MILWAUKEE / LONDON (IT BOLTWISE) – In Washington County in Wisconsin ermittelt das Wisconsin DNR wegen ungewöhnlich vieler Hirsch-Todesfälle. Laut DNR sind seit Ende Juli schätzungsweise 80 bis 100 Tiere an einer EHD-Infektion (epizootic hemorrhagic disease) gestorben. Die zuständige Fachspezialistin Erin Larson ordnet den Verlauf als größer als die typischen EHD-Saisonausbrüche ein, die sonst meist erst mit dem ersten Frost abklingen. Offenes bleibt vor allem die Frage, wie viele weitere Todesfälle sich bis zum Temperaturumschwung noch ergeben.

In Washington County in Wisconsin verschiebt sich gerade ein eher lokales Wildtier-Thema in den Fokus der Behörden: Das Wisconsin Department of Natural Resources (DNR) untersucht einen EHD-Ausbruch (epizootic hemorrhagic disease), der nach Einschätzung der zuständigen Fachleute deutlich stärker ausfällt als üblich. Hintergrund ist die Zahl der verendeten Weißwedelhirsche, die seit Ende Juli gemeldet und im Rahmen der Bestätigung als Folge von EHD eingeordnet wurde. Als Bestätigung nennt das DNR einen Test an einem verendeten Tier aus Richfield im südlichen Washington County; damit hat sich die Diagnose nicht nur auf Beobachtungen, sondern auf Laborbefunde gestützt.
Die Größenordnung, die DNR und Fachspezialistin Erin Larson dabei nennen, ist der zentrale Parameter für die weitere Bewertung. Demnach sind seit Ende Juli schätzungsweise 80 bis 100 Hirsche an EHD verendet; Larson spricht von einem Verlauf, der über dem normalen Erwartungsbereich liegt. Typischerweise, so die Einordnung, sieht man pro Saison etwa 30 bis 50 Tote durch EHD. Zudem setzt der Ausbruch früher ein als in vergleichbaren Jahren: In der Regel endet die Phase, in der die Krankheit besonders stark durchschlägt, mit dem ersten Frost, doch die aktuelle Dynamik läuft bereits in eine Phase, in der vielerorts eigentlich noch ein „Fenster“ für das Abklingen erwartet würde.
Technisch und epidemiologisch entscheidend ist dabei, wie EHD überhaupt in eine Population gelangt und warum die Virusaktivität an Jahreszeiten gekoppelt ist. EHD wird über stechende Insekten übertragen, insbesondere über beißende Fliegen in Form von Gnitzen (midges). Die Krankheitslast baut sich deshalb typischerweise dort und zu dem Zeitpunkt am stärksten auf, an dem auch die Insektenpopulationen hoch sind – also in Spätsommer und Herbst. Das Virus selbst kann außerhalb des Wirts bzw. der Insekten nur kurze Zeit überleben, weshalb die „Übertragungsbrücke“ zwischen Tieren vor allem dort reißt, wo Frost die Insektenaktivität reduziert.
Für die Praxis ist die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Auslösern wichtig, denn die Krankheit ist nicht monolithisch. EHD wird durch zwei Viruslinien verursacht: entweder durch das Bluetongue-Virus (BTV) oder durch das EHD-Virus (EHDV). Das Problem: An lebenden oder neu verendeten Hirschen lassen sich nach den Angaben des DNR die blutungsbedingten Krankheitsbilder kaum eindeutig voneinander trennen. Klinische Hinweise können sich zwar über mehrere Stadien hinweg ähneln – etwa durch fehlendes Scheu-Verhalten gegenüber Menschen, auffälligen Speichelfluss, Schaum um die Nase mitunter mit Blutbeimischungen, einen insgesamt geschwächten Eindruck trotz guter Körperkondition sowie Schwellungen, häufig im Kopf- und Halsbereich. Zusätzlich suchen betroffene Tiere häufig Wasserstellen auf, vermutlich weil sie versuchen, Überhitzung, Fieber und Dehydrierung zu kompensieren.
Entwarnung gibt es zugleich bei der Frage nach dem Risiko für Menschen und Haustiere. Das DNR ordnet EHD als Krankheit ein, die für Menschen nicht über den Umgang mit erkrankten Tieren, nicht über den Verzehr von Wildfleisch und auch nicht über Stiche übertragen werden kann. Ebenso gilt laut den genannten behördlichen Informationen, dass gängige Heimtiere wie Katzen und Hunde nicht in dem Sinne betroffen sind, wie es für eine gesundheitliche Gefährdung des Haushalts relevant wäre. Für Jägerinnen und Jäger sowie für Personen, die im Feld mit toten Tieren zu tun haben, bleibt die Kernaussage daher: Nicht das Infektionsrisiko bestimmt den Handlungsbedarf, sondern die epidemiologische Meldung an die Wildtierbehörde.
Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, wie Behörden den Verlauf überhaupt erfassen und welche Informationen sie aus der Fläche benötigen. Das DNR bittet darum, tote oder offensichtlich kranke Hirsche zu melden, wobei die Kontaktdaten über E-Mail an [email protected] sowie telefonisch unter 608-2267-0866 bereitgestellt werden. Bei der Meldung sollen Personen die Anzahl der toten Tiere, ob es sich um erkrankte oder verendete Tiere handelt, den genauen Fundort inklusive Landkreis sowie die eigenen Kontaktdaten angeben. Ein weiterer Punkt: Straßenverkehrsopfer müssen für diese Zwecke nicht separat gemeldet werden; außerdem verfügt das DNR nach den Angaben nicht über die Ressourcen, verendete Tiere zu entfernen.
Historisch ordnet das DNR den jetzigen Fall in eine Entwicklung ein, die zeigt, wie regional unterschiedlich die Immunitätslage ausfallen kann. EHD wurde in Wisconsin erstmals im Herbst 2002 bestätigt – damals wurden in Iowa County 14 verendete Tiere festgestellt. Die weitere Untersuchung über den Zeitraum 2002 bis 2011 lieferte offenbar keine Antikörper-Nachweise gegen BTV oder EHDV, was auf eine geringere, nicht „routinisierte“ Exposition in der Region schließen lässt. In Teilen der südlichen und westlichen USA sind laut den Angaben dagegen häufiger Antikörper aufgebaut, was erklärt, warum Sterblichkeitsraten dort tendenziell niedriger ausfallen. In Wisconsin können dagegen insbesondere dichte Bestände stärker betroffen sein, weil das Virus häufiger neue, immunologisch unvorbereitete Tiere trifft – und weil die Übertragung über Insekten temporär zwar getaktet ist, aber bei hohen Dichten effektiv genug sein kann, um größere Ausbrüche auszulösen.
Für die Einordnung nach vorn bleibt vor allem die Zeitdimension: Larson betont, dass sich Hirschpopulationen trotz einzelner hoher Mortalitätswellen oft wieder erholen können. Entscheidend wird sein, wie lange die Übertragung bis zum ersten Frost anhält und ob die bisherigen Zahlen von 80 bis 100 verendeten Tieren die Untergrenze darstellen oder ob sich bis zum saisonalen Abklingen noch weitere Todesfälle ergeben. Wer die Meldungen in den Landkreisen beachtet, liefert damit zugleich die Grundlage, damit das DNR die betroffenen Gebiete zielgerichtet beurteilen kann – nicht als „Alarm wegen Menschen“, sondern als datenbasierte Standortanalyse für den Wildtier- und Bestandsschutz.
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