LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft zeigt, dass die Vermögensungleichheit in Deutschland seit dem Ende der Finanzkrise wieder etwas zurückgegangen ist. Das liegt laut Auswertung vor allem an gestiegenen Einkommen und an ultraniedrigen Zinsen, die Verschuldung reduziert haben. Während der Krise waren Menschen mit viel Vermögen stärker von Vermögensverlusten betroffen als Haushalte mit wenig. Gleichzeitig bleiben die Unterschiede zwischen Regionen groß, besonders zwischen Süden und Osten.

IW-Studie: Vermögensungleichheit in Deutschland sinkt seit der Krise – bleibt aber groß
IW-Studie: Vermögensungleichheit in Deutschland sinkt seit der Krise – bleibt aber groß (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Schere zwischen arm und reich ist in Deutschland nicht mehr so stark auseinandergegangen wie noch in den Jahren bis zur Weltfinanzkrise. Genau das macht eine neue Betrachtung sichtbar, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) erstellt hat. Im Kern geht es um die Entwicklung der Vermögensungleichheit seit dem späten 90er-Zeitraum: Nach einer Phase, in der Vermögenstendenzen auseinanderliefen, deutet die Analyse ab 2008 auf eine gewisse Entspannung hin. Ganz verschwinden die Gegensätze aber nicht, dafür sind sowohl die Mittelwerte als auch die Mediane in vielen Regionen zu weit auseinander und die Einflussfaktoren wirken unterschiedlich auf verschiedene Haushaltsgruppen.

Für die Einordnung ist wichtig, wie Vermögen in solchen Studien überhaupt operationalisiert wird. Betrachtet wird das Nettovermögen, also die Summe aller Besitztümer abzüglich möglicher Kredite, etwa für Haus, Auto oder eine neue Küche. In der Logik erklärt sich damit auch, warum Krisenphasen eine besondere Dynamik entfalten: Als es während der Finanzkrise zu massiven Vermögensverlusten kam, traf das laut der IW-Auswertung Menschen mit viel Geld deutlich stärker als solche mit wenig Vermögen. Danach kamen jedoch zwei Kräfte zusammen, die die Situation dämpften: Wirtschaft und Realeinkommen der Beschäftigten wuchsen recht kräftig, und gleichzeitig wirkten ultraniedrige Zinsen. Niedrige Zinsen senken die laufende Belastung und reduzieren zudem die Wahrscheinlichkeit, dass Vermögensaufbau durch steigende Verschuldung ausgebremst wird.

Auch die Zeit danach folgt einem bekannten Muster aus der Vermögensforschung: Erst die Pandemie, dann der Richtungswechsel durch Inflation. Während der Corona-Pandemie konnten viele Menschen ihr Geld zunächst weniger konsumieren, weil die üblichen Ausgabenposten wie Gastronomie oder Theater eingeschränkt waren. Die Studie beschreibt diesen Effekt als kurzfristigen Rückenwind für die Vermögensbildung. Mit der anschließenden Inflationsphase drehte sich jedoch der Effekt wieder: Wo Preise steigen und Kaufkraft verloren geht, werden Reserven schneller relativiert, und bereits gebildete Vermögen wirken real weniger wertstabil. Besonders in Haushalten, die nur begrenzt auf Vermögenspuffer zurückgreifen können, macht diese Umrechnung zwischen nominalen und realen Größen den Unterschied spürbar.

Vergleicht man Deutschland mit anderen einkommensstarken Volkswirtschaften, zeigt die Untersuchung gleichzeitig eine stabile Grundspannung. Die Ungleichheit ist demnach nicht nur ein deutsches Randphänomen, aber in der Bundesrepublik bleibt sie relativ groß. Das gleiche Muster findet man laut Darstellung auch in Ländern mit ausgeprägtem Sozialsystem, etwa in Skandinavien. Ein Grund liegt weniger in fehlender sozialer Absicherung, sondern in der Messlogik: Die finanziellen Ansprüche gegenüber Sozialversicherungen tauchen in den genannten Vermögenskennziffern nicht als Teil des Vermögens auf. Würde man solche Rentenanwartschaften als Vermögen interpretieren, läge die gemessene Ungleichheit in Deutschland spürbar niedriger. Das heißt: Selbst wenn Sozialpolitik Stabilität schafft, bleibt die private Vermögenskomponente in den Statistiken oft der harte Indikator.

