LOS ANGELES / LONDON (IT BOLTWISE) – In Kalifornien zeigt COVID-19 zunehmend einen deutlichen Sommergipfel, während der Winterhöhepunkt zuletzt deutlich schwächer ausfällt. Laut den Angaben der US-Gesundheitsbehörde wächst COVID-19 derzeit oder dürfte in 43 Bundesstaaten zunehmen. Auf Ebene der Überwachung über Abwasser- und Testdaten ordnet der Bericht Kalifornien als einen der wenigen Staaten mit moderater bis hoher Abwasserverschmutzung ein. Gesundheitsbehörden rücken deshalb die Prävention zeitlich vor – inklusive Empfehlungen für die 2025-26-Impfung.

Sechs Jahre nach Beginn der COVID-19-Pandemie verschiebt sich in Kalifornien das saisonale Muster spürbar: Mehr als nur eine Randbeobachtung, sondern eine Entwicklung, die Gesundheitsstellen inzwischen operativ einplanen. Während viele Atemwegsinfektionen in kühleren Monaten ihren Höhepunkt erreichen, berichten kalifornische Fachleute seit einigen Jahren von einem stärkeren Sommerpeak. Für das laufende Jahr wird der Befund sogar als klarer beschrieben, weil sich die Spikes über mehrere Sommer hinweg nicht wieder „zurück in den Winter“ entwickeln. Das wirkt zunächst wie ein epidemiologisches Detail – ist aber für Planung und Risikokommunikation entscheidend, wenn sich etwa Testkampagnen, Hausarzttermine oder Impfzeitfenster an der falschen Jahreszeit orientieren.
Konkreter wird die Lage über mehrere Messgrößen hinweg: Die US Centers for Disease Control and Prevention nennt für den aktuellen Zeitpunkt 43 Staaten, in denen COVID-19 wächst oder voraussichtlich wachsen wird, darunter Kalifornien. Zusätzlich stützt sich die Überwachung auf Abwasserdaten. Kalifornien zählt dabei zu nur vier Bundesstaaten, in denen die COVID-Wastewater-Aktivität als moderat oder hoch eingestuft wird. In einer Präsentation, wie sie in einem Briefing gegenüber Fachpublikum wiedergegeben wird, stellt Dr. Erica Pan, Direktorin des California Department of Public Health, den Vergleich der Peaks heraus: „Our summer peak was much higher in 2025 than it was in the winter.“ Für Betroffene, die noch keine 2025-26-Impfungen erhalten haben, leitet sie daraus eine pragmatische Empfehlung ab: „Summer is really the bigger peak. So if you do have patients or loved ones who have not gotten the ’25-’26 vaccines, it is still effective and highly recommended, given this surge we’re starting to see.“
Auch die Versorgungssicht passt dazu. Im nationalen Trend erreichten COVID-bezogene Notaufnahmen im Spätsommer den Höhepunkt – gegen Ende August, wobei COVID dort 1,7% der Besuche verursachte. Der Winterpeak lag dagegen bei 1%. In Kalifornien war die Differenz noch deutlicher: Im Sommer wurden 2,1% erreicht, im Winter dagegen nur etwa 0,2%. Damit rückt COVID-19 in eine Art „saisonale Ausnahmeklasse“, zumindest was die Verteilung der Wellen über das Jahr betrifft. Bemerkenswert ist außerdem, dass COVID in den frühen Pandemiejahren noch ein Zweipeakmuster zeigte: Sommer- und Winterwellen traten gleichzeitig auf, und die Winterwellen waren dabei in den Anfangsphasen häufiger tödlich. Schon 2021 zeigen die Zahlen die Dynamik deutlich: wöchentliche COVID-Todesfälle stiegen rund um den Labor Day auf mehr als 15.000 und erreichten Ende Januar nochmals über 21.000. Gründe waren damals unter anderem Indoor-Aufenthalt bei Kälte sowie Reise- und Feiertagskontakte.
Seit mehreren Jahren beobachten Kliniker jedoch eine Verschiebung, die auch in der Virologie und im Immunstatus liegen kann. Dr. Peter Chin-Hong, Infektionsmediziner an der UC San Francisco, beschreibt den Startpunkt als Übergang ab 2024: „It started in 2024. We started seeing a very large summer increase in cases and wastewater and hospitalizations, even dwarfing the winter. And then in 2025, that pattern continued, with more summer cases than winter cases.“ Für die mechanistische Erklärung bleibt allerdings noch Unsicherheit: Es könnte Zufall sein, wie schnell sich neue Virusvarianten durchsetzen, etwa FLiRT als Subvariant im Jahr 2024 sowie Nimbus und Stratus in 2025. Gleichzeitig nennen Fachleute eine zweite, weniger „genetische“ Erklärungslinie: Dr. Elizabeth Hudson, regionale Ärztin bzw. Infectious-Diseases-Leiterin bei Kaiser Permanente Southern California, verweist auf die kumulative Wirkung von geimpfter und natürlicher Immunität sowie auf eine Phase mit geringerer Variantenumwälzung. In ihrer Darstellung heißt es sinngemäß, dass der Herbst und Winter bislang kaum Aktivität zeigten und die Gründe dafür wohl „vielfältig“ seien – darunter ausbleibende markante Variantenschübe und die breiter gewordene Grundimmunität.
