NEW ORLEANS / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Auswertung aus der UK Biobank verbindet Wein mit einem niedrigeren Risiko für die Gesamtsterblichkeit. Bier und Spirituosen werden dagegen mit höheren Mortalitätsraten in Verbindung gebracht. In der Studie wurden Daten über mehr als 13 Jahre nachverfolgt und die Trinkmengen nach nie/selten, niedrig, moderat und hoch eingeordnet. Die Ergebnisse zeigen zudem Unterschiede zwischen Getränken – nicht nur beim Umfang, sondern auch bei der Art des Alkohols.

Die Diskussion um „weniger ist besser“ bekommt in der Praxis eine neue Nuance: In einer Auswertung aus der UK Biobank zeigt sich, dass nicht allein die Trinkmenge über das Sterberisiko entscheidet, sondern offenbar auch die Art des alkoholischen Getränks. Bei Teilnehmenden, die als „hoch“ konsumierende Gruppe eingeordnet wurden, stieg das Risiko für die Gesamtsterblichkeit. Gleichzeitig unterscheiden sich die Muster bei niedrigem bis moderatem Konsum spürbar: Wein steht in der Studie eher für ein günstigeres Profil, während Bier und Spirituosen mit höheren Risiken assoziiert sind.
Datengrundlage der Untersuchung sind Angaben von 340.924 Teilnehmenden aus dem UK Biobank-Kollektiv. Die Erhebung der Trinkgewohnheiten erstreckte sich über einen langen Zeitraum, mit einer Datenerfassung zwischen 2006 und 2022. Die Nachbeobachtung lag im Durchschnitt bei mehr als 13 Jahren. So können epidemiologische Modelle zwar statistische Zusammenhänge zwischen Getränketyp und Endpunkten wie Gesamtsterblichkeit, Krebssterblichkeit sowie kardiovaskulärer Sterblichkeit quantifizieren, sie können aber keine Ursache im strengen Sinn beweisen.
Zur Einordnung haben die Forschenden die Konsumhäufigkeit und -intensität in Kategorien unterteilt: nie/selten, niedrig, moderat oder hoch. „Hoch“ wurde dabei geschlechtsbezogen definiert: Für Männer lag die Schwelle bei mehr als 40 Gramm pro Tag (entspricht ungefähr drei Standarddrinks), für Frauen bei mehr als 20 Gramm pro Tag (etwa 1,4 Standarddrinks). In dieser Hochkonsum-Gruppe war das Risiko für alle Ursachen der Sterblichkeit um 24 % höher als bei Personen, die nie oder gelegentlich tranken. Auch bei Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigten sich erhöhte Raten: 36 % mehr Risiko für Krebssterblichkeit und 14 % mehr Risiko für kardiovaskuläre Sterblichkeit.
Entscheidend für die praktische Lesbarkeit sind die Ergebnisse im Bereich niedriger und moderater Mengen. Laut den Auswertungen waren Spirituosen, Bier und Cider mit einem signifikant höheren Mortalitätsrisiko verbunden, während die gleiche Größenordnung bei Wein mit einer signifikant niedrigeren Sterblichkeit verknüpft war. Bei moderaten Wein-Trinkenden zeigte sich außerdem ein 21 % niedrigeres Risiko für kardiovaskuläre Todesfälle im Vergleich zu Personen, die nie oder gelegentlich tranken. Umgekehrt berichten die Analysen für niedrige Mengen von Spirituosen, Bier oder Cider ein um 9 % erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Sterblichkeit. Technisch betrachtet entsteht der Eindruck eines Getränkespezifischen Effekts aus der Kombination der statistischen Modelle mit der Einteilung der Teilnehmer nach Getränketyp und Konsumintensität; ob diese Unterschiede biologisch erklärbar sind oder durch Begleitfaktoren verzerrt werden, bleibt eine offene Frage.
Eine mögliche Erklärung liefert die Diskussion um Inhaltsstoffe in Wein. Die Forschenden nennen als Ansatzpunkte beispielsweise Polyphenole und Antioxidantien, die potenziell positive Effekte auf Blutgefäße, Entzündungsprozesse und damit auf die kardiovaskuläre Gesundheit haben könnten. Das ist plausibel, weil Weininhaltsstoffe tatsächlich ein anderes chemisches Profil als Bier oder viele Spirituosen aufweisen. Gleichzeitig ist auch dieser Mechanismus nicht automatisch gleichzusetzen mit „Wein ist sicher“ oder „Wein ist die bessere Wahl“: Selbst wenn bestimmte Stoffgruppen profitieren könnten, können Faktoren wie Essgewohnheiten, soziale Muster, Aktivitätsniveau oder der allgemeine Gesundheitszustand die Ergebnisse überdecken oder verstärken. Im Bericht wird deshalb auch betont, dass die Daten aus der Allgemeinbevölkerung stammen und das Risiko in Hochrisikogruppen – etwa bei bestehenden kardiovaskulären Erkrankungen oder chronischen Krankheiten – potenziell noch anders ausfallen kann.
Für die Einordnung ist zudem wichtig, dass die Aussagekraft klassischerweise durch Design und Messmethode limitiert wird. Da die Studie beobachtend angelegt war, kann sie nicht belegen, dass Wein direkt zu weniger Todesfällen führt oder dass andere Getränke die Sterblichkeit direkt verursachen. Hinzu kommt, dass die Alkoholaufnahme zu Studienbeginn erfasst wurde; Änderungen im Trinkverhalten während der Nachbeobachtung wurden nicht im Detail erfasst. Auch Unterschiede in Ernährung und Lebensstil können je nach Getränketyp variieren. Die Autoren nennen außerdem als weitere Schranke, dass Teilnehmende im UK Biobank-Kollektiv tendenziell gesünder sind als die Gesamtbevölkerung, was die Übertragbarkeit auf alle Gruppen einschränken kann. Genau deshalb fordern sie hochwertige randomisierte Studien, um die beobachteten Unterschiede besser zu bestätigen.
Aus gesundheitspolitischer und klinischer Sicht ergibt sich daraus weniger eine „Getränkeempfehlung“, sondern vor allem ein Hinweis auf differenzierte Beratung. Ein Sucht- und Präventionskontext bringt eine klare Konsequenz ins Spiel: Wenn es um Menschen mit Substanzmissbrauchs-Historie oder mit akuten Problemen im Umgang mit Alkohol geht, ist die Idee einer täglichen Aufnahme grundsätzlich riskant, weil sie die individuelle Situation ignoriert. Die Botschaft lässt sich technologisch und methodisch auf einen Punkt bringen: Epidemiologie liefert Signale, aber sie ist nicht identisch mit individueller Risikobewertung. Für Unternehmen im Gesundheits-Ökosystem, wie Anbieter von digitalen Präventionsprogrammen oder medizinischer Beratung, heißt das, dass Produktempfehlungen oder pauschale Lebensstil-„Optimierung“ eher auf Kategorienbildung verzichten sollten, sobald eine Personengruppe potenziell vulnerabel ist. Gleichzeitig können solche Studien helfen, künftige Leitlinien stärker an der Frage auszurichten, welche Konsummuster tatsächlich mit Risikoänderungen einhergehen – inklusive der Frage, wie man Risikofaktoren bei der Auswertung besser kontrolliert.
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