LONDON (IT BOLTWISE) – Airtable wird für 1,285 Milliarden US-Dollar Enterprise Value in einem All-Cash-Deal übernommen, wobei das Unternehmen netto über Bargeld verfügt. Damit liegt die abgeleitete Equity-Bewertung bei rund 2,25 Milliarden US-Dollar und nicht mehr bei der früher viel stärker beachteten Spitze von 11,7 Milliarden. Für Mitarbeitende rückt das Thema Aktienoptionen in den Fokus: Entscheidend sind nicht die Schlagzeilen aus Finanzierungsrunden, sondern 409A-Werte, Strike-Preise und mögliche Liquidation Preferences. Offen bleibt, wie viel davon im konkreten Fall nach Rangfolge und Auszahlungslogik tatsächlich bei den Inhabern von Optionen ankommt.

Der Verkauf von Airtable wirkt auf den ersten Blick wie ein typischer Exit aus dem Startup-Kosmos. Doch der zentrale Wertimpuls liegt nicht allein in der übernommenen Firma, sondern in der Relation zwischen dem früheren Börsenfantom und dem heutigen Preis. Wie aus dem Deal hervorgeht, vereinbart Bending Spoons die Übernahme von Airtable als All-Cash-Transaktion mit einem Enterprise Value von 1,285 Milliarden US-Dollar. Die Netto-Sicht auf Airtable liefert anschließend eine abgeleitete Equity-Bewertung von rund 2,25 Milliarden US-Dollar. Damit verschiebt sich die Wahrnehmung von „Unicorn-Wert“ hin zu der Frage, was in einem konkreten Liquidations- oder Veräußerungsszenario am Ende beim Common Stock bzw. bei ausstehenden Optionen übrig bleibt.
Diese Lücke erklärt sich über die Mechanik von Mitarbeiteroptionen. Employee Stock Options werden in der Praxis häufig über die 409A-Bewertung der Common Shares bepreist und nicht über die allgemein bekannte Bewertung aus dem letzten Finanzierungs-„headline“. Genau diese Unschärfe wird im Airtable-Beispiel besonders sichtbar: Laut Daten von Carta lag der mediane 409A-Fair-Market-Value-Preis in den vergangenen 12 Monaten bei nur 20 Prozent des most recent preferred-share price. Selbst bei späteren Finanzierungsrunden (ab Series D) lag der Median demnach bei 36 Prozent. Hamza Shad, Insights Manager bei Carta, bringt den Kern auf den Punkt: „409A valuations are noticeably lower even at later stages because they price common shares, which do not carry the economic protections, governance rights, and liquidity that investors’ preferred shares do.“ Damit wird klar, warum ein Mitarbeiter, der Optionen erhielt, als das Unternehmen in der Wahrnehmung noch bei 11,7 Milliarden US-Dollar stand, nicht automatisch Common-Aktien „wie 11,7 Milliarden“ im Portfolio hatte.
Noch stärker als die 409A-Bewertung bestimmen jedoch die Kapitalstruktur und die Rangfolge bei einer Übernahme, also Liquidation Preferences. Preferred Investors können dabei Auszahlungsrechte besitzen, die im Exit-Fall vor Common Shareholdern bedient werden. Mary Russell, Gründerin von Stock Option Counsel, fasst dieses Risiko so zusammen: „If an acquisition price is at or below those preferences, the common shares would not be paid out.“ Erst wenn die Transaktionssumme diese Preferences „clears“, rückt der Strike Price der Optionen in den Mittelpunkt. Russell erläutert die daraus folgende Logik: „If the common price/share paid in a deal is more than the option strike price, those option holders are likely to be paid out for their vested, unexercised options.“ Für Airtable gilt im Bericht zudem eine weitere Einschränkung: Das Unternehmen habe die relevanten Mitarbeiter-Strike-Preise, die 409A-Werte sowie genug Details zur Preference-Struktur nicht öffentlich offengelegt, um für einzelne Mitarbeitende verlässlich zu berechnen, was am Ende ausgezahlt wird.
