DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Berichten zufolge soll der europäische Satellitenhersteller Aerospacelab bis zu 264 Satelliten für ein EU-Vorhaben bauen, darunter auch MEO-Einheiten. Gleichzeitig wird OHB als Beteiligter genannt, der 18 Mil-Ka-MEO-Satelliten für einen separaten Teilbereich liefern soll. Airbus bleibt laut den Angaben über den eigenen Iris2-Track dennoch im Spiel, weil das Unternehmen Mil-Ka-Satelliten für die militärische Satellitenkommunikation fertigt. Im Kern geht es darum, Europa langfristig unabhängiger von bestehenden globalen Netzwerken zu machen und die ersten Satelliten bis 2029 in den Orbit zu bringen.

Rund um Europas ambitioniertes Satellitennetz Iris2 verdichten sich die Hinweise, dass mehrere Industriepartner gleichzeitig an unterschiedlichen Orbitalsegmenten arbeiten. Im Zentrum stehen dabei zwei Klassen von Satelliten: MEO-Einheiten, die in einer höheren Erdumlaufbahn kreisen und typischerweise größere Reichweiten über größere Bodenabschnitte abdecken, sowie ein LEO-Ansatz (Low Earth Orbit), der für die Kommunikation näher an der Erde deutlich geringere Latenzen ermöglichen soll. Während Airbus im LEO- und Mil-Ka-Umfeld bereits als Lieferant eingeordnet wird, rückt nun die Frage stärker in den Fokus, wer neben Airbus die restlichen Bausteine für den Gesamtbetrieb beisteuert.
Aus den vorliegenden Angaben geht hervor, dass der Satellitenhersteller Aerospacelab offenbar einen Großauftrag erhalten soll, der den Bau von bis zu 264 Satelliten umfasst. Dabei wird ein Gesamtauftragswert von mindestens 1,8 Milliarden Euro genannt. Der Umfang ist bemerkenswert: Er entspricht einer Größenordnung, die in der Satellitenindustrie üblicherweise nicht nur die Fertigung, sondern auch die industrielle Taktung für Test, Integration, Qualitätssicherung und Transport in Richtung Startkampagne voraussetzt. Solche Auftragsdimensionen verschieben außerdem die Verhandlungslogik in Richtung Stückkosten, Skalierungseffekte und langfristiger Servicefähigkeit, weil der Nutzen eines Netzes stark davon abhängt, wie schnell sich einzelne Satelliten ausrollen und hochfahren lassen.
Parallel dazu wird OHB als weiterer Akteur genannt, der 18 sogenannte MEO-Satelliten herstellen soll. In den Angaben wird hierfür ein Auftragswert von knapp einer Milliarde Euro erwartet. Diese MEO-Einheiten sind in der technischen Planung typischerweise größer und entsprechend teurer, weil sie für die höhere Umlaufbahn anspruchsvollere Subsysteme benötigen können. Der Markt liest solche Kombinationen häufig als Hinweis darauf, dass das EU-Vorhaben nicht auf eine einzige Orbitaltechnik setzt, sondern bewusst eine Mischarchitektur anstrebt: MEO für eine robuste Abdeckung im Hintergrund und LEO als Kapazitäts- und Latenzbaustein.
Für Airbus ist an dieser Stelle vor allem entscheidend, dass das Unternehmen eigenen Angaben zufolge nicht leer ausgeht. Denn es wird beschrieben, dass Airbus Mil-Ka-Satelliten für die militärische Satellitenkommunikation im Rahmen von Iris2 liefern soll – konkret von 66 Einheiten. Das Konsortium für Iris2 wird dabei so eingeordnet, dass Eutelsat im LEO-Segment zuständig ist und den Auftrag an Airbus bestätigt habe. Dass Airbus eine Anfrage im Kontext der Leo-Satelliten wegen noch laufender Verhandlungen nicht beantwortet habe, deutet zugleich darauf hin, dass nicht jede Schnittstelle des Programms bereits final ausgelotet ist. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn einzelne Verträge stehen, können Zeitpläne, Schnittstellen zu Bodenstationen, Zulieferquoten oder Testprotokolle bis zur Serienreife weiterhin angepasst werden.
Der Zeitplan, der in den Angaben skizziert wird, ist eng mit der politischen Zielsetzung verknüpft. Demnach sollen die ersten Satelliten bis 2029 in den Orbit gebracht werden, während ein Jahr später zunächst Regierungsbehörden in der EU Iris2 nutzen können. Später sollen dann auch Privatpersonen Zugang erhalten. Für die Technologieperspektive ist dabei weniger der Kalender als die Frage nach der Betriebsreife entscheidend: Ein Satellitennetz wird in der Regel erst dann sinnvoll skalierbar, wenn mehrere Satelliten gleichzeitig verfügbar sind, Gateways und User-Terminals sauber zusammenwirken und das Netzwerk die Netzauslegung in Betriebskontrollen abbildet. Zusätzlich spielt die Frequenz- und Sicherheitsarchitektur eine Rolle, weil bei militärischer Kommunikation andere Anforderungen an Abschottung, Robustheit und Systemresilienz gelten als bei rein zivilen Diensten.
Strategisch positioniert sich Iris2 dabei als Antwort auf etablierte globale Netzwerke, die bislang einen großen Teil der Nutzerlogik geprägt haben. In den Angaben wird Iris2 ausdrücklich als Schritt genannt, Europa unabhängiger von einem etablierten Satellitennetzwerk zu machen und im All ein sicheres Internet für militärische und Geheimdienstnutzung bereitzustellen. Genau diese Zielrichtung erklärt auch, warum mehrere Hersteller gleichzeitig betrachtet werden: Für die Systemintegration braucht man Lieferketten, die nicht nur einzelne Satelliten bauen, sondern auch in parallelen Test- und Ausrollphasen liefern können. Für Unternehmen bedeutet das zugleich, dass sich die Lieferantenrollen stärker diversifizieren: Komponentenhersteller, Systemintegratoren und Bodeninfrastruktur-Partner rücken in den Vordergrund, sobald die Industrie nicht mehr nur Prototypen, sondern flächige Produktionsläufe plant.
Unabhängig davon, ob sich jeder Teilauftrag bereits rechtsverbindlich konkretisiert, zeigt die Gemengelage aus Aerospacelab, OHB und Airbus, wie sehr Iris2 als industrielles Programm organisiert ist. Die frühe Einordnung der MEO- und Mil-Ka-Teilelemente liefert einen Hinweis darauf, dass Airbus seine Fähigkeiten im Satellitenbau weiter entlang der Kommunikationsanforderungen ausspielen kann. Zugleich bleibt abzuwarten, wie die offenen Verhandlungen im Leo-Umfeld genau in Vertragspakete übergehen und welche Leistungsparameter dann final gelten. Für den Markt ist das vor allem deshalb relevant, weil sich daran entscheidet, wie schnell Europa eine eigene, technologisch abgestimmte Alternative im Orbit aufbauen kann – und wie stabil diese Alternative langfristig gegen Ausfälle, Engpässe in der Lieferkette und Systemalterung bleibt.
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