ERFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Umfrage zum Schulstart zeigt: Unterrichtsausfall bleibt in mehreren Bundesländern das wichtigste Bildungsproblem. Rund zwei Drittel der Befragten sind mit der Bildungspolitik unzufrieden und fordern konkretere Maßnahmen gegen den Lehrermangel. Beim Thema KI verlangen viele eine systematische Schulung für Lehrkräfte und Lernende. Gleichzeitig geht es um fairere Prüfungsformate und darum, den Lernweg stärker zu bewerten.

Wenn Bildungspolitik in Deutschland auf Landesebene entschieden wird, spürt man den Reformdruck dort besonders deutlich, wo Unterricht regelmäßig ausfällt. In einer Umfrage zum Schulstart, an der laut Bericht gut 19.000 Teilnehmende teilnahmen, bewerten die Befragten den Unterrichtsausfall als akutes Kernproblem. Zwischen 80 Prozent (Sachsen) und 84 Prozent (Thüringen) sehen genau darin eine der wichtigsten Prioritäten für die nächsten Schritte. Das Muster ist dabei bemerkenswert stabil: In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind jeweils rund zwei Drittel unzufrieden, und auch die Reihenfolge der Problemfelder deckt sich weitgehend.
Technisch betrachtet liegt die Herausforderung weniger in einer einzelnen „Schul-Software“, sondern in einem Engpass, der den gesamten Betrieb betrifft: Personaldaten und Stundenpläne. Der Bericht nennt zwar auch infrastrukturelle Themen, aber der Lehrermangel wirkt als Treiber, weil er kurzfristig auf Vertretungsmanagement, Planungssicherheit und Kontinuität der Lernprozesse durchschlägt. In der Umfrage sinkt der Unterrichtsausfall zwar zuletzt etwas in Sachsen und Thüringen, dennoch fällt dort weiterhin fast jede zehnte Schulstunde aus. Für viele Teilnehmende steht das sinnbildlich für einen Teufelskreis aus fehlenden Fachkräften, verzögerten Modernisierungen und einem Lernumfeld, das nicht verlässlich genug ist, um Kompetenzaufbau gleichmäßig zu ermöglichen.
Auch deshalb rücken Maßnahmen zur Reduktion des Lehrermangels in den Vordergrund. Einen klaren Schwerpunkt setzt die Umfrage bei der Forderung, Lehramtsstudierende und Referendare an Schulen intensiver einzusetzen. In der Befragung sticht kein einzelner Lösungsansatz mit überragenden Zustimmungswerten heraus, aber die Mehrheit befürwortet eine stärkere Einbindung der angehenden Lehrkräfte. Referendare werden dabei als praktisch ausgebildete Lehrkräfte in der Übergangsphase verstanden; der Hintergrund ist ein klassischer Engpass-Entlastungshebel, weil sich dadurch Unterrichtslast verteilen lässt und gleichzeitig früher Unterrichtserfahrung entsteht. Genau diese Kombination aus Unterstützung für das Kollegium und Lerngewinn für die Studierenden wird in den Kommentaren mehrfach positiv gespiegelt.
Der Teil der Umfrage, der für Technologie-Verantwortliche besonders relevant ist, dreht sich um Künstliche Intelligenz, aber nicht als „One-click“-Versprechen. Die Teilnehmenden sehen Reformbedarf im Umgang mit KI, weil KI-Anwendungen viele Aufgaben automatisieren können, ohne dass Lernende die zugrunde liegenden Konzepte wirklich erarbeiten. Gleichzeitig entsteht die Frage der Leistungsbewertung: Wenn KI in der Bearbeitung hilft, wie bleibt ein Benotungssystem fair, das Lernfortschritte abbildet? Der Bericht beziffert daher eine deutliche Priorität: 83 Prozent fordern KI-Schulungen für Schülerinnen und Schüler sowie für die Lehrerschaft, bei den knapp 1.000 beteiligten Lehrkräften sogar 91 Prozent. Damit verschiebt sich der Fokus weg von Tools und hin zu Kompetenzen, also zu Unterrichtsdesign, das KI sinnvoll nutzt und die Grenzen sichtbar macht.
