FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Bahn weitet den Einsatz von Bodycams aus: Rund 2.700 Beschäftigte im Bahnhofsservice und in der Stationsbetreuung sollen freiwillig eine Kamera tragen können. Erste Geräte sind bereits an den Hauptbahnhöfen Frankfurt am Main und Bielefeld im Einsatz. Vor der Nutzung erhalten die Mitarbeitenden Schulungen, damit der Einsatz auch in Konfliktsituationen sicher funktioniert. Die Bahn verbindet die Maßnahme vor allem mit dem Ziel, Situationen zu deeskalieren und Beschäftigte besser zu schützen.

Die Deutsche Bahn stellt den Schutz ihres Personals neu auf eine Ebene: Nach dem bereits laufenden Einsatz von Bodycams in Zügen startet der Konzern nun eine schrittweise Erweiterung für den stationären Bereich. Betroffen sind laut Konzernangaben rund 2.700 Beschäftigte im Bahnhofsservice und in der Stationsbetreuung, die eine Bodycam freiwillig tragen können. Die ersten Geräte befinden sich demnach bereits an den Hauptbahnhöfen Frankfurt am Main und Bielefeld im Einsatz. Damit folgt die Bahn einem Muster, das im öffentlichen Raum seit einigen Jahren über Pilotierungen und rollierende Rollouts hinweg erprobt wird: erst ein begrenzter Betrieb an neuralgischen Orten, dann die Skalierung für weitere Bereiche – immer mit Blick auf Schulung, Bedienlogik und Schutzbedarfe.
Technisch betrachtet werden die Bodycams dabei an der Oberbekleidung getragen und lassen sich bei Bedarf per Knopfdruck aktivieren. Genau diese Interaktionsstelle ist für den Alltag entscheidend, weil sie die Reaktionszeit verkürzt und gleichzeitig eine klare Handlungsabsicht unterstützt: Die Mitarbeitenden sollen nicht erst im Nachhinein erklären müssen, warum ein Vorfall dokumentiert wurde, sondern die Kamera im Moment des Ereignisses einschalten können. Vor der Nutzung kündigt die Bahn außerdem Schulungen an. Diese Vorbereitung zielt in der Praxis auf zwei Dinge: die korrekte Handhabung des Geräts sowie das verständliche Vorgehen in Eskalationssituationen, in denen professionelle Deeskalation und Sicherheitstechnik zusammenlaufen.
Die Begründung des Rollouts ist an die Entwicklung der Vorfälle gekoppelt. Im Regionalverkehr registrierte die Deutsche Bahn im ersten Halbjahr 989 Vorfälle gegen Personal; das sind 14 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Bei den knapp 1.000 Übergriffen im DB Regio wurden 781 Fälle als einfache Körperverletzung wie Schubsen, Greifen und Bespucken erfasst. Daneben nennt der Konzern 185 Fälle versuchter Körperverletzung und 22 Fälle schwerer Körperverletzungen, also Vorfälle mit besonderer Schwere. Im stationären Umfeld kommt laut Angaben der Bahn hinzu, dass Mitarbeitende des Bahnhofsservices 50 Mal angegriffen wurden. Diese Zahlen liefern zwar keine vollständige Ursachenanalyse, sie markieren aber den operativen Handlungsdruck, unter dem die Bahn ihren Schutz- und Dokumentationsansatz weiterentwickelt.
Parallel dazu verweist die Bahn auf Erfahrungen aus dem laufenden Betrieb: In den Zügen werden Bodycams bereits genutzt, sowohl im Regional- als auch im Fernverkehr. Auch hier gilt laut Darstellung, dass das Personal die Geräte freiwillig verwenden kann. Anfang Juli hatte die Deutsche Bahn zudem angekündigt, rund 2.000 Mitarbeitende im Fernverkehr mit Bodycams auszustatten – darunter Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sowie Beschäftigte in der Bordgastronomie und in den DB Lounges. Im Februar war außerdem von rund 1.400 Bodycams für Zugbegleiter bei DB Regio die Rede. Vorstand bzw. Führungsebene ordnet die Maßnahme dabei explizit als Schutz- und Deeskalationsinstrument ein: „Unsere Mitarbeitenden sollen besser geschützt sein: Dafür können sie jetzt auch auf eine Bodycam als Teil der persönlichen Schutzausrüstung zugreifen“, sagte Katja Hüske, Vorständin Personenbahnhöfe DB InfraGO. Ziel sei vor allem eine deeskalierende Wirkung in Konfliktsituationen.
Auch die Datenseite bleibt ein zentrales Thema. In der aktuellen Planung adressiert die Bahn nicht nur Video, sondern prüft einen Modellversuch, bei dem die Bodycams zusätzlich Töne aufzeichnen sollen. Die Tonaufzeichnung unterliegt laut Bahn strengeren Datenschutzvorgaben als reine Videoaufzeichnungen, weil das gesprochene Wort als besonders schützenswert gilt. Damit verschiebt sich der technische Anspruch: Während bei Video vor allem räumliche und zeitliche Dokumentation im Vordergrund stehen, erhöht Audio die Anforderungen an Zweckbindung, Zugriffskontrollen und rechtssichere Verarbeitung in der Praxis. Für Organisationen mit hohem Aufkommen an Vorfällen wird der Unterschied schnell spürbar, weil Tonaufnahmen in der Regel ein engeres Regelwerk für Speicherung, Auswertung und Löschung nach sich ziehen.
Einordnung in den Marktkontext: Viele öffentliche Anbieter setzen Bodycams inzwischen nicht als Allheilmittel ein, sondern als Baustein in einem Sicherheitskonzept, das aus Schulung, klaren Einsatzanweisungen, Kommunikationsprozessen und Nachbearbeitung von Vorfällen besteht. Für die Deutsche Bahn kommt hinzu, dass sie ihre Maßnahme sowohl im Zugbetrieb als auch im Bahnhofsservice erprobt und nun stärker verzahnt. Bahnchefin Evelyn Palla hatte nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter im Regionalverkehr im Februar angekündigt, dass noch in diesem Jahr alle Beschäftigten mit Kundenkontakt auf freiwilliger Basis mit einer solchen Kamera ausgestattet werden sollen. Vor dem Hintergrund der genannten Vorfallzahlen ist die nächste zentrale Frage, wie stark sich die Bodycams tatsächlich auf die Eskalationsdynamik auswirken und ob sich aus dem geplanten Modellversuch mit Tonaufnahme zusätzliche, datenschutzkonforme Sicherheitsgewinne ableiten lassen.
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