KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Navid Kermani wirft Köln vor, sich von einer Kulturstadt zu einer Event- und Partymetropole zu entwickeln. Er verweist auf einen Schwerpunktwechsel der Stadtpolitik, auf den sich seiner Ansicht nach auch der Karneval auswirkt. Zugleich betont er, wie stark ihn das historische und kulturelle Erbe der Rheinmetropole prägt – und warum er diese Vielfalt sichtbar machen möchte. Mit dem Buch „Köln. E Jef Gefühl“ lenkt er die Debatte wieder stärker auf Kultur, Geschichte und Toleranz.

Navid Kermani beschreibt Köln nicht als Kulisse, sondern als Versprechen, das aus seiner Sicht zunehmend eingelöst wurde – allerdings mit der falschen Richtung. Der Schriftsteller, der in der Rheinmetropole lebt, kritisiert eine Entwicklung, die die Stadt aus seiner Perspektive weniger als Kulturort inszeniert, sondern vor allem als Event- und Party-Region. Damit verbindet er zugleich eine konkrete Beobachtung: In seinem Blick auf den Karneval spiegelt sich die Veränderung nicht nur in der Stimmung, sondern auch in der Art, wie öffentlicher Raum genutzt und bewertet wird. Kermani stellt dabei nicht die Existenz von Festen infrage, sondern das Verhältnis von Kultur zu Gewohnheit, von Gestaltung zu bloßer Unterhaltung.
Im Zentrum seiner Argumentation steht ein politisch angebahnter Fokuswechsel. Kermani sagt, die Stadtspitze habe viele Jahre darauf gesetzt, Köln nicht als Kulturstadt in Szene zu setzen, sondern als Eventstadt. Als Folge sieht er Köln als „deutsche Party-Metropole“ etabliert – und die „Auswüchse“ dieser Entwicklung würden gerade zu Karneval besonders deutlich. Seine Kritik formuliert er dabei moralisch, aber nicht abstrakt: Er spricht von einer Kultur der „Hemmungslosigkeit“, die sich über den Karneval hinaus verbreitet habe. Damit meint er vermutlich nicht nur lautere Feiern, sondern auch einen veränderten Umgang mit Regeln, Rücksicht und städtischer Verantwortung, der sich im Alltag abzeichnen soll.
Gleichzeitig ist die Kritik bei Kermani keine reines Wegwischen von Kultur. Er knüpft vielmehr an persönliche Erinnerungen an: In den 1980er Jahren sei er zum Studium nach Köln gekommen, und damals habe die Stadt international als Kunst- und Kulturmetropole gestrahlt. Der Autor beschreibt, dass viele Menschen wegen der Kultur nach Köln gezogen seien, besonders Kunst- und Kulturschaffende, bildende Künstler und Musiker. Genau dort setzt sein Spannungsfeld an: Köln habe diesen Status lange Zeit eingebüßt – und zwar, wie er nahelegt, nicht nur durch äußere Verschiebungen nach dem Mauerfall. Dass Berlin nach 1989 die Rolle der großen Kulturmetropole stärker übernehmen konnte, erkennt Kermani an; trotzdem betont er, dass ein Teil des Niedergangs „hausgemacht“ sei.
Technisch betrachtet, lässt sich diese „Hausgemacht“-Linie gut an den von ihm genannten Beispielen festmachen: Kermani verweist auf den Einsturz des Stadtarchivs und auf langwierige Sanierungen von Oper und Schauspielhaus. Für ihn passieren solche Ereignisse nicht „im luftleeren Raum“, weil sie Ergebnis einer langen Vernachlässigung seien. Diese Vernachlässigung bindet laut seiner Darstellung enorme Summen, die dann an anderer Stelle fehlen – ein klassischer Mechanismus in der Stadtfinanzierung: Hohe Investitionsbedarfe für Bau- und Bestandsschutz entstehen oft erst in der Krise, aber sie „fressen“ Budgets, die für neue Vermittlungskonzepte, Programmplanung und kulturelle Infrastruktur nicht mehr verfügbar sind. Kermani verschiebt damit den Blick von der reinen Programmatik („welche Veranstaltungen gibt es?“) hin zur Frage, wie belastbar die Institutionen sind, die Kultur überhaupt tragen.