Inhaltlich ist dabei auffällig, dass viele eine feste Verankerung von KI-Kompetenz im Unterricht einfordern. Die Kommentare beschreiben KI nicht nur als neues Lernobjekt, sondern als Werkzeug, das wie der Taschenrechner in Mathe pädagogisch eingebettet werden müsse: praxisnah, aber mit Lernzielen. Konkret fordern viele, dass KI-Kompetenz mitgeprüft wird, statt KI-Fähigkeiten nur implizit zu verlangen. Parallel verlangen viele eine Reform der Aufgabenstellungen: Prüfungen sollen nicht so gestaltet sein, dass Schülerinnen und Schüler lediglich Lösungen übernehmen, ohne den Lösungsweg zu verstehen. Entsprechend würde eine stärkere Berücksichtigung des Lösungswegs in der Bewertung (68 Prozent) den Bewertungsfokus vom Endresultat auf das methodische Vorgehen verschieben.
Auch das Prüfungsdesign wird als Hebel genannt, um KI-Effekte abzufedern. Knapp jeder zweite Teilnehmende hält mündliche Prüfungen in Zeiten von KI für fairer; besonders in Gruppen mit Schulalltagsbezug (Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Lehramtsstudierende, Referendare) sprechen sich 45 Prozent dafür aus, KI-Kompetenz vermehrt in Prüfungen sichtbar zu machen. Praktisch könnte die Aufgabe zum Beispiel darin bestehen, Fehler oder Verzerrungen in KI-Antworten zu erkennen und zu korrigieren. Demgegenüber möchten 22 Prozent KI vollständig aus Prüfungen heraushalten, was zeigt, wie stark das Spektrum an pädagogischen Leitbildern reicht: vom kontrollierten Werkzeugeinsatz bis zur strikten Trennung von Lern- und KI-gestützter Bearbeitung.
Für die nächsten politischen Schritte ergibt sich aus der Umfrage damit ein klares „Bündel“ statt eines Einzelprojekts. Ein Teil der Befragten sieht Projektarbeiten als besonders geeigneten Anwendungsfall für KI: 63 Prozent stimmen der Nutzung hier zu, bei Referaten sinkt die Zustimmung auf 46 Prozent. Gleichzeitig verlangt die Mehrheit klare Regeln zur KI-Nutzung und zukunftsorientierte Lehrpläne, ergänzt durch KI-Fortbildungen auch für Lehrkräfte. In einem föderalen System ist das entscheidend, weil Länder nicht nur über Lehrpläne und Lehrerausbildung entscheiden, sondern auch festlegen, wie KI im Schulalltag organisatorisch, didaktisch und organisatorisch eingebettet wird. Für Unternehmen und Bildungstechnologie-Anbieter heißt das: Der Engpass liegt weniger in der Bereitstellung von KI-Anwendungen, sondern in der Skalierung von Unterrichtskonzepten, Bewertungslogik und Schulungsformaten, die mit dem Tagesgeschäft der Schulen funktionieren.
Unterm Strich zeichnet die Befragung ein Bild, in dem Unterrichtsausfall als größtes Problem und KI-Schulung als nächster Reformschritt zusammenhängen. Denn ohne verlässliche Stunden und ausreichend Personal wird jede Technologie-Offensive zur Zusatzbelastung; mit einem stabileren Schulbetrieb kann Künstliche Intelligenz dagegen gezielt als Lernunterstützung genutzt werden, sobald klare Regeln und messbare KI-Kompetenzen Teil des Systems werden. Die Reformagenda wirkt damit nicht nur bildungspolitisch, sondern auch operativ: Stundenplanplanung, Lehrkräfteentwicklung, Aufgabenarchitektur und Prüfungsdesign müssen gemeinsam gedacht werden.
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