STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Anhaltende Hitze und Trockenheit lassen in Baden-Württemberg die Futterbestände stark schrumpfen. Laut Landesbauernverband stehen den Betrieben derzeit 30 bis 40 Prozent weniger Futter als sonst zur gleichen Jahreszeit zur Verfügung. In Schwäbisch Hall und Umgebung melden Schlachthöfe bereits Wartelisten, weil Tiere früher als geplant abgegeben werden. Parallel steigen die Kosten für verfügbare Ware spürbar, während vom Feld kaum Nachschub zu erwarten ist.

Die Trockenheit in Baden-Württemberg trifft die Tierhaltung nicht erst in den kommenden Monaten, sondern bereits jetzt in der täglichen Betriebsplanung. Wenn Wiesen vertrocknen und auf dem Grünland kaum neue Biomasse nachwächst, bricht die Kette aus Wachstum, Futtergewinnung und Versorgungspuffer zusammen. Der Landesbauernverband Baden-Württemberg beschreibt die Lage für die Landwirte damit als akuten Engpass: Aktuell stünden 30 bis 40 Prozent weniger Futter zur Verfügung als sonst um diese Zeit. Besonders problematisch sind die fehlenden Reserven für die kommenden Wochen, weil viele Betriebe auf Gras und Heu angewiesen sind.
Für viele Höfe bedeutet der Futtermangel allerdings nicht nur „weniger“, sondern „zu früh“. In mehreren Regionen würden Tiere aufgrund der angespannten Futtersituation frühzeitig zur Schlachtung gegeben, sagt Dominik Modrzejewski vom Bauernverband. In Schwäbisch Hall und Umgebung nennt der Verband bereits Wartelisten bei Schlachthöfen. Der Hintergrund ist betriebswirtschaftlich wie physiologisch: Wer nicht ausreichend Futter einplanen kann, muss Entscheidungen treffen, bevor sich Gesundheitszustand und Vermarktungsfenster ungünstig entwickeln. Konkretes Beispiel liefert Harald Gronbach aus Crailsheim, der ältere Kühe und Tiere mit geringerer Eignung für die Zucht früher hat schlachten lassen.
Dass diese Entscheidungen wirtschaftlich schmerzhaft sind, zeigt der Blick auf einzelne Betriebsparameter und Kostenblöcke. Gronbach, der insgesamt 130 Milchkühe hält, warnt für die Zeit bis Herbst vor einem weiteren Druckanstieg: „Bis Herbst muss es regnen, sonst ist die Existenz des Betriebs auch bedroht“, sagt der 59-Jährige. Gleichzeitig sei der Zukauf von Futter zu einem immer größeren Risiko geworden. Der Landesbauernverband nennt für verfügbare Ware Preissteigerungen von etwa 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hinzu kommt: Vor allem Betriebe mit Vieh benötigen zusätzliches Futter, während die verfügbaren Mengen regional ohnehin knapper werden.
Auch der Nachschub vom Feld fällt in der Breite aus, und das verschärft die Lage über das Grünland hinaus. Modrzejewski berichtet, dass der zweite Schnitt auf dem Grünland in fast allen Regionen kaum nennenswerte Aufwüchse gebracht habe. Teilweise seien der dritte und vierte Schnitt vollständig ausgefallen. Aus dem Kreis Reutlingen würden Ertragseinbußen im Durchschnitt rund 50 Prozent gemeldet. Gerade diese mehrmaligen Schnittfolgen sind in der Praxis wichtig, weil sie die Futterbasis über den Sommer tragen und die Winterreserve absichern sollen.
Die Trockenheit greift dabei nicht nur das Gras an, sondern auch den Mais, und zwar in mehreren Produktionsregionen. Im Raum Schwäbisch Hall, Hohenlohe und Rems wird laut Verband teilweise 30 bis 50 Prozent weniger Menge erzielt. Regional kommen außerdem erhebliche Schäden durch Hagel- und Unwetter hinzu. Der Bauernverband beschreibt als Folge, dass Maisbestände teilweise vorzeitig gehäckselt werden müssen, ohne dass ausreichende Futterqualität und -menge erreicht werden können. In einigen Regionen werde deshalb bereits Körnermais als Silomais genutzt, was in der Praxis zwar kurzfristig helfen kann, aber die Planbarkeit und die Qualitätsanforderungen für die Rationsgestaltung verändert.
Während der Futterengpass die Höfe kurzfristig in Richtung „Verwertung statt Aufschub“ drängt, erhöht sich gleichzeitig der Handlungsdruck auf der politischen Ebene. Der Verband sieht einen Mix aus hohen Betriebsmittelkosten und niedrigen Erzeugerpreisen, während Ernten ausfallen. Gefordert wird schnelles und unbürokratisches Handeln von Bund und Land. Eine zentrale Idee ist, vorhandene Flächen stärker für die Futternutzung zu mobilisieren: So sollen Stilllegungen aus den Öko-Regelungen kurzfristig für die Futterproduktion freigegeben werden, und auch Bracheflächen sollen dafür nutzbar werden.
Konkreter wird der Verband bei der Frage, welche finanziellen Entlastungen zusätzlich notwendig sind. Neben einer Anpassung der EU-Hilfen verlangt er, die für Deutschland vorgesehenen Mittel wegen der hohen Düngemittelpreise von rund 60 auf 180 Millionen Euro aufzustocken. Bei den Energiekosten wiederum wird Entlastung wie etwa ein Tankrabatt gefordert, weil die Landwirtschaft von Maschinen über die Ernte bis zur Futterbergung in besonderem Maße auf Diesel angewiesen ist. Insgesamt macht der Fall Baden-Württemberg deutlich, wie stark Wetterextreme inzwischen in die Prozesskette der Tierhaltung eingreifen: Nicht nur die Ernte ist betroffen, sondern auch Schlachttermine, Futterqualität und die wirtschaftliche Stabilität ganzer Betriebe.
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