Ein weiterer Punkt, den er in den Vordergrund rückt, betrifft die Rolle von Kultur in Wahlkämpfen. In den letzten Kommunal-Wahlkämpfen habe Kultur seiner Ansicht nach keine Rolle mehr gespielt. Für eine Stadt wie Köln, die sich „gleichsam über Kunst und Kultur definiert“, findet er das „ein Armutszeugnis“. Interessant ist hier auch der Dreiklang seiner Argumentation: Wenn Kultur politisch nicht verankert wird, verschiebt sich der öffentliche Diskurs auf andere Themen; wenn der Diskurs verschoben wird, ändern sich Prioritäten; und wenn Prioritäten fehlen, leiden Gebäude, Archive und Spielstätten, bis Handlungsdruck entsteht. Dass Kermani daneben den Zustand des öffentlichen Raums anspricht, zeigt, dass er Kultur nicht nur als Programm versteht, sondern als gelebte Stadtqualität.
Dass seine Kritik die politische Ebene verlässt und konkret in den Stadtraum greift, illustriert er am Beispiel des Bastei-Gebäudes, eines Aussichtsrestaurants im expressionistischen Stil von 1924. Er beschreibt, dem Gebäude drohe Abriss, weil es „komplett baufällig“ sei. Seine persönliche Reaktion fällt eindeutig aus: Für ihn und viele andere sei es eines der schönsten Gebäude der Stadt. Diese Diskrepanz zwischen Wertschätzung und drohendem Verlust zieht Kermani als Begründung heran: Solche Fälle von „absoluter Lieblosigkeit“ würden nicht dazu geeignet sein, Einwohner anzuhalten, selbst mehr auf ihre Umgebung zu achten. Damit verknüpft er eine kulturelle Haltung mit einem praktischen Lernprozess im Alltag – wer sieht, dass Substanz geschützt wird, empfindet Bindung; wer erlebt, dass Substanz ohne Alternativen verschwindet, verliert womöglich dieses Verantwortungsgefühl.
Am Ende seiner Darstellung setzt Kermani wieder auf etwas, das man als Gegenperspektive lesen kann: „Ich liebe Köln – wenn ich Kritik übe, dann nur aus Zuneigung.“ Er sagt, er wisse keine andere Stadt in Deutschland, in der er lieber wohnen würde. Diese Liebe begründet er nicht mit nostalgischer Verklärung, sondern mit konkreter Erfahrung. Köln habe ein Alter, das sich in einem einzigen Spaziergang spüren lasse: Mit wenigen Schritten könne man „1000, 2000 Jahre“ überbrücken, vom Gang durch die Fußgängerzone bis zum Eintritt in eine romanische Kirche oder zum plötzlichen Blick auf römische Ruinen. Zusätzlich beschreibt er, wie ihm diese „geschichtliche“ und „spirituelle“ Tiefe bedeute. Dazu kommt für ihn ein Charakterzug der Menschen: Er nennt Diversität und Toleranz als „DNA“ der Stadt und verweist auf die frühe Einrichtung des Christopher Street Day sowie auf Massendemonstrationen gegen Rassismus mit Hunderttausenden Menschen. Auch hier wirkt sein Leitgedanke: Kultur zeigt sich nicht nur in Gebäuden und Bühnen, sondern in Haltung und in dem, was eine Stadt sichtbar verteidigt.
Dass Kermani nun erstmals ein Buch Köln gewidmet hat, wirkt in diesem Gesamtbild wie ein bewusster Versuch, die Debatte vom Negativbefund zurück in eine umfassendere Erzählung zu führen. Das Werk „Köln. E Jef Gefühl“ erscheint im C.H. Beck-Verlag und setzt damit ebenfalls ein Zeichen für die Verbindung von literarischer Form und lokaler Identität. Für die politische Praxis ist sein Appell zugleich eine Art Qualitätsmaßstab: Wenn Köln Kultur, Geschichte und Toleranz als Selbstbild definiert, muss die Stadtverwaltung diese Werte nicht nur kommunikativ vertreten, sondern auch über Substanzerhalt, verlässliche Infrastrukturplanung und die politische Sichtbarkeit von Kulturpolitik einlösen. Genau dort liegt aus seiner Sicht die Lücke – und genau dort müsste man ansetzen, wenn Köln nicht nur feiern, sondern Kultur nachhaltig tragen soll.
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