LONDON (IT BOLTWISE) – Anthropic befindet sich Berichten zufolge in fortgeschrittenen Gesprächen, um den israelischen KI-Infrastrukturanbieter Decart für etwa 6 Milliarden US-Dollar zu übernehmen. Der mögliche Deal wäre der größte Zukauf in der Unternehmensgeschichte und folgt einer vorherigen Phase mit Gesprächen mehrerer Tech-Gruppen. Entscheidender Taktgeber ist der Engpass beim Rechenkapazitätsausbau, während der Claude-Entwickler parallel an einer breiteren Kapitalmarktpräsenz arbeitet. Offiziell wird dazu vorerst nicht bestätigt, wie weit die Gespräche bereits gediehen sind.

Anthropic soll Decart für rund 6 Milliarden US-Dollar übernehmen
Anthropic soll Decart für rund 6 Milliarden US-Dollar übernehmen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn sich die gemeldeten Übernahmegespräche zwischen Anthropic und Decart verdichten, geht es weniger um „noch ein KI-Modell“, sondern um die Fähigkeit, bestehende Modelle bei steigender Nachfrage effizienter zu betreiben. Laut den Berichten soll Anthropic den israelischen Anbieter für rund 6 Milliarden US-Dollar übernehmen; gleichzeitig wird eine Deal-Spanne von etwa 6 bis 7 Milliarden US-Dollar genannt. Entscheidend ist dabei der Timing-Faktor: Anthropic bereitet sich auf ein größeres öffentliches Kapitalmarkt-Event vor und versucht parallel, die Rechenkapazität für Claude deutlich hochzufahren. Das macht jede Technologie interessant, die Inferenz schneller und kostengünstiger abwickelt, statt nur die Trainingsleistung weiter zu erhöhen.

Decart sitzt dabei genau in dem Teil der Wertschöpfungskette, der in der KI-Industrie zuletzt strategisch aufgeladen wurde: Optimierung von KI-Workloads über Hardware-Grenzen hinweg. Das Unternehmen entwickelt Infrastruktur- und Optimierungstechnologien, mit denen KI-Entwickler die Leistung verschiedenster Chips maximieren sollen. Dazu kommt eigene Modellentwicklung; genannt werden etwa Lucy für die Echtzeit-Bearbeitung von Live-Video sowie Oasis, das simulierte Umgebungen erzeugt, um Robotik- und autonom fahrende Systeme zu trainieren und zu testen. Für Anthropic ist vor allem die Infrastruktur-Komponente relevant, weil eine wachsende Nutzerbasis bei generativer KI schnell zu einer Betriebskosten- und Latenzfrage wird, die sich in der Praxis nur durch effizientere Ausführung entschärfen lässt.

Damit verschiebt sich der Fokus in einem Wettrennen, das sich längst vom reinen Modellwettbewerb abkoppelt. In der Branche wird zunehmend argumentiert, dass der „beste“ Output nur dann zählt, wenn er in der gewünschten Geschwindigkeit und zu einem tragbaren Preis bereitgestellt werden kann. Decarts Ansatz zielt genau darauf: mehr Performance aus teurer werdender Recheninfrastruktur. Reuters und andere Berichte ordnen deshalb ein, dass Anthropic Decarts Team im Bereich Inference und Performance aufnehmen könnte, falls der Deal zustande kommt. Unabhängig von der organisatorischen Eingliederung steht hinter der Meldung eine sehr konkrete Zielsetzung: zusätzliche Nachfrage für Claude „absorbieren“, während Rechenkapazitäten erweitert und Prozesse gleichzeitig verschlankt werden.

