LONDON (IT BOLTWISE) – Der CEO von Hims & Hers, Andrew Dudum, wehrt sich gegen eine FTC-Klage zu den Datenschutz- und Abrechnungspraktiken des Telemedizin-Anbieters. Er sieht die Vorwürfe als Missverständnis und betont, das Geschäftsmodell solle den Zugang zu Behandlung verbessern. Gleichzeitig spricht Dudum über den Wechsel von compounding zu branded GLP-1-Medikamenten und nennt sinkende Preise für Selbstzahler als Ergebnis. Für die nächsten Schritte kündigt er eine stärkere KI-Inhouse-Strategie mit Blick auf eine „AI native“ Plattform an.

Hims & Hers gerät in den Fokus der US-Regulierung, während der Konzernchef Andrew Dudum den Kern seines Geschäftsmodells öffentlich verteidigt. Hintergrund ist eine Klage der Federal Trade Commission (FTC) zusammen mit Los Angeles County und Utah, in der es unter anderem um die Weitergabe von Nutzer- bzw. Gesundheitsdaten an Werbepartner geht. In der Darstellung der Kläger soll Hims & Hers Gesundheitsinformationen an Werbetreibende wie Meta und Snap geteilt haben, außerdem sollen Rezepte im Vorfeld ausgestellt werden, bevor Nutzer mit einem medizinischen Anbieter gesprochen haben. Zudem wird kritisiert, dass sich Abonnements schwer kündigen lassen.
Der CEO ordnet die Vorwürfe als kommunikatives Problem ein: In einem Interview sagte Dudum sinngemäß, dass die FTC offenbar nicht korrekt verstanden habe, wie Hims & Hers die Versorgung digital umbaut und dabei das traditionelle Verständnis von Healthcare neu aufsetzt. Er argumentiert, dass beim Aufbau eines digitalen Versorgungssystems Zeit nötig sei, bis alle Seiten die Abläufe „auf die richtige Weise“ nachvollziehen. Gleichzeitig legt Dudum nahe, dass es den Behörden möglicherweise stärker um Schlagzeilen als um eine echte Einigung gegangen sei. Für Unternehmen mit datengetriebenen Geschäftsmodellen ist das ein Signal: Nicht nur die technische Umsetzung zählt, sondern auch die Art, wie Datenflüsse, Einwilligungen und medizinische Prozesse gegenüber Aufsichts- und Rechtsinstanzen begründet und dokumentiert werden.
Parallel zu der rechtlichen Auseinandersetzung verschiebt Hims & Hers seine Medikamentenstrategie. Dudum spricht explizit den Wechsel von compounding-basierten GLP-1-Präparaten zu branded GLP-1-Produkten an. In den Jahren, als beliebte Wirkstoffe gegen Adipositas und Übergewicht in Lieferengpässen steckten, habe das Unternehmen nach eigenen Aussagen rechtlich zulässige Kopien zeitweise günstiger anbieten können. Als die Versorgung sich normalisierte, reichte Novo Nordisk jedoch wegen Patentverletzung Klage gegen Hims & Hers ein. Nach Angaben im Artikel hat der dänische Pharmakonzern die Klage später fallen lassen und Hims & Hers vereinbart, künftig die Markenmedikamente von Novo auf seiner Plattform zu vertreiben.
Marktseitig trifft diese Entscheidung auf einen Preisdruck, der durch den Wettbewerb in der GLP-1-Klasse entsteht. Im Artikel heißt es, dass Novo und sein Hauptkonkurrent Eli Lilly die Preise für GLP-1-Medikamente für Selbstzahler reduziert haben. Dudum stellt dem die Logik des Preis- und Zugangsversprechens gegenüber: Wenn Hims & Hers GLP-1s compounding-basiert verkauft habe, habe es damals nach seiner Darstellung keine bezahlbare Alternative für therapeutischen Zugang gegeben. Jetzt, mit dem Übergang zu branded Präparaten, sieht er für Kunden, die ohne Versicherung zahlen, deutlich niedrigere Monatskosten – er nennt eine Spanne von etwa $40 bis $50 pro Monat. Das sei von Größenordnungen um $150 bis $200 abhängig von der Darreichungsform herabgegangen, abhängig also nicht nur von der Marke, sondern auch von der konkreten Ausgestaltung des Medikaments.
Technologisch geht es für Hims & Hers aber nicht nur um Medikamente und Preislogik, sondern zunehmend um KI als Betriebs- und Produktkern. Dudum prognostiziert, dass Künstliche Intelligenz die Gesundheitsversorgung in „dramatischer“ Weise umgestalten wird, und kündigt an, dass das Unternehmen seine Investitionen erhöht, um „AI native“ zu werden. Gleichzeitig grenzt er sich von einem reinen Zukaufmodell ab: Er beschreibt, dass Hims & Hers weg von „third-party AI agents“ gehe und vieles stattdessen im eigenen Haus aufbauen wolle. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt vom prompt-getriebenen Experimentieren hin zu einer KI-Architektur, die sich stärker in die bestehenden Workflows integrieren lässt – etwa in Beratung, Onboarding, medizinische Dokumentation und die Abstimmung zwischen digitalen Touchpoints und fachlicher Prüfung.
Seine Argumentation ist dabei bewusst grundlegend: Dudum stellt heraus, dass die „core foundational models“ ohne einen geschlossenen, domänenspezifischen Datenkreislauf weniger wertvoll seien. Stattdessen sei das eigentliche Asset die „closed loop data“ im Gesundheitskontext des Unternehmens – also Daten, die aus einem durchgängigen Prozess entstehen, der Beratung, Behandlung und Rückkopplung strukturiert abbildet. Für die KI-Entwicklung bedeutet das: Der Nutzen entsteht weniger aus dem bloßen Modellkauf, sondern aus der Kombination aus Prozessdesign, Datenqualität, Feedback-Schleifen und kontrollierbaren Integrationen in produktive Systeme. In der Praxis wird genau hier die Brücke zwischen Regulatorik und KI sichtbar, denn datenintensive Verbesserungen werden nur dann tragfähig, wenn sie gleichzeitig nachvollziehbar, technisch abgesichert und rechtlich sauber dokumentiert sind.
Für den weiteren Verlauf stellt sich damit eine doppelte Frage. Erstens: Wie wird Hims & Hers die angegriffenen Daten- und Ablaufpunkte im laufenden Verfahren adressieren, wenn die Klage auf konkreten Kritikpunkten wie Datenteilung an Werbepartnern, Rezeptlogik vor dem Gespräch und Kündigungshemmnissen aufbaut. Zweitens: Ob die „AI native“-Roadmap in einer Phase gelingt, in der telemedizinische Geschäftsmodelle besonders stark auf Governance und Datenverarbeitungslogiken geprüft werden. Für den Wettbewerb in der Telemedizin ist das jedenfalls mehr als ein Unternehmensfall: Es entscheidet mit darüber, wie KI-gestützte Gesundheitsplattformen künftig Datenflüsse, medizinische Gatekeeping-Schritte und Automatisierung gemeinsam denken müssen.
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