ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – E.ON-Chef Leonhard Birnbaum sieht die Energieinfrastruktur als potenzielles Ziel von Drohnenangriffen. Als besonders attraktiv bezeichnet er die Höchstspannungsbereiche der Übertragungsnetzbetreiber und konkret das 110.000-Volt-Netz von E.ON. Er fordert Nachbesserungen beim Schutz, macht aber zugleich klar, dass ein vollständiger Schutz illusorisch sei. Daneben plädiert Birnbaum für ein besser verzahntes Vorgehen von Staat, Landespolizei und privaten Akteuren, damit nach einer Attacke die Versorgung schnell wieder hochgefahren werden kann.

Im Streit über die Drohnenabwehr in Deutschland hat E.ON-Chef Leonhard Birnbaum eine klare Priorität gesetzt: Nicht jede kritische Anlage sei gleich angreifbar, besonders attraktiv seien aus seiner Sicht die Hochspannungsbereiche. In Essen stellte er zur Vorlage des Halbjahresberichts heraus, dass das 110.000-Volt-Netz von E.ON und die Höchstspannung der Übertragungsnetzbetreiber als Ziel in den Fokus rücken könnten. Damit verschiebt sich die Diskussion von allgemeinen Sicherheitsversprechen hin zu konkreten Netzebenen und deren Rolle für die Stabilität des Stromsystems. Für Betreiber bedeutet das: Schutzkonzepte müssen sich weniger an abstrakten Risiken orientieren, sondern an den technischen Engpässen und Kontaktstellen im Betrieb.
Birnbaum argumentiert dabei auch gegen unrealistische Erwartungshaltungen. Er rechnet ausdrücklich damit, dass ein vollständiger Schutz „illusorisch“ ist, weil Drohnenabwehr in Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit hinter den möglichen Angriffsmethoden herlaufe. Seine Begründung verknüpft er mit einem praktischen Vergleich: Wenn selbst Flughäfen es aktuell nicht schafften, gesichert zu sein, wie sollte dann die Vielzahl der verteilten Standorte im Stromnetz lückenlos kontrolliert werden. Gleichzeitig betont er den Unterschied zwischen „schwierig machen“ und „unmöglich machen“: Man könne sicherstellen, dass ein Angriff nicht einfach wird, aber nicht garantieren, dass er unmöglich ist. Genau diese Abstufung ist für das Risikomanagement entscheidend, weil sie die Systemresilienz in den Mittelpunkt stellt statt die Vorstellung absoluter Abschirmung.
Als konkretes Beispiel nannte Birnbaum eine Situation aus der vergangenen Woche: Am Flughafen Leipzig/Halle sei eine mit Sprengstoff und Zünder bestückte Drohne entdeckt worden. Solche Ereignisse zeigen, dass die Bedrohung nicht rein theoretisch ist und dass gleichzeitig die Sicherheitslage an Schnittstellen von Infrastruktur und Logistik unter hohem Druck steht. Für Energieunternehmen folgt daraus, dass Drohnen nicht nur als „Störfaktor“ betrachtet werden dürfen, sondern als Träger potenzieller Wirkketten auf physische Anlagen und damit auf die Versorgung. E.ON arbeitet laut Birnbaum seit Jahren daran, die physische Absicherung der Anlagen zu verbessern. Doch weil der Fortschritt bei Drohnen so schnell und groß sei, reiche selbst kontinuierliche Investition in reine Perimeterschutzmaßnahmen nicht aus, um jede denkbare Angriffsmethode auszuschließen.