Der „Boom-to-Bust“-Effekt ist im Airtable-Fall nicht nur eine Rechenübung, sondern auch ein organisatorischer Fingerabdruck. Die Entwicklung folgt laut Beschreibung dem breiteren Rückzug von Startup-Bewertungen, der ab 2021 für viele Unternehmen eingesetzt hat. Airtable reduzierte 2022 zunächst 254 Beschäftigte und anschließend 237 weitere in 2023; Howie Liu räumte später ein, dass das Unternehmen in einer Phase reichlich vorhandenen Kapitals „hyper-scaled“ habe. Solche Einschnitte sind für Mitarbeitende oft nur indirekt sichtbar, während die Optionserwartungen häufig am letzten großen Wertversprechen hängen. Genau hier setzt die Kritik an: Tyler Denk, Co-Founder und CEO von Beehiiv, stellte in seinem Kommentar die Risiken für Beschäftigte in den Vordergrund. In seiner Formulierung handelt es sich laut dem Bericht um eine „cautionary tale“ – nämlich auch für Mitarbeitende, die „a massive risk without understanding what their equity is actually worth“ eingehen.
Bemerkenswert ist, dass der Bericht nicht bei Airtable stehen bleibt, sondern den Abwärtsdruck im Markt kontextualisiert. Down Rounds machten demnach in mehr als 20 Prozent der neuen Venture-Financings in sieben von acht Quartalen zwischen Mitte 2023 und Anfang 2025 den größten Anteil aus. Für die praktische Planung von Mitarbeitenden bedeutet das: Der private Sekundärmarkt, über den einzelne Investorengruppen während des Booms Geld entnehmen konnten, ist nicht automatisch ein gleichwertiger Liquiditätskanal für alle Beschäftigten. Freestyle Capital, das die Seed-Runde angeführt hatte, habe in späteren Secondary-Transaktionen Teile seiner Beteiligung veräußert. Dave Samuel, der Early Investor, sagt, er kenne Howie Liu seit dessen Duke-Zeit und habe ihn später als Praktikant eingestellt; er wolle hoffen, dass es für Mitarbeitende ähnliche Möglichkeiten gegeben habe („I hope there was“). Selbst ohne belastbare Vergleichsdaten unterstreicht das die zweite Botschaft: Nicht nur die Bewertungsformel, sondern auch der Zugang zu Cash-Out-Fenstern entscheidet darüber, wie real Optionen werden.
Technisch und vertraglich wird der Unterschied zwischen „Zahlen, die man hört“ und „Zahlen, die man bekommt“ am einfachsten greifbar, wenn Mitarbeitende ihre Optionsunterlagen konsequent gegenprüfen. Russell nennt dafür im Bericht konkrete Fragen: den most recent Investor price per share, die Liquidation Preferences des Preferred Stocks sowie die Bedingungen, die für die eigenen Grants gelten. Genau diese Prüfung trennt Schlagzeilen von tatsächlichem Wert, denn ein multibillion-dollar Funding-Announcement zeigt nicht automatisch den Fair Value des Common Stocks. Die Auszahlung beim Exit hängt an weniger glamourösen Parametern: Strike Price, Common-Stock-Valuation, Ownership Stake, investor preferences und schließlich dem Timing bzw. den Möglichkeiten zur Liquidität. Für die Organisation am Ende zählt daher weniger die frühere „Unicorn-Erzählung“, sondern wie viel Equity-Ökonomie nach Rangfolge übrig bleibt.
Gleichzeitig ist der Airtable-Deal nicht nur eine Abrechnung der Vergangenheit. Der Bericht erwähnt, dass Hyperagent, Airtable’s neuere KI-Geschäftseinheit, in eine separate Gesellschaft verschoben wurde und damit nicht Teil der Akquisition ist. Bending Spoons erwartet, den Deal später in diesem Jahr abzuschließen – vorbehaltlich der regulatorischen Prüfung. Bis dahin operiert Airtable eigenständig. Am Ende wird die finale Auszahlung zeigen, wie viel von der früheren 11,7-Milliarden-Bewertungs-Erzählung im Szenario Common Equity tatsächlich überlebt. Für Mitarbeitende ist das Ergebnis damit weniger eine Überraschung als eine Einladung, künftig die Bewertungs- und Preference-Mechanik so früh wie möglich in die eigene Erwartung einzubauen.
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