BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berliner Volksbühne lässt vor dem Haus ein temporäres Freibad („Volksbad“) stehen und reserviert an einzelnen Tagen Zeiten für ausgewählte Vereine. Der Intendant Matthias Lilienthal begründet das mit dem Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz und spricht von positiven Maßnahmen. Kritiker verweisen auf ein diskriminierendes Gefühl durch zeitweise Exklusivität. Unabhängig von der Debatte bleibt das Bad wegen Problemen mit den Duschen zunächst geschlossen, soll aber am Freitag wieder öffnen.

Vor der Berliner Volksbühne steht seit dem 7. August 2026 das „Volksbad“: ein rund 5 Meter langes und 1,30 Meter tiefes Freibad direkt vor dem Theater, der Eintritt ist kostenlos. Genau an dieser Kombination aus öffentlicher Zugänglichkeit und zeitweiser Exklusivnutzung entzündet sich die Debatte. Der Intendant Matthias Lilienthal verteidigt das Vorgehen und argumentiert, es gehe um einen geordneten Rahmen für Gruppen, die diskriminierende Erfahrungen machen. Damit wird aus einem scheinbar simplen Sommerangebot ein konkreter Testfall dafür, wie Antidiskriminierung im Alltag öffentlicher Einrichtungen umgesetzt werden kann.
Im Kern geht es um ein Konzept, das sich bewusst nicht als „Ausschluss“ versteht, sondern als temporäre Einladung an bestimmte Organisationen. Lilienthal verweist darauf, dass das Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz einen Rahmen vorsieht, in dem betroffene Gruppen sich diskriminierungsfrei bewegen können. Praktisch bedeutet das: An einzelnen Tagen sind Schwimmzeiten für bestimmte Vereine reserviert, danach öffnet das Becken wieder für den regulären Badebetrieb. Für diesen Freitag ist unter anderem der Verein „Each One Teach One“ (EOTO) genannt, der das Bad zwischen 12 und 18 Uhr exklusiv nutzen kann. Anschließend soll der normale Zugang wieder greifen.
Die Kritik setzt dort an, wo der Gesetzeszweck auf das subjektive Erleben trifft. So äußerte AfD-Chefin Alice Weidel, sie empfinde die Praxis als „Apartheid“ und nahm damit Bezug auf das frühere politische System in Südafrika. Der Vorwurf verweist sinngemäß auf eine Ungleichverteilung von Macht und Zugang. Ergänzend schilderte eine junge Berliner CDU-Kommunalpolitikerin Unverständnis und erklärte sinngemäß, sie dürfe nicht in das Freibad, weil sie weiß sei. In dieser Argumentation wird die zeitweise Reservierung nicht als Schutzraum interpretiert, sondern als Benachteiligung eines unbeteiligten Individuums – selbst dann, wenn der gesamte Badebetrieb ansonsten öffentlich und kostenlos organisiert ist.
Dem hält Lilienthal entgegen, es handle sich um positive Maßnahmen für strukturell benachteiligte Menschen. Er verweist darauf, dass die Volksbühne grundsätzlich und besonders mit diesem Programm strukturell benachteiligte Gruppen fördern will. Entscheidend ist dabei die Deutung der Situation: Wer am Reservierungstag nicht teilnehmen könne, sei nicht dauerhaft ausgeschlossen, sondern betroffen von einer zeitlich begrenzten, zielgerichteten Nutzung. Zusätzlich argumentiert der Intendant, auch Berliner Bäder würden immer wieder für Vereinsveranstaltungen reserviert. Die Frage „Ist das Diskriminierung, wenn andere Personen das Bad an diesem Freitag für einige Stunden nicht nutzen dürfen?“ wird damit im politischen Streit weniger als juristisches Entweder-oder geführt – und mehr als Streit darüber, welche Perspektive man bei der Bewertung einnehmen sollte: die Gleichbehandlung am Zugangspunkt oder den Schutz vor diskriminierenden Erfahrungen für bestimmte Gruppen.
Die konkrete Auswahl der Vereine soll die Stoßrichtung der Maßnahme verdeutlichen. Neben EOTO werden für weitere Tage weitere Organisationen genannt: etwa „Gangway-Crew“, die Straßensozialarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen organisiert, sowie „Flussbad Berlin“, das die Aufhebung eines pauschalen Badeverbots in der Spree fordert. Damit wird das Volksbad in eine größere Landschaft zivilgesellschaftlicher Aktivitäten eingeordnet, nicht nur in die reine Freizeitlogik eines Freibades. Technisch und organisatorisch unterscheidet sich das Modell im Alltag wenig von anderen temporären Belegungen, wie sie öffentliche Schwimmbäder kennen – nur dass hier die Begründung explizit im Bereich Antidiskriminierung und Empowerment liegt und die Nutzergruppe nicht rein nach Kapazitätslogik, sondern nach Zielsetzung ausgewählt wird.
Unabhängig von der politischen Debatte bleibt der Betrieb planerisch an Bedingungen geknüpft. Weil es Probleme mit den Duschen gibt, ist das Volksbad seit Dienstag geschlossen; die Programmvorschau kündigt allerdings an, dass es am Freitag wieder öffnen soll. Gerade diese Verknüpfung von Infrastruktur-Realität und gesellschaftlichem Ziel macht den Fall greifbar: Selbst wenn man die Idee einer „diskriminierungsfreien Bewegungsfreiheit“ für Gruppen inhaltlich teilt, entscheidet im Betrieb am Ende, ob Duschen funktionieren, ob Personal da ist und ob die Zugangssituation zuverlässig geregelt werden kann. Für die Volksbühne ist außerdem zentral, wie die Besucherkommunikation formuliert wird. Lilienthal bittet um Respekt, dass bei der Veranstaltung nur der Besuch der betroffenen Gruppe erbeten sei – ein Hinweis, der weniger juristisch als kommunikativ wirkt, aber praktisch darüber entscheidet, wie Konflikte im Eingangsbereich ausgetragen werden.
Als nächstes wird vor allem beobachtet, ob das Konzept in der Praxis „gut genug“ vermittelt wird, um weniger Reibung zu erzeugen. Denn bei temporären Reservierungen entsteht fast zwangsläufig eine Grauzone: Wer zufällig außerhalb der Reservierungszeit erscheint, erhält nicht nur keine Leistung, sondern bekommt die Regel sichtbar zu spüren. Aus Unternehmens- und Verwaltungs-Sicht ist der Vorgang damit auch ein Organisationsproblem: Welche Beschriftung, welche Vorabinformation, welche Ansprechperson am Tag selbst sorgen dafür, dass sich niemand stigmatisiert fühlt? Der Fall zeigt zudem, dass Antidiskriminierung nicht nur aus Gesetzestexten besteht, sondern aus konkreten Betriebsabläufen, die Konsistenz, Transparenz und ein bewusstes Erwartungsmanagement brauchen. Ob das Volksbad als Vorzeigeprojekt wahrgenommen wird oder eher als Symbol für „Exklusivität durch Zweck“, dürfte sich damit weniger an der Grundidee als an Details der Umsetzung entscheiden.
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