LONDON (IT BOLTWISE) – Die US Air Force sucht Ziel-Drohnen, die den Flug- und Signaturmix gegnerischer Plattformen realistisch nachbilden. Laut einer Request for Information soll eine ganze Familie solche Bedrohungen von günstigen „Hobby-Drohnen“ bis zu fortgeschrittenen Kampfflugzeugen abdecken. Gleichzeitig müssen die Systeme so billig und einfach herstellbar sein, dass sie im Bedarf als „attritable or expendable“ gelten können. Die Eingaben sind bis zum 28. September vorgesehen.

Die Ausschreibungslogik wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Beschaffungswunsch für neue „Target“-Systeme. Bei genauerem Hinsehen geht es der US Air Force aber um mehr als nur Ersatz für bestehende Übungsdrohnen: Gefordert wird eine Familie von Ziel-Drohnen, die sowohl die Leistungsdaten als auch die Erkennungs- und Wirk-Signaturen unterschiedlicher Luftziele möglichst konsistent abbilden. In der Request for Information ist vom Anspruch die Rede, „den vollen Bereich der Luftbedrohungen“ darzustellen – und zwar quer über sehr unterschiedliche Klassen von Plattformen, von günstigen, weit verbreiteten Drohnen bis hin zu anspruchsvollen, von Gegnern genutzten Jets und Großflugzeugen.
Ein Kernpunkt ist dabei die Kosten- und Produktionsseite. Neben der technischen Nachbildung adressiert die Air Force explizit das Ziel, die nächsten Generationen so günstig und leicht herstellbar zu machen, dass sie bei Bedarf als „attritable or expendable“ behandelt werden können. Das ist operativ relevant, weil es das Trainings- und Testregime verändert: Wenn Zielmittel nicht nur „teuer“ sind, sondern auch in Stückzahlen verfügbar sein müssen, verschiebt sich die Auslegung typischerweise hin zu standardisierten Baugruppen, vereinfachten Fertigungsprozessen und vor allem zu Designentscheidungen, die Reparierbarkeit und schnelle Herstellung priorisieren.
Technisch skizziert das Dokument mehrere Profile. Für Ziele, die Kämpfern ähneln sollen, verlangt die Air Force „supersonic capabilities“ bis und sogar über Mach 1,6 in 40.000 Fuß Höhe. Dazu kommen hohe Wendigkeit beziehungsweise hohe „G“-Manöver, aber auch eine präzise Low-Observable-Radar-Cross-Section (RCS) über definierte Winkelbereiche. Ergänzend fordert die RFI mehrschichtige Signaturmodelle: Multispektrale Infrarot-(IR)-Signaturen, aktive Funkfrequenz-Emissionen (inklusive Electronic Attack/EA-Funktionen) und integrierte Maßnahmen, die so klingen und „aussehen“, wie es die Zielsysteme von Sensoren her erwarten. Der Anspruch ist damit nicht rein aerodynamisch; er betrifft die gesamte Sensor-Kette, vom Funk bis zum Radar, und damit auch die Validierung von Wirkkonzepten.
Für Transportflugzeuge wie C-130-ähnliche Mehrmotorer verschiebt sich der Fokus spürbar: Hier geht es „weniger um Hochleistung“ und stärker um das Matching der physischen Größenordnung, der langsamen Unterschallflughüllen sowie der Antriebscharakteristik, also Propeller- oder Turbofan-typische Eigenschaften. Laut RFI sollen diese Plattformen repräsentatives Volumen, grundlegende RF/IR-Emissionen und realistische Radar-Returns priorisieren. Der technische Nutzen dahinter ist nachvollziehbar: Wenn ein Flugkörper oder ein Ziel-Tracking-Verfahren gegen ein Ziel übt, zählt für die Wirksamkeitsüberprüfung vor allem, ob die Radarsignale und die Unterbaugruppen des „Sensor-gegen-Signal“-Zusammenspiels plausibel sind. Genau an dieser Stelle wird Zielgerät zum Testinstrument für Lenkkonzepte und Abschuss-/Zielphasen.
Bei noch größeren Klassen, etwa strategischen Bombern oder AWACS-ähnlichen Plattformen, nennt das Dokument weitere Leitplanken: die Replikation massiver physischer Abmessungen, mehrspektraler thermischer Signaturen und „heavy-aircraft radar strategic threats“. Auch die Bandbreite der UAV-Klassen ist im Dokument konkretisiert: Für größere „Group 5“-UAVs soll das Ziel bis etwa 50.000 Fuß fliegen können. „Group 3 and 4“ werden mit Mach 0,5 bis 0,8 sowie Manövern mit 3 bis 6 Gs beschrieben. Für kleine „Group 1 and 2“ nennt die RFI Zielgeschwindigkeiten unter 150 Knoten und die Fähigkeit zu Drohnenschwarm-Operationen. Genau diese Streuung zeigt, dass die Air Force eine modulare Systemfamilie anstrebt: unterschiedliche Flugprofile, aber ein gemeinsames Zielbild in Bezug auf Signatur- und Testfähigkeit.
Dass Remote-Controlled Target Drones nicht neu sind, macht die RFI anhand historischer Beispiele deutlich: In den 1930er-Jahren kam in Großbritannien mit „Queen Bee“ eine konvertierte Tiger-Moth-Trainer zum Einsatz. Später setzte die US Air Force seit 2007 auf die subsonische, subskalierte Zielplattform BQM-167A. Mit einer Länge von 20 Fuß und einer Spannweite von 11 Fuß wirkt sie in Relation zu modernen Zielmustern naturgemäß anders – sie soll eben keine 1:1-Kopie eines großen J- oder H-Flugzeugs liefern, sondern ein kontrolliertes, wiederholbares Testziel darstellen. Zusätzlich wird die QF-16 genannt, ein konvertierter F-16, der als Vollformat-Ziel für etwa vierte-Generation-Kämpfer dienen kann. Der neue Ansatz grenzt sich davon ab: Er zielt nicht primär auf die Simulation „nur“ einzelner Wirktechniken, sondern auf eine breitere Abdeckung, die auch bei Bedarf massenhaft eingesetzt werden kann.
Für den Markt bedeutet das vor allem eine Verschiebung der Produktlogik. Die RFI fordert ausdrücklich „commercial, modified commercial, dual-use, and non-developmental solutions“ und betont „commercially derived“ beziehungsweise Dual-Use-Optionen, wenn sie Vorteile bei Kosten, Skalierung und einfacher Herstellung gegenüber Legacy-Systemen bieten. Für Industrie und Zulieferer ist das ein klares Signal: Der Schwerpunkt liegt häufig weniger auf komplett neuen Spezialbaugruppen, sondern auf einer schnelleren Integration vorhandener Technologien in ein Zielsystem-Design, das RCS-, IR- und RF-Emissionen reproduzierbar abbildet. Gleichzeitig ist die Deadline für Rückmeldungen der 28. September; wer in diesem Zeitraum Konzepte, Flug-/Signaturmodelle und Fertigungsansätze einreichen will, muss früh zeigen, wie die geforderte Signatur-Realistik mit „attritable or expendable“-Anforderungen zusammengebracht wird. Der Link zur Request for Information ist über das öffentliche Ausschreibungsportal abrufbar: https: //sam.gov/workspace/contract/opp/e5e3b2bb3aee4155ab5a5ab9fc5d4125/view.
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