LONDON (IT BOLTWISE) – Marion Ackermann, seit einem Jahr Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, spricht über die Wiedereröffnung des Pergamonmuseums und die Sanierungslogik auf der Museumsinsel. Im Interview verknüpft sie Kulturpolitik mit Infrastruktur: Kunst und Kultur seien keine Dekoration, sondern Teil der öffentlichen Leistungsfähigkeit. Zugleich beschreibt sie, warum digitale Ticketbuchung und begleitende Spendenmechaniken Einnahmen stabilisieren sollen. Darüber hinaus setzt sie ein politisches Signal: Kunstfreiheit müsse auch in illiberalen Debatten geschützt werden.

Die Diskussion um Museen wirkt in den USA derzeit wie ein Stresstest für demokratische Kulturpolitik. Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) mit der Museumsinsel in Berlin, ordnet die aktuelle US-Debatte nach eigenen Worten als Angriff auf das kritische Potenzial von Kunst und Kultur ein. In illiberalen Systemen sieht sie weniger Raum für eine eigenständige öffentliche Auseinandersetzung, weil Kultur schnell als ideologisches Risiko behandelt werde. In freien Gesellschaften dagegen, so ihre Argumentation, müsse Kunst nicht nur „zugelassen“, sondern aktiv geschützt und gepflegt werden.
Aus ihrer Sicht gehört diese Pflege unmittelbar zur Infrastruktur. Sie verknüpft den Kulturauftrag mit der Notwendigkeit, Sanierungsstaus bei Gebäuden und Einrichtungen systematisch abzubauen, und verweist zugleich auf wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Energie als Faktoren, die den Alltag großer Kulturhäuser bestimmen. Besonders deutlich wird die Abhängigkeit von handfesten Rahmenbedingungen beim Pergamonmuseum: Die Wiedereröffnung einzelner Bereiche soll im nächsten Sommer beginnen, der große Altarsaal wird als „prominentester Teil“ hervorgehoben. Technisch steht dabei nicht nur die Ästhetik im Vordergrund, sondern auch die Rückkehr abgestimmter Licht- und Tageslichtkonzepte sowie die Überarbeitung von Oberflächen bis hin zur Anpassung von Wandtönen an den originalen Farbcharakter.
Im zweiten Blick zeigt Ackermann, warum Sanierungspläne bei denkmalgeschützten Ensembles selten nach Schema F funktionieren. Beim Pergamonmuseum geht sie darauf ein, dass die Konstruktion buchstäblich „auf Sand gebaut“ sei: Alles stehe auf Pfeilern und beweglichem Untergrund, wodurch sich während der Arbeiten immer wieder neue Schwierigkeiten ergeben könnten. Das erklärt auch, warum die Sanierung des zweiten Gebäudeteils ihrer Darstellung nach noch rund zehn Jahre dauern und eine vollständige Öffnung erst 2037 erfolgen soll. Bei der Staatsbibliothek ordnet sie die zeitliche Streckung ähnlich ein: Dort müsse praktisch das gesamte Gebäude auseinander- und wieder zusammengesetzt werden, was bei einem denkmalgeschützten Bau zwangsläufig mehr Planung, Bauaufsicht und präzise Steuerung erfordert.
Auch organisatorisch und finanziell werden die Konsequenzen solcher Bau- und Infrastrukturthemen spürbar. Ackermann nennt ein strukturelles Defizit in Höhe von etwa 20 Millionen Euro für Kostensteigerungen bei Bewachung, Sicherheit und Energie. Gleichzeitig betont sie, dass es zuletzt gelungen sei, durch zusätzliche Unterstützung 21 Millionen Euro bereitzustellen, sodass die Einrichtung kein gekürztes Budget erhalten habe. Für die nächsten Schritte beschreibt sie eine Konsolidierung durch präzisere Personalentwicklung sowie Einmaleffekte wie mögliche Immobilienverkäufe und sehr teure Depotanmietungen als Posten, an denen sich finanzielle Spielräume konkretisieren lassen.
Technisch interessant wird das Interview aber vor allem dort, wo Kulturhäuser digitale Prozesse als Hebel für Einnahmen und Stabilität nutzen. Ackermann beschreibt, dass man seit kurzem digital spenden kann, wenn Nutzer beim Ticketkauf online ein Ticket erwerben. Laut ihrer Darstellung tun etwa sechs Prozent der Online-Käufer zusätzlich etwas für die Einrichtung, ähnlich wie es aus der Gastronomie als freiwillige Aufrundung oder Spendenpraxis bekannt sei. Für SPK bedeutet das: Man kombiniert eine klassische Eintrittsleistung mit einem digitalen Zusatzstrom, der zwar nicht jeden überzeugt, aber im Ergebnis messbar wirkt. Gerade weil sie kurzfristig „nichts mehr“ bei den Ticketpreisen ankündigt und zuvor eine Preisangleichung mit Einnahmesteigerung durchgeführt habe, erscheint die digitale Spendenschicht als pragmatischer Kompromiss zwischen Publikum und Wirtschaftlichkeit.
Politisch verortet Ackermann die Debatten um Kulturfreiheit außerdem im deutschen Kontext und verweist auf konkrete Beispiele von Angriffen auf kulturelle Symbolräume. Dabei geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch um Sprache, Kampagnen und Deutungshoheit: Als Beispiel nennt sie in Sachsen-Anhalt die Kritik an Bauhaus-Bezügen sowie das Ersetzen von Begrifflichkeiten, die das „Modern“-Denken in eine national konnotierte Richtung verschieben sollen. Für die SPK leitet sie daraus eine klare Logik ab: Sie vertraut auf föderale Strukturen, stabile Netzwerke und eine Arbeitsweise, die international auch mit politischen Systemen kooperiert, in denen kulturelle Freiheit weniger gesichert ist. Der Kern ihrer Aussage bleibt dabei: Kunst und Kultur schaffen resiliente, verlässliche Strukturen, die nicht mit dem Tempo von Tagespolitik gleichzusetzen sind.
Wie gut solche Strukturen im Alltag tragen, zeigt sich zuletzt auch an Bau- und Betriebsentscheidungen: Bei der Baustelle „Museum Berlin Modern“ soll ein Feuchtigkeitsschaden bis zum Oktober behoben sein, die Fertigstellung verzögere sich um einige Monate. Finanzielle Effekte seien zu erwarten, doch insgesamt bleibe der Kostenrahmen nach ihrer Darstellung im grünen Bereich. Gleichzeitig setzt die Stiftung auf eine weitere „künstlerische Aktivierung“ der nächsten Jahre, statt Kultur auf den reinen Ausstellungsbetrieb nach Bauphasen zu reduzieren. Das ist auch für Unternehmen und Förderer relevant: Wenn Kultur als Infrastruktur gedacht wird, braucht sie Planungssicherheit, verlässliche Budgets und digitale Werkzeuge, die Einnahmen und Beteiligung verbessern, ohne den Zugang übermäßig zu verengen.
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