärker in KI-gestützte Prozesse eingebunden ist, dürfte eher von neuen Aufgabenprofilen profitieren als von pauschalen Ersetzbarkeitsannahmen.
Die Branche liefert zusätzliche Hinweise. Laut Ifo-Fazit wird KI aus Sicht vieler Unternehmen die Löhne nicht für alle Beschäftigtengruppen gleichermaßen beeinflussen; am ehesten rechnen die Firmen mit sinkenden Löhnen bei weniger erfahrenen Arbeitskräften. Beim Blick auf Branchen zeigt sich auch die Heterogenität der Tätigkeitsstruktur: Am häufigsten werden sinkende Löhne im Dienstleistungsbereich erwartet. Für Beschäftigte mit kurzer Berufserfahrung und ohne Hochschulabschluss nennt die Umfrage 53,3 Prozent sinkende Löhne; bei langer Erfahrung liegt der Wert bei 44,2 Prozent. Im Handel lauten die entsprechenden Werte 47,9 Prozent und 41,3 Prozent, im verarbeitenden Gewerbe 46,5 Prozent und 38,9 Prozent.
Besonders bemerkenswert ist jedoch, wie schwach der erwartete Effekt im Baugewerbe ausfällt. Dort rechnen nur 39 Prozent der Unternehmen mit sinkenden Löhnen für Mitarbeiter mit niedriger Berufserfahrung; bei höherer Erfahrung sind es 31,3 Prozent. Das lässt sich technologisch gut einordnen: In Bereichen mit stark ortsgebundenen, handwerklich geprägten und sicherheitskritischen Abläufen sind KI-Anwendungen zwar möglich, aber selten so universell einsetzbar wie in Büro- und Informationsprozessen. Gleichzeitig kann KI dort eher unterstützend wirken – etwa bei Planung, Dokumentation oder Qualitätskontrolle – während die unmittelbare Ausführung nicht so leicht vollständig „digital substituiert“ wird. Für Unternehmen im Bau bedeutet das: KI dürfte sich eher in Produktivitäts- und Koordinationsgewinnen spiegeln, nicht primär in Lohnsenkungs-Erwartungen.
Für die Arbeitsmarktdebatte ist die Ifo-Umfrage damit vor allem ein Stimmungsbarometer: Sie zeigt, wie stark sich die Erwartungslinien der Unternehmen in Richtung Kosten- und Personalplanung verschieben, sobald KI im Einsatz ist. Praktisch heißt das: Wer Einstellungs- und Qualifikationsstrategien für die nächsten fünf Jahre plant, kommt an einer Differenzierung nicht vorbei. Für Beschäftigte und Betriebsräte wiederum stellt sich die Frage, wie sich neue Aufgaben durch KI konkret definieren lassen – und ob zusätzliche Verantwortungs- oder Qualifikationsstufen auch zu steigenden Löhnen führen können, wie es die Unternehmen zumindest für einen Teil der Gruppen bereits einplanen. Am Ende wird KI in dieser Betrachtung weniger als „eine Technologie“ sichtbar, sondern als Einflussfaktor, der Tätigkeiten, Qualifikationspfade und Branchenrealitäten unterschiedlich stark durchdringt.
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