BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In deutschen Personalabteilungen setzt bereits jede siebte Firma KI ein, um Arbeitszeugnisse zu erstellen. Das belegen Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung des Digitalverbands Bitkom unter mehr als 600 Unternehmen. Weitere Betriebe zeigen sich offen für KI bei Zeugnissen, Onboarding und internen Anfragen. Bremsend wirken vor allem der Datenschutz und die Rechtsunsicherheit rund um den europäischen AI Act.

Deutschlands Personalabteilungen stehen spürbar unter Handlungsdruck: Nicht wegen fehlender Software, sondern weil sich der Aufwand im Tagesgeschäft konzentriert. Eine repräsentative Bitkom-Erhebung unter mehr als 600 Unternehmen zeigt, dass Künstliche Intelligenz (KI) im HR-Umfeld längst in der Praxis ankommt. Bereits 14 Prozent nutzen KI-gestützte Anwendungen zur Erstellung von Arbeitszeugnissen; gleichzeitig signalisieren 52 Prozent grundsätzliches Interesse an der Einführung. Damit wird KI im Personalwesen zwar schneller gedacht als umgesetzt, aber nicht mehr als reines Zukunftsthema behandelt.
Besonders deutlich wird der Nutzen bei dem, was HR-Teams im Alltag wirklich auffrisst: Fragen, Rückfragen und immer wieder ähnliche Auskünfte. Für den Einstieg neuer Mitarbeitenden setzen aktuell 14 Prozent der Unternehmen auf KI, vor zwei Jahren waren es noch 11 Prozent. Auch hier zeigt sich eine gestaffelte Adoption: Weitere 36 Prozent planen oder erwägen Schritte. Bitkom beschreibt KI dabei nicht als bloßes Schreibwerkzeug, sondern als „gut trainierte“ Instanz, die Antworten liefern, Orientierung geben und als jederzeit verfügbare Hilfe die Bearbeitungszeiten in der Personalabteilung senken kann.
Überzeugend ist die Entwicklung außerdem in Bereichen, die typischerweise weniger „kundenorientiert“ wirken, aber stark vom Fachwissen der HR-Teams abhängen: Weiterbildung und Belastungsanalyse. Bei der individuellen Weiterbildung greifen 16 Prozent der Betriebe bereits zu entsprechenden Werkzeugen, nachdem es 2024 noch 12 Prozent waren. In der Analyse der Arbeitsbelastung verdoppelte sich der Anteil der KI-Anwender von 6 Prozent (2024) auf aktuell 13 Prozent; weitere 28 Prozent sind aufgeschlossen. Solche Use Cases sind technisch vor allem deshalb relevant, weil sie die Grenze zwischen reiner Textgenerierung und Datenanalyse berühren und damit stärker in Prozesse der Auswertung und Dokumentation eingreifen.
Auch bei der formalen Bewertung der Arbeitsleistung von Mitarbeitenden ist KI bereits präsent, allerdings mit vorsichtigerem Tempo: Aktuell setzen 12 Prozent KI ein, 27 Prozent können sich die Nutzung vorstellen. Daneben nutzen 13 Prozent automatisierte Chat- und Servicesysteme zur Bearbeitung interner Anfragen, weitere 53 Prozent ziehen das künftig in Erwägung. Für viele Unternehmen ist das ein pragmatischer Zwischenschritt: Chat- und Servicefunktionen lassen sich organisatorisch oft leichter einbetten, weil sie zunächst als „Assistenz“ auftreten und nicht zwingend Bewertungslogik ersetzen. Gleichzeitig entstehen damit Datenflüsse, die später für Auswertungen und weitere Automatisierungsschritte genutzt werden können.
Trotz dieser Dynamik bleibt die Adaption im Personalbereich vergleichsweise zurückhaltend. Als zentrale Bremsfaktoren nennt Bitkom strenge Vorgaben zum Schutz sensibler Beschäftigtendaten sowie Rechtsunsicherheiten im Kontext des europäischen AI Act. Der Punkt ist praktisch, nicht nur rechtstheoretisch: Bei HR-Anwendungen treffen personenbezogene Informationen, arbeitsrechtliche Dokumentationspflichten und sprach-/entscheidungsbezogene KI-Outputs aufeinander. Je stärker ein System in Bewertung, Erstellung oder Beratung eingreift, desto höher wird die Anforderung an Nachvollziehbarkeit, Datenminimierung und an die klare Abgrenzung zwischen KI-Unterstützung und menschlicher Entscheidung.
Damit rückt die technische Umsetzung in den Fokus. Wer KI für Zeugnisse, Onboarding oder Serviceanfragen einsetzt, braucht typischerweise eine saubere Architektur aus Datenzugriff, Prompt- oder Modellsteuerung, Protokollierung und Freigabeschritten. Gerade im HR-Kontext ist es entscheidend, dass die Organisation festlegt, welche Eingaben erlaubt sind, wie die Ausgabe überprüft wird und wie der Prozess auditierbar bleibt. In der Praxis heißt das häufig: KI generiert Entwürfe oder Antworten, HR-Mitarbeitende finalisieren Text und Kontextbezug. So lässt sich das Skalierungsversprechen realisieren, ohne das Risiko unkontrollierter Automatisierung zu erhöhen.
Für den Markt ergeben sich daraus zwei klare Signale. Erstens: Wenn KI-gestützte Zeugnisse bereits von 14 Prozent genutzt werden, wird der Wettbewerbsdruck für digitale HR-Prozesse über kurz oder lang steigen – vor allem in Unternehmen mit hohem Personalwechsel oder standardisierten Bewertungs- und Dokumentationsmustern. Zweitens: Der „Flaschenhals“ liegt weniger in der Modellfähigkeit als in Governance, Datenschutz und Rechtsklarheit. Solange Unsicherheiten rund um Hochrisikoklassifizierungen im AI Act andauern, dürften viele Betriebe zunächst bei Weiterbildung, Onboarding-Assistenz und Chat-Services bleiben und erst später in Bewertung oder stärker automatisierte Entscheidungsunterstützung investieren.
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