LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Konsensusstudie beschreibt positive mentale Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von psychischen Beschwerden, sondern als messbares Zusammenspiel mehrerer Dimensionen. Ein Expertengremium hat dafür 19 Bestandteile erarbeitet und in sechs „nahezu universelle“ Kernelemente verdichtet. Ziel ist, dass Forschung, Politik und Arbeitgeber künftig mit denselben Begriffen arbeiten. Damit rückt auch die praktische Frage in den Fokus, welche Faktoren eher Auslöser für Wohlbefinden sind und welche eher Folgen.

Positive mentale Gesundheit lässt sich in vielen Debatten so leicht erwähnen wie schwer vergleichen. Genau hier setzt eine Delphi-Konsensusstudie an, die in Nature Mental Health veröffentlicht wurde. Das zentrale Ergebnis: Die Autorinnen und Autoren leiten 19 wiederkehrende Dimensionen ab, die ein gemeinsames Raster dafür bilden sollen, was „wirklich gut“ sein im Sinne psychischer Lebensqualität bedeutet. Damit soll die Forschung aus einem Zustand der begrifflichen Zersplitterung herauskommen, in dem unterschiedliche Disziplinen zwar über ähnliche Dinge sprechen, aber mit abweichenden Messlogiken arbeiten.
Technisch betrachtet ist das Vorgehen methodisch klar strukturiert: Mithilfe der Delphi-Methode wurden mehrere Bewertungsrunden durchlaufen, um aus einer breiten Expertenbasis zu einem Konsens zu gelangen. In die Auswertung gingen 122 prominente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 26 Ländern ein, verteilt auf 11 Disziplinen wie klinische Psychologie, Psychiatrie, Public Health, Philosophie, Pflege und Ökonomie. Die Teilnehmenden hatten im Durchschnitt etwa 53 Jahre und knapp 20 Jahre Berufserfahrung in ihrem jeweiligen Fachgebiet. Die Rücklaufquote lag bei rund 10 Prozent, die Auswahl galt jedoch als hoch zitiert in den eigenen Fachdomänen.
Inhaltlich startete das Panel in Runde eins mit 26 potenziellen Dimensionen, die aus früheren wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten abgeleitet waren. Jede Dimension wurde auf einer vierstufigen Skala bewertet – von „irrelevant“ bis „essentiell“. Für die spätere Aufnahme in das finale Modell mussten mindestens 75 Prozent der Expertinnen und Experten zustimmen; zusätzlich konnten sie in Freitextfeldern weitere Komponenten vorschlagen. Runde zwei griff diese Ergänzungen auf und ließ zugleich Elemente erneut bewerten, die zuvor noch keinen Konsens erreicht hatten. In der dritten und letzten Runde ging es dann um die Rollen der Dimensionen: Die Expertinnen und Experten ordneten sie anhand einer Skala von 0 bis 100 danach ein, ob sie eher Treiber (0) für positives Erleben darstellen oder eher Konsequenzen (100).
Am Ende stehen 19 Dimensionen, darunter sechs besonders prominent, die mehr als 90 Prozent Zustimmung erhielten: Bedeutung und Zweck, Lebenszufriedenheit, Selbstakzeptanz, Verbindung/soziale Verbundenheit, Autonomie sowie Glück. Diese „Top Six“ sind auch deshalb politisch und organisatorisch relevant, weil sie als relativ stabile Ankerpunkte dienen können, wenn unterschiedliche Systeme im Alltag messen wollen: In Studien, in HR-Settings oder in kommunalen Programmen lassen sich so Zielgrößen definieren, ohne dass jedes Team eine eigene Sprachwelt aufmacht. Matthew Iasiello, Leiter für Daten- und Forschungsübersetzung, bringt die Problematik auf den Punkt: „Put very simply, there is very little agreement on what we mean when we say mental wellbeing, flourishing, positive mental health, or related terms“. Er betont zudem, dass solche Begriffe in Disziplinen zwar häufig als austauschbar behandelt werden, inhaltlich aber nicht identisch operationalisiert sind.
Jenseits dieser sechs Kerne führt die Liste weitere 13 Dimensionen: Akzeptanz, Leistung, Aktivitäten und Funktionsfähigkeit, Zugehörigkeit, Gelassenheit, Kompetenz, Entwicklung, Engagement, Spaß, Optimismus, Selbstkongruenz, ein Gefühl von Sicherheit sowie Lebendigkeit. Interessant ist dabei die Zuordnung im Treiber-gegen-Konsequenz-Raster: Glück und Lebenszufriedenheit wurden überwiegend als Outcomes bewertet, mit Durchschnittswerten nahe 74 bzw. 72. Autonomie und ein Gefühl von Sicherheit landeten dagegen deutlich näher am Treiberbereich, mit Werten um 29 bzw. 32. Das zeigt, dass die gleiche Dimension je nach Fragestellung und Population unterschiedliche Rollen annehmen kann – eine methodische Herausforderung, die im Alltag von Interventionen oft übersehen wird, wenn man Messinstrumente als „statische“ Wahrheiten interpretiert.
Für die Praxis in Unternehmen und öffentlichen Organisationen ist vor allem die Standardisierungsabsicht entscheidend. Wenn unterschiedliche Akteure Wohlbefinden messen oder Förderprogramme evaluieren, entstehen sonst Messbrüche: Die eine Studie sagt Erfolg anhand „flourishing“, die andere nutzt „coping“, und daraus lassen sich kaum belastbare Vergleiche ableiten. Der Konsens-Ansatz soll hier eine gemeinsame Sprache schaffen, ohne die Komplexität zu leugnen. Gleichzeitig adressiert die Studie eigene Grenzen offen: Das Panel war „stark westlich und englischsprachig“, wie Iasiello es formuliert, und Konzepte wie „ikigai“ könnten nicht nahtlos in das Raster passen. Außerdem bleibt die Trennlinie zwischen psychischen und körperlichen Faktoren schwierig; etwa körperliche Gesundheit lag mit 62,8 Prozent Zustimmung unter dem 75-Prozent-Threshold und wurde daher eher als externer Einfluss statt als Kernbestandteil mentalen Wohlbefindens interpretiert.
Der nächste logische Schritt sind Folgeuntersuchungen, die das Modell außerhalb des westlichen und akademisch geprägten Blickwinkels testen. Laut den Zielen der Forschenden sollen kommende Studien die Taxonomie stärker jenseits eines westlichen Panels überprüfen, gezielt nicht-westliche Konzepte und die gelebten Erfahrungen von Gruppen einbeziehen, die bisher unterrepräsentiert sind – etwa Menschen, die mit chronischen Erkrankungen leben. Daneben soll die Strukturbeziehung zwischen Dimensionen besser abgebildet werden: Welche wirken als Treiber, welche als Outcomes, und wie „verschachteln“ sie sich im Zusammenspiel statt als flache Liste nebeneinander zu stehen. Für die Künstliche Intelligenz- und Datenplattformwelt ist das mehr als Psychologie: Sobald Organisationen konsistente Dimensionen haben, können sie auch Trainingsdaten, Monitoring und Wirkungsanalysen für Programme zur mentalen Gesundheit leichter vereinheitlichen – etwa indem sie Indikatoren über Teams und Zeiträume hinweg vergleichbar machen.
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