Der Marktkontext liest sich wie ein Zeitraffer der letzten Monate rund um Decarts Bewertung. Im Mai soll das Unternehmen eine Finanzierungsrunde über 300 Millionen US-Dollar angekündigt haben, bei der NVIDIA als neuer Investor beteiligt war; die Bewertung wird mit etwa 4 Milliarden US-Dollar beziffert. Schon daraus lässt sich eine Logik ableiten: Ein Erwerbspreis um 6 Milliarden US-Dollar würde einen deutlichen Aufschlag gegenüber dem jüngsten Bewertungsniveau bedeuten. Berichte zufolge hatte NVIDIA zuvor ebenfalls fortgeschrittene Verhandlungen geführt, die dann offenbar nicht zum Abschluss führten, weil höhere Angebote auftauchten. Gleichzeitig werden als mögliche Interessenten auch Amazon, Nebius und SpaceX genannt, wobei Elons Musk in dem Kontext angeblich betont haben soll, dass SpaceX Decart nicht übernehmen werde. Allein diese Gemengelage zeigt, wie schnell sich die „Buy-or-Build“-Abwägung in der KI-Infrastruktur verschieben kann, wenn Engpässe sichtbar werden.

Technisch betrachtet ist auffällig, dass Decart nicht nur als „Chip-nahes“ Werkzeug gilt, sondern auch als Modellentwickler mit Video-Fokus. Berichtet wird, dass die Video-Generierung nach Firmenangaben deutlich kostengünstiger ausfällt als bei konkurrierenden Modellen. Das ist für GenAI-Anbieter deshalb mehr als ein Marketingargument: Videoerzeugung und -bearbeitung sind genau jene Workloads, die bei hohen Durchsatzanforderungen besonders schnell zu Rechenzeit und Speicherbandbreite dominierenden Kostenblöcken werden. Decart soll seine Technologie zunächst vor allem auf NVIDIA-GPUs betrieben haben und die Zusammenarbeit mit Amazon danach intensiviert haben. Für einen potenziellen Käufer wie Anthropic ist die Anschlussfähigkeit an bestehende Infrastruktur entscheidend, weil Reibungsverluste bei Deployment, Optimierung und Monitoring sonst schnell mehr kosten als die reine Modellleistung.

Historisch steht die Meldung zudem in einem außergewöhnlichen Unternehmenszeitfenster. Decart wurde 2023 von Dean Leitersdorf und Moshe Shalev gegründet und beschäftigt laut den Berichten rund 100 Mitarbeitende. Innerhalb kurzer Zeit soll das Unternehmen mehrere Finanzierungsrunden durchlaufen haben: erst ein erstes Investment über 21 Millionen US-Dollar, einen Monat später weitere 25 Millionen US-Dollar bei etwa 500 Millionen US-Dollar Bewertung, danach weniger als ein Jahr später eine Bewertung von rund 3,1 Milliarden US-Dollar. Die Mai-Runde mit 300 Millionen US-Dollar brachte den Wert auf ungefähr 4 Milliarden. Ein Verkauf um 6 Milliarden würde damit nicht nur eine starke Rendite für Investoren bedeuten, sondern auch einen selten schnellen Exit für eine Firma mit noch überschaubarer Produkt- und Kundenhistorie darstellen. Gleichzeitig deutet die schnelle Bewertungserosion der letzten Monate – also das Tempo der Hochbewertung – darauf hin, dass der Markt vor allem die Kombination aus Infrastrukturkompetenz und konkreter Leistungswirkung hoch bewertet.

Für Unternehmen außerhalb des direkten Deals bleibt die eigentliche Lehre pragmatisch: KI-Roadmaps müssen heute deutlicher als früher die Kostenstruktur der Ausführung mitdenken. Trainingskosten sind sichtbar; Betriebskosten und Inferenz-Performance entscheiden im Alltag über Skalierung, Service-Level und Margen. Wenn Anthropic Decarts Optimierungs-Know-how tatsächlich integriert, kann das ein Signal an andere große Anbieter sein, dass Inference-Engineering und Systemoptimierung zu den zentralen Differenzierungsmerkmalen werden. Gleichzeitig unterstreicht die gemeldete Wettbewerbslage, dass auch Chip- und Cloud-Anbieter zunehmend versuchen, sich Zugriff auf solche Optimierungstechnologien zu sichern, statt nur rohe Rechenleistung bereitzustellen.


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