BATRUN / LONDON (IT BOLTWISE) – In der libanesischen Küstenstadt Batrun macht eine Pelikan-Dame „Pelikanchen“ jeden Samstag Yoga auf dem Meer mit. Auf einem Stand-up-Paddel steht sie bei den Übungen minutenlang erstaunlich ruhig zwischen den Teilnehmerinnen. Die Begegnung geht auf eine Verletzung im Herbst 2023 zurück, als der Vogel in der Region in einem Stacheldraun festhing. Heute verbindet die Freundschaft zwischen Yoga-Lehrerin Alik Ohanian und dem Pelikan lokale Routinen, Tourismus-Mythen und Social-Media-Faszination.

Wer in Batrun im Norden des Libanon am Hafen vorbeikommt, merkt schnell: Hier lebt am Samstagmorgen nicht nur der Tourismus, sondern auch ein ganz eigener Rhythmus. In der Bucht liegen neun Stand-up-Paddel in symmetrischer Form, sauber ausgerichtet wie für ein Foto, und in der Mitte schwimmt „Pelikanchen“ – die berühmte Pelikan-Dame, die im Unterricht nicht Zuschauerin sein will, sondern Teil der Szene. Yoga-Lehrerin Alik Ohanian klatscht in die Hände und tippt auf den Platz vor sich, als würde sie die Reihen wie selbstverständlich aufwecken. Erst wenn der Start der Stunde sitzt, gibt sich auch der Vogel sichtbar in das Miteinander hinein.
Die Geschichte dahinter klingt zunächst wie ein Zufall, erklärt aber sehr konkret, warum die Pelikan-Dame in Batrun inzwischen so vertraut wirkt. Berichten zufolge wurde „Pelikanchen“ während des Vogelzugs zwischen Europa und Afrika hier gestrandet, denn der Libanon liegt auf einer der Migrationsrouten. Im Herbst 2023 brachte man das Tier an die Küste, nachdem es verletzt gefunden worden war. Assal Assal, Meersalzproduzent und Restaurantbetreiber, beschreibt, dass sie sich in einem Stacheldrahtzaun verfangen hatte. Nachdem ein Tierarztbesuch und mehrere Tage des Aufpäppelns folgten, kam bei ihr Schritt für Schritt wieder Kraft zurück – mit einem Ergebnis, das man selten so direkt erlebt: Sie kann zwar wieder fliegen, hat sich aber in Batrun „verliebt“ und bewegt sich seitdem durch den Ort, als gehörte er zu ihrem Territorium.
Im Alltag ist „Pelikanchen“ dabei keineswegs nur ein Sonntags-Schwarm für Fotos, sondern eine Art lokale Konstante. Assal beschreibt, dass sie täglich durch den kleinen Mittelmeerort spaziert, Bewohner ebenso begrüßt wie Besucherinnen, und das im watschelnden Gang, der fast schon an eine eingefahrene Routine erinnert. Dazu passt auch die gelebte Geografie des Ortes: Batrun gilt als einer der beliebtesten Strandabschnitte im Libanon, mit einer Altstadt, in der am Wochenende die Gassen und der alte Suk – der alte Markt – spürbar voller werden. Entlang der Küste zieht sich zudem die historische Seemauer, deren Ursprünge bis zu den Phöniziern zurückreichen; in dieser Umgebung wirkt es folgerichtig, dass ausgerechnet eine Figur wie „Pelikanchen“ zum Anziehungspunkt wird. Besonders bekannt ist Batrun außerdem für seine Zitronenlimonade, und genau diese Mischung aus Duft, Kulisse und Wiedererkennung sorgt dafür, dass die Hotspots der Stadt oft in einem Atemzug mit dem Pelikan-Vorbild genannt werden.
Auch die technische Inszenierung des Yoga-Formats ist bemerkenswert pragmatisch, obwohl es sich am Ende wie ein Märchen anfühlt. Ohanian hat selbst erzählt, dass sie zuvor nie einen Pelikan gesehen hatte und deshalb ganz konkret überlegte, was man mit so einem Tier in einer Yoga-Klasse macht. Die Antwort findet sie nicht in Steuerung über Worte, sondern im Umgang mit dem Tempo des Tiers: „Pelikanchen“ sitzt auf der Spitze ihres Stand-up-Paddels, während Ohanian den Unterricht leitet, und während der Atmung – Einatmen, Ausatmen – bleibt die Aufmerksamkeit nicht bei der Technik allein. In einer Haltung wie dem herabschauenden Hund versucht der große Schnabel, mit ihren Haaren zu interagieren, was die Lektion kurzfristig in eine Mischung aus Übung und unmittelbarer Interaktion verwandelt. Ohanian adressiert das mit klaren, kurzen Sätzen an das Tier, und sie nennt gleichzeitig den Kern der Herausforderung: Sie könne „Pelikanchen“ nicht einfach befehlen, was zu tun sei, weil es ein wildes Tier bleibt. Gerade deshalb funktioniert das Setup: Wenn der Vogel mitmachen will, passt er sich an – und wenn nicht, wird aus Yoga ein lebendiger Dialog.
Bemerkenswert ist dabei, wie stark sich aus der Sporteinheit ein eingespieltes Team außerhalb der Klasse entwickelt hat. Ohanian beschreibt die Beziehung so, als sei sie nicht erst durch den Unterricht entstanden, sondern habe vorher schon begonnen, und sie verknüpft das mit alltäglichen Mustern: Wenn „Pelikanchen“ schwimmen gehe, folge sie dem Vogel. Dann heißt es sinngemäß: erst die Entscheidung fürs Wasser, dann das Mitgehen im Schrittmaß, und sogar beim Untertauchen passiert etwas, das im Kopf nachhallt – der Pelikan taucht dann ebenfalls unter. Für Außenstehende wirkt das „cheesy“, wie Ohanian selbst es nennt; für die Beteiligten ist es schlicht ein beobachteter Gleichklang. Am Wochenende kommen dann die Yoga-Klassen hinzu, flankiert von dem, was die Küste in Batrun sowieso ausmacht: Spaziergang am Strand, Kanufahrt entlang der Küste und die Ruhe, die man braucht, um nicht aus dem Takt des Meeres herauszufallen.
Die Reichweite hat die Geschichte inzwischen über die Bucht hinausgetragen. Auf Social Media hat sich „Pelikanchen“ zu einer kleinen Berühmtheit entwickelt: Anwohner aus Batrun haben ein Profil für den Vogel erstellt, fast 20.000 Menschen folgen laut Quelle dem Account. In Kommentaren taucht immer wieder dieselbe Deutung auf – „Pelikanchen“ müsse irgendwann einmal ein Mensch gewesen sein, so zutraulich verhalte sie sich. Auf Videos ist auch zu sehen, wie sie selbst Partys in Beachclubs genießt und sich zu Gästen an den Pool hockt; in den Titelbeschreibungen wird der Besuch in Batrun sogar mit einem Treffen mit dem Pelikan verknüpft. Genau hier liegt der Effekt auf die Wahrnehmung: Aus einer lokalen Praxis wird ein wiederkehrendes Symbol, das Urlaubserwartungen bündelt – nicht über Werbetexte, sondern über eine Beziehung, die in jedem Takt der Atmung und in jedem Watschel-Schritt sichtbar bleibt.
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