LUDWIGSHAFEN/LIMBURGERHOF / LONDON (IT BOLTWISE) – BASF treibt die Ausgliederung von „Agriculture Solutions“ weiter voran und richtet dafür eine eigene Hauptzentrale ein. Der zuständige Vorstand Livio Tedeschi kündigt an, im nächsten Jahr vollständig auf einen möglichen Börsengang zu fokussieren. Bis Mitte 2027 sollen die Voraussetzungen stehen, anschließend richtet das Unternehmen den konkreten Schritt nach den Marktbedingungen aus. BASF geht dabei von einem Index-Listing aus und will zunächst Mehrheitsaktionär bleiben.

BASF verlagert den Fokus im Agrarchemiegeschäft spürbar Richtung Kapitalmarkt: In Ludwigshafen und Limburgerhof treibt der Chemiekonzern die Ausgliederung von „Agriculture Solutions“ weiter voran. Vorstand Livio Tedeschi, der seit Anfang Mai für das Agrarchemiegeschäft verantwortlich ist, beschreibt den aktuellen Stand als Fortschritt bei der vollständigen Entflechtung von der Konzernstruktur. Der Impuls dahinter ist klar: Mit einer eigenständig steuerbaren Gesellschaft soll die Sparte später nicht nur organisatorisch, sondern auch strategisch unabhängig auftreten können.
Technisch-oranisch betrachtet beginnt die Trennung selten mit „einem einzigen Tag“, sondern mit einem Bündel aus Governance- und Betriebsfähigkeiten. Tedeschi nennt in Limburgerhof ausdrücklich den Aufbau einer neuen Hauptzentrale, die das zukünftige Unternehmen unabhängig vom Konzern steuern soll. Solche Strukturen umfassen typischerweise Entscheidungswege, Budgets, Steuerungskennzahlen und Freigabeprozesse, damit Forschung, Produktion und Vertrieb nicht mehr in der Logik einer breiten Chemiegruppe funktionieren müssen. Für die Konzernleitung bedeutet das außerdem: Die organisatorische Entkopplung muss so weit vorangetrieben werden, dass die Marktkommunikation später konsistent ist und sich nicht an interne Konzernverrechnungen „aufhängt“.
Beim Zeitplan bleibt BASF bewusst in Stufen. Tedeschi sagt, man werde sich im nächsten Jahr „voll und ganz“ auf einen möglichen Börsengang konzentrieren, bis Mitte 2027 sollten die Voraussetzungen dafür geschaffen sein. Danach will das Unternehmen prüfen, wie sich die Marktbedingungen entwickeln, bevor über Zeitpunkt und Umfang des eigentlichen Börsengangs entschieden wird. Auch bei der Frage des Index-Listings gibt BASF eine Leitplanke vor: Welche der drei Möglichkeiten – SDax, MDax oder Dax – zum Zuge kommt, hängt laut Finanzchef Dirk Elvermann von der Größe des Börsengangs ab. Das ist eine wichtige Stellschraube, weil die Indexzugehörigkeit Erwartungen von institutionellen Investoren mitprägt, etwa bei passiven Investmentstrategien und Rebalancing-Zyklen.
Inhaltlich argumentiert Tedeschi mit zwei Wirkmechanismen, die direkt auf Investitionsentscheidungen und Profitabilität zielen. Erstens werde derzeit die Höhe des Forschungsbudgets noch von der BASF-Zentrale bestimmt, wodurch der Bereich strategische Chancen potenziell nicht sofort nutzen kann. Zweitens liege Agriculture Solutions am Kapitalmarkt bei EBITDA-Kennzahlen sehr gut bewertet, zugleich höher als das Gesamtkonstrukt BASF. Aus Sicht eines börsennotierten Unternehmenssegments heißt das: Wenn die operative Ertragslage transparenter und die Finanzierung „segmentnäher“ dargestellt werden kann, lassen sich Bewertungslücken eher schließen. Außerdem entsteht für Analysten und Investoren ein klarerer Vergleichsmaßstab, weil die agrarspezifischen Treiber – Produkte, Wirkstoffportfolios, Saatgut- und Pflanzenschutzlogiken – weniger in einem Portfolio überdeckt werden.