Für Betroffene bedeutet die Verschiebung der Wellen vor allem: Der „richtige“ Zeitpunkt für Impfungen kann sich verschieben, selbst wenn die Krankheit insgesamt weniger im öffentlichen Fokus steht. In dem Bericht werden Personen mit erhöhtem Risiko besonders hervorgehoben: ältere Menschen, Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Schwangere sowie Kinder unter fünf Jahren, besonders Säuglinge. Hinzu kommt das anhaltende Thema Long COVID, das weiterhin als vergleichsweise wenig verstandenes Syndrom gilt. Dazu werden auch Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Blutgerinnsel genannt, was die Relevanz jenseits akuter Verläufe unterstreicht. Operational wird es zusätzlich, weil Testpositivität, Abwasserwerte und COVID-bezogene Hospitalisierungen wieder ansteigen. Gleichzeitig zeigt sich ein logistischer Nebeneffekt: Nicht überall ist die jeweils neueste Impfstoffversion sofort verfügbar.
Die kalifornischen Empfehlungen konkretisieren das Zeitfenster für die 2025-26-Impfung. Dr. Pan verweist darauf, dass „Disease is on the rise in California…“ und empfiehlt, sich jetzt zu schützen, weil der Sommerpeak möglicherweise größer ausfällt als der Winter. Für 65+ sowie für Menschen mit Immunschwäche nennt die Behörde zudem eine zweite Dosis sechs Monate nach der ersten. Für die breitere Gruppe gilt: Wer noch keine 2025-26-Dosis erhalten hat oder an der zweiten Dosis vorbeikommt, soll laut den in der Präsentation verwendeten Folien „encouraged“ werden, sich noch vor dem nächsten Anstieg zu impfen. Gleichzeitig gibt es regionale Versorgungslücken: Kaiser bietet die 2025-26-Version offenbar nicht mehr an, erwartet aber die 2026-27-Version bis Ende September. Hudson rahmt das als individuell abwägbare Entscheidung: Wenn Ärztinnen und Ärzte die 2025-26-Dosen noch verfügbar haben, könne man sie jetzt nachholen; wer auf die nächste Version wartet, müsse sich demnach nicht zwingend beeilen, solange der persönliche Risikoprofil-Faktor berücksichtigt bleibt. Chin-Hong legt den Fokus für Hochrisikogruppen hingegen klar auf zeitnahe Impfung: „go and get the shot now“, besonders weil die Sommerwellen in Kalifornien in den letzten zwei Jahren faktisch die neue „Winterfunktion“ übernommen hätten.
Auch die Datenlage aus Regionen innerhalb des Bundesstaats stützt die zeitliche Neubewertung. So wird für die San Francisco Bay Area eine moderate Testpositivität berichtet: 7% der durchgeführten Tests waren für die Woche, die am 1. August endete, positiv, nach 2,7% einen Monat zuvor. Los Angeles County nennt 4,25% statt 2% im Monatsvergleich, Orange County 6,5% statt 2,4%. Gleichzeitig steigen die Hospitalisierungen zwar an, liegen aber noch unter den Niveaus der vergangenen zwei Sommer. Parallel liefert die Abwasserüberwachung einen relativ kleineren „Restwert“ gegenüber dem Peak des letzten Sommers, wodurch der aktuelle Stand als anlaufend statt auskonsolidiert beschrieben werden kann. Ergänzend zeigt die Sterbestatistik, dass COVID-19 zwar insgesamt weniger häufig tödlich verläuft als in den Anfangsjahren, aber weiterhin relevant bleibt: Für 2025 werden in den USA 20.685 COVID-19-Todesfälle auf Death-Certificates-Ebene genannt; für Kalifornien 1.813.
Spannend ist in diesem Kontext auch, wie sich Impfstofftechnik weiterentwickelt. Denn der Bericht verknüpft die saisonale COVID-Dynamik mit einem breiteren Trend im Atemwegsimpfen: Die US Food and Drug Administration hat in dem Zusammenhang einen ersten Flu-Shot zugelassen, der auf mRNA-Technologie basiert – hergestellt von Moderna. Der Impfstoff heißt mFLUSIVA und ist für Erwachsene ab 50 vorgesehen; für 50 bis 64 gilt eine vollumfängliche Zulassung, ab 65 eine beschleunigte Zulassung mit zusätzlicher Nachprüfung in confirmatorischen Studien. Für die Praxis ist vor allem die strategische Logik interessant: mRNA-Plattformen ermöglichen in zukünftigen Saisons eine schnellere Anpassung, falls plötzlich eine neue Virusvariante dominant wird. Genau diese Frage – wie schnell man aus einem neuen Erregersignal Impfstoffe machen kann – war im Rückblick auf die H1N1-„Schweinegrippe“ ein Problem. Für Unternehmen, Kliniken und öffentliche Gesundheitsdienste heißt das: Die Impfplanung wird weniger an starren Kalendern hängen und stärker an Messdaten aus Testen, Abwasser und Versorgungskennzahlen gekoppelt.
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