LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Polen will die Anmeldung von Kraftfahrzeugen deutlich strenger kontrollieren, um Versicherungstricks durch ausländische Halter einzudämmen. Im Fokus steht ein Verfahren, bei dem Fahrzeuge aus dem italienischen Register gelöscht und anschließend als polnische Leasingfahrzeuge angemeldet werden. Laut polnischen Versicherungsstellen haben sich die entsprechenden Schadensfälle in Italien seit 2021 massiv erhöht. Betroffen ist auch die Frage, wie künftig bei der Hauptuntersuchung eine Fotoprüfung als Nachweis wirkt.

Fake-Kennzeichen in Polen: 80 Mio. Euro Schadensersatz für Versicherungsfälle
Fake-Kennzeichen in Polen: 80 Mio. Euro Schadensersatz für Versicherungsfälle (Foto: IT BOLTWISE)
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Polen setzt bei der Kfz-Zulassung an der Quelle an: Die Regierung plant deutlich strengere Kontrollen, um einen wiederkehrenden Versicherungsmissbrauch zu stoppen, bei dem Halter hohe Prämien im Heimatland umgehen. Besonders im Blick stehen dabei Fälle, in denen Fahrzeughalter aus Italien polnische Kennzeichen nutzen, um die Kosten der Kfz-Haftpflichtversicherung zu drücken. Für das polnische Versicherungssystem entsteht daraus ein spürbarer finanzieller Druck, weil die Schadensabwicklung über Grenzen hinweg funktioniert und nicht einfach an nationalen Zuständigkeiten endet. Genau an diesem Zusammenspiel setzt nun auch die Forderungsstrategie an, die in der Berichterstattung bereits mit einer Summe von 80 Mio. Euro in Verbindung gebracht wird.

Technisch und administrativ wirkt das vor allem deshalb so wirksam, weil sich durch die Art der Anmeldung die Prämienlogik verschiebt. Die Kostendifferenz in Italien liefert dabei den Anreiz, wie der Blick auf Zahlen aus dem Markt zeigt: In der Region Kampanien, konkret in Neapel, liegt die durchschnittliche Versicherungsprämie laut IVASS-Daten für das vierte Quartal des vergangenen Jahres bei 617 Euro pro Jahr. Der italienische Landesdurchschnitt wird mit 437 Euro angegeben, das entspricht einem Anstieg von 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders Fahranfänger seien belastet und müssten oft über 2.000 Euro jährlich zahlen. Wenn sich dann ein Weg eröffnet, diese lokale Kostensituation durch eine ausländische Zuordnung indirekt zu umgehen, entsteht ein „Markt“ für genau solche Umgehungsmodelle.

Ein Teil dieses Umgehungsmodells ist als „proceder w?oski“ bekannt: Dabei werden Fahrzeuge aus dem italienischen Register gelöscht und anschließend als polnische Leasingfahrzeuge angemeldet. Laut den Angaben im Bericht liegen die Kosten im ersten Jahr bei etwa 600 bis 800 Euro, in den Folgejahren sinken sie auf rund 350 Euro. Entscheidend ist die Wirkung auf die Versicherungslogik: Polnische Kennzeichen und eine polnische Leasing-Zuordnung können dazu führen, dass nicht mehr die italienische Prämienhöhe als Referenz zählt. Gleichzeitig machen die Zahlen die Größenordnung greifbar: Für Neapel wird geschätzt, dass dort rund 35.000 Autos mit polnischen oder bulgarischen Kennzeichen unterwegs sind. Auf Provinzebene wurden im vergangenen Jahr 14.066 Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen registriert, der Großteil davon entfiel auf polnische Zulassungen; landesweit wird die Zahl solcher Fahrzeuge in Italien mit 68.228 beziffert.