Dass dieser Schritt nicht aus dem Nichts kommt, zeigt die Akquisitionsgeschichte. BASF hat das Agrargeschäft in den vergangenen Jahren mit Übernahmen gezielt gestärkt, darunter der Kauf wesentlicher Teile des Agrar- und Saatgutgeschäfts von Bayer im Jahr 2018 für rund 5,9 Milliarden Euro. Bayer musste diese Aktivitäten abgeben, nachdem die Übernahme des US-Saatgutkonzerns Monsanto vollzogen wurde. Tedeschi bewertet diese Bayer-Deals als „einer der besten Zukäufe der BASF“, weil sie den Bereich inhaltlich weiter vorangebracht hätten. Agriculture Solutions produziert und vermarktet Pflanzenschutzmittel, Produkte zur Schädlingsbekämpfung und Saatgut; im Unternehmen arbeiten laut Angaben mehr als 14.000 Beschäftigte, und die Sparte erzielte 2025 einen Umsatz von 9,6 Milliarden Euro.
Operativ liefert BASF dabei konkrete Zahlen, die die Börsenlogik stützen sollen. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung lagen bei einer Milliarde Euro, wobei der Konzern damit betont, dass die Hälfte seiner Forschungsausgaben in diesem Bereich stecke. Bis 2035 sollen innovative Produkte laut Plan 7,5 Milliarden Euro zum Gesamtumsatz von Agriculture Solutions beitragen. Für die Frage, ob der Börsengang an Sparmaßnahmen „leidet“, setzt BASF ebenfalls eine Abgrenzung: Das laufende Stellenabbauprogramm betrifft laut Tedeschi die Kerngeschäfte und damit nicht den Bereich Agricultural Solutions. Natürlich bleibt Kostenkontrolle auch dort Teil des Alltags; Tedeschi betont, dass man „auf die Kosten achten“ müsse. Parallel dazu plant BASF bis Ende 2026 jährliche Kosteneinsparungen in Höhe von 2,3 Milliarden Euro und hat von Januar 2024 bis Ende Juni 2026 weltweit rund 7.000 Stellen abgebaut.
Für Marktteilnehmer bedeutet das Setup vor allem eines: Die Entflechtung ist nicht nur ein administrativer Schritt, sondern eine Vorarbeit für ein eigenständiges Geschäfts- und Bewertungsprofil. Wenn BASF zunächst Mehrheitsaktionär bleibt, signalisiert der Konzern zwar Kontrolle, aber auch ein klares Interesse an einer späteren Skalierung über den Kapitalmarkt: Ein Index-Listing würde die Aufmerksamkeit institutioneller Investoren weiter erhöhen, während die segmentnahe Darstellung von EBITDA und F&E-Budgets die Diskussion über Wachstumspfade, Innovationsquoten und Wettbewerbsvorteile strukturieren dürfte. Gleichzeitig bleibt der entscheidende Hebel – wie Elvermann sagt – der Börsengang selbst: Größe und Timing bestimmen, ob SDax, MDax oder Dax erreicht werden, und damit, wie stark passive Nachfrage und Liquiditätseffekte wirken. Für Beschäftigte und Kunden ist derweil die Botschaft ambivalent: Die Unabhängigkeit schafft mehr eigene Handlungsräume, doch die Kostendynamik im Konzern bleibt ein Rahmen, der auch für die künftige Gesellschaft spürbar sein kann.
Unterm Strich zeichnet sich bei BASF ein klassisches Muster großer Konzerne ab, die Portfolio- und Bewertungslogiken zunehmend segmentiert denken. Die Agrarchemiesparte hat mit Umsatz, Beschäftigtenzahl, F&E-Budget und einem bis 2035 adressierten Innovationsziel eine in sich geschlossene Story, die sich besser vermarkten lässt, sobald sie mit einer eigenen Steuerungsarchitektur hinterlegt ist. Der Zeitplan bis Mitte 2027 bietet genug Puffer für organisatorische Entflechtung, während die Entscheidung über Zeitpunkt und Umfang bewusst an Marktbedingungen gekoppelt bleibt. Damit bleibt der Börsengang vorerst „im Visier“, aber in der Vorbereitung bereits so konkret, dass Investoren und Wettbewerber die nächsten Schritte in der Pipeline ernst nehmen dürften.
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