LONDON (IT BOLTWISE) – Bärenmärkte lassen sich statistisch scharf von kleinen Rücksetzern trennen: Die UBS setzt die Grenze bei mehr als 20 Prozent Rückgang im S&P 500. Entscheidend ist dabei nicht nur der Kursverfall, sondern ob Anleger während der Baisse verkaufen und damit Verluste realisieren. Laut Auswertungen von Charles Schwab dauern Bärenmärkte im Schnitt rund 14 Monate, die Spanne reicht dabei von etwa drei Monaten bis fast drei Jahren. Für die Praxis rückt vor allem eine Liquiditätsstrategie in den Fokus, ergänzt durch Tax-Loss-Harvesting und Rebalancing.

Wer an der Börse nur den „schlechten Monat“ sieht, übersieht häufig den Unterschied zwischen einem spürbaren Rücksetzer und einem echten Bärenmarkt. Die UBS grenzt in ihrem „Bear Market Guidebook“ Verluste klar ab: Rangieren sie zwischen 10 und 20 Prozent, spricht die Bank von einer „Bull Market Correction“. Alles darunter wird als gewöhnlicher „Dip“ oder „Pullback“ eingeordnet, während erst ab einem Rückgang von mehr als 20 Prozent vom Hoch bis zum Tief im S&P 500 von einem Bärenmarkt die Rede ist. Diese Schwelle wirkt auf den ersten Blick willkürlich, sie soll laut der Darstellung vor allem das kurzfristig schmerzhafte Ereignis von der länger andauernden Abwärtsphase trennen.
Damit wird auch ein zweiter Punkt greifbar: Bärenmärkte folgen nicht nur einem Tempo, sondern häufig einem Ablauf. In der UBS-Logik trennt sich eine eigentliche Drawdown-Phase vom anschließenden Erholungsabschnitt bis zum nächsten Allzeithoch. Interessant ist dabei der Anteil der Zeit, die Aktien historisch in der Nähe von Rekordständen verbracht haben: Nach Berechnungen der UBS liegen Aktien rund zwei Drittel der Zeit auf oder nahe einem Hoch, Bärenmärkte sind damit eher Ausnahme als Regel. Wer daraus Rückschlüsse für die eigene Planung zieht, sollte das Timing nicht als Überraschung behandeln, sondern als wiederkehrendes (und statistisch selteneres) Marktregime.
Wie konkret solche Regime ausfallen, liefert die Gegenüberstellung, die Charles Schwab anhand von CFRA-Daten für die vergangenen zwölf US-Bärenmärkte im S&P 500 ausführt. Die kürzesten Phasen sollen demnach rund drei Monate gedauert haben – genannt werden 1987 und 1990. Auf der anderen Seite steht der längste Bärenmarkt zwischen 1946 und 1949 mit einer Dauer von rund drei Jahren. Im Mittel liegt die Bärenmarkt-Dauer bei etwa 14 Monaten, die Tiefe schwankt dabei ebenfalls spürbar: Der mildeste Bärenmarkt 1990 kostete den Index rund 20 Prozent, während der bislang schwerste Zeitraum während der Finanzkrise zwischen 2007 und 2009 etwa 59 Prozent Verlust über rund 27 Monate mit sich brachte. Der Durchschnitt früherer Bärenmärkte hätte dabei etwa 34 Prozent Rückgang bedeutet, was die Bandbreite vom „durchatmen“ bis „durchhalten unter Stress“ illustriert.
Der stärkste praktische Hebel steckt jedoch in der von UBS betonten Unterscheidung zwischen „Pain“ und „Damage“. Kursverluste seien zunächst vor allem schmerzhaft, weil sie auf dem Papier stehen; echte, dauerhaft nachwirkende Schäden entstünden erst dann, wenn Anleger im Zuge des Einbruchs verkaufen. Wer während einer Baisse verkauft, realisiert Verluste und verpasst zugleich die anschließende Erholung – aus statistischen Kurven wird damit ein persönlicher „Pfadabhängigkeits“-Effekt. Besonders kritisch sieht die UBS dabei Ruheständler, die ohne ausreichende Liquiditätsreserve gezwungen sein könnten, während der Schwächephase Teile des Portfolios zu verkaufen, um laufende Ausgaben zu decken.
Als Gegenmittel formuliert die UBS eine Liquiditätsstrategie, die nicht auf Durchhalteparolen basiert, sondern auf Zahlungsfähigkeit in der Krise. Bargeld und kurzlaufende Anleihen sollen laufende Ausgaben abdecken, damit das langfristig ausgerichtete Portfolio nicht angetastet werden muss, wenn sich Kurse temporär im freien Fall bewegen. Für die Umsetzung heißt das in der Praxis: Liquidität als Puffer nicht erst „wenn es schon fällt“, sondern so zu planen, dass sie zur eigenen Ausgabenstruktur passt. Ergänzend nennt die UBS mehrere Maßnahmen, die über das reine Aushalten hinausgehen. Dazu zählt etwa Tax-Loss-Harvesting: Gezieltes Realisieren von Verlusten zu steuerlichen Zwecken, das im Zeitverlauf laut UBS-Schätzung rund 0,5 Prozentpunkte zusätzliche Rendite nach Steuern pro Jahr bringen kann. Auch regelmäßiges Rebalancing – also das Zurückführen auf die ursprüngliche Portfolio-Gewichtung – wird als tendenziell positiver Treiber eingeordnet, unabhängig davon, wie lange sich die Erholung noch verzögert.
Bei direkten Absicherungsstrategien gegen Kursverluste rät die UBS hingegen eher ab. Der Kern der Begründung: Wer sich gegen jede Abwärtsbewegung „einkaufen“ möchte, zahlt dafür typischerweise mit einer spürbar geringeren Rendite in Aufwärtsphasen, und genau diese seien historisch deutlich häufiger als Bärenmärkte. Wer die Statistik von Charles Schwab daneben legt, versteht warum diese Vorsicht plausibel wirkt: Ein Bullenmarkt dauere im Schnitt etwa 60 Monate und bringe einen durchschnittlichen Kursanstieg von rund 165 Prozent. Das verändert die Zielarchitektur für Anleger: Nicht jede Absicherung gegen kurzfristiges Risiko ist automatisch sinnvoll, wenn die Kosten im häufigeren „guten“ Regime die erwartete Rendite stärker drücken. In Summe liefern UBS und Schwab damit eine datengestützte Lesart von Bärenmärkten – als Phase mit definierten Schwellen, mit klarer Prozesslogik und vor allem mit Verhaltenskonsequenzen, die sich über Liquiditätsplanung, steuerorientierte Verlustnutzung und konsequentes Rebalancing aktiv steuern lassen.
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