Die Folgen schlagen sich dann in den Schadendaten nieder. Das Polnische Büro der Kfz-Versicherer (PBUK) berichtet, dass die Schadensfälle aus Italien im Zeitraum 2021 bis 2025 um das 17-Fache gestiegen seien, während sich die entsprechenden Auszahlungen im selben Zeitraum verzehnfacht hätten. Auch ein direkter Jahresvergleich zeigt die Dynamik: Im Jahr 2024 seien 514 Unfälle in Italien durch nicht versicherte polnische Fahrzeuge registriert worden; 2025 stieg die Zahl auf etwa 1.300 Fälle, also um mehr als 150 Prozent. Parallel wuchsen die Schadenssummen von 6,9 Mio. Zloty (2024) auf 18,4 Mio. Zloty (2025), was im Bericht als Summe von über 4 Mio. Euro beschrieben wird. Insgesamt habe das PBUK im Jahr 2025 Auszahlungen in Höhe von 41,7 Mio. Zloty (ca. 9,7 Mio. Euro) für Schäden geleistet, die durch nicht versicherte Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen im Ausland verursacht wurden.

Damit steigt zugleich das rechtliche Risiko auf beiden Seiten der Grenze. Laut PBUK hat man bereits 500 Klagen in Italien eingeleitet, die sich auf Unfälle mit nicht versicherten Fahrzeugen mit polnischen Kennzeichen beziehen. Polen fordert außerdem von den betroffenen italienischen Autofahrern Schadenersatz in einer Gesamthöhe von 80 Mio. Euro. Diese Zahlen zeigen weniger „Einzelfälle“ als vielmehr ein Muster, das sich durch standardisierte Verwaltungswege reproduzieren kann. Um die Regressarbeit zu beschleunigen, arbeitet das PBUK nach den Angaben im Bericht eng mit der italienischen Organisation UCI zusammen und nutzt eine spezielle Kontaktlinie für Regressforderungen. Für Versicherer bedeutet das: Regressprozesse werden deutlich planungsrelevanter, weil die Zahl der anzuschiebenden Fälle mit dem Zulassungs- und Schadensvolumen korreliert.

Auf der Regulierungsebene plant Polen weitere Gegenmaßnahmen, die nicht nur Sanktionen nachträglich ermöglichen, sondern vor allem die Entstehung der Lücke verhindern sollen. Geplant ist eine Verschärfung der Hauptuntersuchung, bei der eine Fotoprüfung als obligatorischer Nachweis dienen soll. Das ist im Kern ein Prozess- und Identitätsproblem: Wenn Fahrzeugidentifikation und -status stärker an die physische Prüfung gekoppelt werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrzeug in verschiedenen Registern mit unterschiedlicher Historie „durchrutscht“. Darüber hinaus fordert das PBUK weitergehende Gesetzesänderungen, unter anderem ein integriertes System, das eine automatische Abmeldung von Fahrzeugen vorsieht, sobald keine gültige Versicherung oder technische Untersuchung mehr vorliegt. Für die Branche ist das ein Hinweis, wie sich Automatisierung in der Kfz-Verwaltung an Risikoaufklärung koppelt: weniger manuelle Prüfpfade, mehr Datenkonsistenz entlang der Lebensdauer eines Fahrzeugs.

Für europäische Versicherer, Fuhrparks und Fahrzeughalter hat die Entwicklung mehrere praktische Konsequenzen. Erstens steigt der Druck, Zulassungen und Versicherungsstatus lückenlos zu dokumentieren, weil technische Prüfungen und Registereinträge enger verzahnt werden sollen. Zweitens verschiebt sich die Betriebspraxis hin zu stärkerer „Compliance-by-Design“: Wer grenzüberschreitend arbeitet, muss davon ausgehen, dass Behörden und Versicherungsstellen den Abgleich von Identität, Historie und Versicherung wahrscheinlicher automatisiert vornehmen. Daneben entsteht ein Wettbewerb um Prozessqualität: Organisationen, die Regress- und Schadensdaten schneller auswerten, können ihre Forderungen gezielter adressieren, während sich verzögerte Abläufe in höheren Verlustquoten widerspiegeln. Unterm Strich ist die Nachricht daher weniger eine bloße Strafandrohung, sondern ein Signal, dass administrative Schlupflöcher im Kfz-Versicherungsmarkt zunehmend datengetrieben geschlossen werden.


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