Technisch und organisatorisch verknüpft Birnbaum die Debatte deshalb mit zwei weiteren Anforderungen: Schutz und Wiederherstellung. Er stellt heraus, dass es wichtig sei, sich darauf vorzubereiten, die Versorgung schnell wieder herzustellen, falls eine Attacke erfolgreich ist. Das ist in der Stromwirtschaft eng mit Konzepten wie Wiederanlauf, Netzsegmentierung und dem koordinierten Betrieb in Störfällen verbunden. Wenn ein Angriff etwa die Leitungsführung oder Betriebsmittel betrifft, entscheidet die Zeit bis zur Stabilisierung darüber, wie stark Auswirkungen in angrenzende Netzbereiche durchschlagen. Gleichzeitig fordert Birnbaum bessere Vernetzung der Akteure und nennt als Ursache die unterschiedlichen Zuständigkeitsgebiete, etwa von Bundes- und Landespolizei sowie privaten Unternehmen. Er wünscht ein System, das realistisch funktionieren kann – also eine Architektur aus Zuständigkeit, Informationsfluss und operativer Handlungsfähigkeit, statt vieler isolierter Sicherheitsinseln.
Damit landet die Diskussion auch bei der Frage, wie Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung in der Praxis unterstützen können, ohne als „Allheilmittel“ zu enden. In solchen Umgebungen geht es häufig um die schnelle Erkennung von Annäherungen, die Priorisierung relevanter Bedrohungen und die Koordination von Gegenmaßnahmen über mehrere Ebenen hinweg. KI-basierte Sensorfusion kann dabei helfen, aus Radar-, Kameradaten und Betriebsinformationen einen belastbaren Lageabgleich zu erzeugen; wichtig ist jedoch, dass Systeme klaren Betriebsregeln folgen und im Ernstfall nachvollziehbar reagieren. Birnbaum spricht zwar nicht direkt über KI, aber seine Forderung nach „einfacheren Lösungen, die auch ineinandergreifen“, lässt sich technisch als Bedarf nach besser integrierten Entscheidungs- und Steuerungsketten lesen. Für Betreiber kann das bedeuten: mehr standardisierte Schnittstellen zwischen Leitstelle, Sicherheitsdiensten und Netzbetrieb, damit Ereignisse nicht nur erkannt, sondern in den richtigen Ablauf überführt werden.
Markt- und branchenpolitisch ist die Aussage zudem ein Hinweis auf den Druck, der auf kritische Infrastrukturen durch die zunehmende Reichweite und Verfügbarkeit von Drohnentechnik entsteht. E.ON zählt in Deutschland rund zwölf Millionen Strom- und zwei Millionen Erdgaskunden und betreibt mit rund 700.000 Kilometern Leitungslänge einen erheblichen Anteil des Strom-Verteilnetzes; knapp ein Drittel des deutschen Strom-Verteilnetzes liegt damit in Essener Hand. Eine Bedrohung auf dieser Skala hat nicht nur lokalen Charakter, weil Störungen entlang von Netzstrukturen Wirkung entfalten können. Wenn der Staat seiner Ansicht nach in der Pflicht steht, heißt das vor allem: Rahmenbedingungen für koordinierten Schutz, gemeinsame Standards und schnelle Eskalationswege. E.ON will laut Birnbaum seinen Beitrag leisten, aber den Aufwand für einen flächendeckenden Schutz nicht allein schultern. Genau in dieser Schnittstelle zwischen unternehmerischer Resilienz und staatlicher Sicherheitsarchitektur entscheidet sich, wie robust der Betrieb künftiger Netze gegenüber Drohnen bleibt.
Für Unternehmen außerhalb der Energiewirtschaft lassen sich aus den Aussagen zwei Lehren ableiten. Erstens sollten Schutzkonzepte nicht an der Idee einer perfekten Abschirmung hängen, sondern an messbaren Kriterien für Detektion, Verzögerung und Wiederherstellung. Zweitens ist die operative Verzahnung zwischen Zuständigkeiten ein ebenso großes Thema wie die Technik selbst, weil im Ernstfall Zeitverluste bei Informationen oder Entscheidungswegen schnell zu größeren Ausfallwirkungen führen. E.ON formuliert diese Punkte ausdrücklich, indem es „einfache Lösungen“ und ein System fordert, das im Zusammenspiel funktioniert. Ob Deutschland, Europa in dem Bereich tatsächlich flächendeckend besser wird, hängt damit nicht nur an einzelnen Technologien, sondern an der Fähigkeit, sie in ein übergreifendes Sicherheits- und Betriebsmodell zu integrieren.
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