Besonders deutlich wird die Ungleichheit, sobald man die regionale Ebene betrachtet. Das Nettovermögen ist im Süden höher als im Osten, und die Diskrepanz wächst noch einmal, wenn statt des Mittelwerts der Median betrachtet wird. Im Süden liegt das Nettovermögen laut Studie bei 442.100 Euro, mehr als zweieinhalb Mal so hoch wie im Osten mit 169.100 Euro. Noch stärker fällt der Medianunterschied aus: Im Süden liegt der Median bei 189.000 Euro, das entspricht mehr als dem Fünffachen des Ostens, der bei knapp 36.000 Euro liegt. Damit verschiebt sich auch die Interpretation: Es geht nicht nur um Ausreißer nach oben, sondern um eine breitere Verteilung, bei der sich Haushalte im Osten deutlich seltener im Bereich höherer Nettovermögen wiederfinden.

Als zentrale Erklärung nennt das IW unter anderem den zeitlichen Startpunkt privater Vermögensbildung. In den ostdeutschen Ländern habe die private Vermögensbildung erst ab 1990 richtig beginnen können. Das beeinflusst nicht nur den Kapitalstock einzelner Haushalte, sondern wirkt kumulativ über Jahrzehnte: Wer später startet, kann Vermögen weniger lange über Zinseszinsen, stabile Einkommen und langfristige Investitionen aufbauen. Daneben nennt die Studie die geringe Wohneigentumsquote als weiteren Treiber der Ungleichheit. Wohneigentum ist in vielen Vermögensdaten nicht nur ein Konsumgut, sondern ein Vermögensanker: Ein Haus oder eine Wohnung kann als Vermögenswert wirken, während der Erwerbszeitpunkt, die Finanzierungsmöglichkeiten und die regionalen Preisniveaus die Verteilung stark prägen. Wenn Wohneigentum seltener vorkommt, fehlen häufig genau jene Vermögensbausteine, die die Verteilung glätten könnten.

Vor diesem Hintergrund formuliert das IW eine politische Leitidee, die auf Breitenförderung statt Belastung von Spitzenvermögen setzt. Statt vor allem „die Reichen“ stärker zu belasten, rät das Institut dazu, die breite Masse beim Vermögensaufbau gezielter zu unterstützen. Genannt werden niedrigere Steuern und Gebühren beim Kauf eines Hauses oder einer Wohnung. Die Logik dahinter ist klar: Erwerbsnebenkosten wirken bei Immobilienkäufen oft wie eine Eintrittshürde, insbesondere wenn Eigenkapital fehlt. Senkt man diese Hürden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Haushalte überhaupt in die langfristige Vermögensbildung über Wohneigentum einsteigen. Für die Sozial- und Steuerdebatte bedeutet das auch eine Verschiebung der Perspektive: Nicht nur die Umverteilung nachgelagert zählt, sondern die Fähigkeit, Vermögen überhaupt erst aufzubauen.

Für Unternehmen, Finanzierer und auch Entwickler von Vorsorgelösungen ist die Debatte trotzdem nicht nur „Politik im Hintergrund“. Sie beschreibt Rahmenbedingungen, die sich in Produktanforderungen niederschlagen: Wenn der Vermögensaufbau stärker über Immobilienzugang läuft, steigen die Bedeutung von Beratungsqualität, Finanzierungsthemen und passgenauen Spar- bzw. Tilgungsmodellen. Gleichzeitig zeigt die regionale Spaltung, dass ein Einheitsmodell nicht reicht: Angebote müssen mit dem jeweiligen Umfeld skalieren, etwa hinsichtlich Einkommensstruktur, Wohnkosten und dem typischen Zugang zu Wohneigentum. Und weil die Studie betont, wie stark Zinsniveaus und Inflation auf Nettovermögen wirken, wird deutlich, warum Risikokommunikation in Vorsorgekonzepten so wichtig ist: Die gleiche Nominalrate kann real ganz anders ankommen. Genau deshalb sollten Maßnahmen zur Vermögensbildung stets die Wechselwirkung aus Einkommen, Zinsen und Preisniveau mitdenken.


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