LONDON (IT BOLTWISE) – Nasa hat den geplanten Rettungsversuch für das Weltraumteleskop Swift vorzeitig beendet. Der von Katalyst Space Technologies gebaute und gestartete LINK-Orbiter sollte Swift per Roboteraufnahme in eine höhere Bahn heben. Statt eines erfolgreichen Rendezvous meldeten sich nach dem Start im Frühjuli Hardwareprobleme, die zu Kontroll- und Kommunikationsausfällen führten. Damit wird Swift voraussichtlich noch in diesem Jahr in der Erdatmosphäre verglühen.

NASA scheitert mit Rettungsversuch für Swift: LINK verliert Kontrolle
NASA scheitert mit Rettungsversuch für Swift: LINK verliert Kontrolle (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Countdown für das Neil Gehrels Swift Observatory läuft weiter – nur eben ohne Rettungsmanöver. Nasa erwartet, dass der Satellit, der seit 2004 Gamma-Strahlungs-Ausbrüche (Gamma-Ray Bursts) untersucht, später in diesem Jahr beim Eintritt in die Erdatmosphäre vollständig verglühen wird. Die Entscheidung ist das Ergebnis eines Projekts, das schon vom Zeitplan her unter Druck stand: Nachdem Nasa eine schneller als erwartete Bahndegeneration feststellte, musste die Bergung in einem engen Fenster stattfinden, damit Swift überhaupt noch hätte profitieren können. Dieser Zeitdruck prägte die gesamte Mission LINK, die als experimenteller Interventionsversuch im Orbit gedacht war.

Technisch betrachtet zielte LINK auf eine Kombination aus Annäherung, Greifen und Bahnanhebung. Geplant war, dass der von der privaten US-Firma Katalyst Space Technologies entwickelte und betriebene Raumflugkörper Swift per Roboterarmen „einfängt“ und anschließend mit einem gezielten Orbital-Boost in eine höhere Bahn hebt. Damit sollte die Lebensdauer des Observatoriums verlängert werden, insbesondere um den Abbrand in der oberen Atmosphäre zu verlangsamen. Nasa hatte dafür nach dem Erkennen des schnelleren Orbitverfalls offenbar bewusst eine harte Deadline akzeptiert – Katalyst erhielt dem Bericht zufolge lediglich neun Monate, um LINK zu entwerfen, zu bauen und zu starten, bevor ein Rendezvous überhaupt realistisch wurde.

Der Bruch kam relativ früh, nachdem LINK Anfang Juli in einer entscheidenden Phase in Betrieb gegangen war. Wochen nach dem Start, während das Raumfahrzeug sich auf das spätere Rendezvous mit Swift vorbereitete, traten laut Nasa Hardwarefehlfunktionen auf: LINK geriet demnach außer Kontrolle, geriet in eine ungewollte Rotation, und die Funkverbindung war nur noch sporadisch. Um den unerwünschten Spin zu korrigieren, wollte man die gleichen Xenon-Gas-Triebwerke nutzen, die ursprünglich für den Boost der Observatoriumsbahn vorgesehen waren. Das Problem: Aus der Korrekturstrategie wurde offenkundig kein stabiler Steuerzustand, sodass die Mission im weiteren Verlauf als gescheitert gilt.

Konkreter formuliert hat Nasa die klassischen Bausteine einer Interventionsmission bereits „vor dem wirklich beginnenden Capture“ ausfallen sehen. Swift hatte seinen Betrieb im Voraus eingestellt, damit es während des geplanten Rescue-Fensters nicht zu riskanten Konstellationen oder Prioritätskonflikten kommen kann. Der geplante Eingriff blieb aus – und damit entsteht für Astronominnen und Astronomen eine Lücke in der Beobachtung des hochenergetischen Himmels, die sich kurzfristig kaum schließen lässt. In der Mission geht es nicht nur um „ein weiteres Teleskop“, sondern um Messreihen zu Phänomenen, deren Ereignischarakter stark zeitkritisch ist: Wenn eine Beobachtungsplattform ausfällt, fehlen Datenpunkte, die sich später nicht einfach nachholen lassen, weil die Ereignisse selbst bereits vergangen sind.

Aus Unternehmenssicht zeigt sich der Übergang von „Rettung“ zu „Lernen trotz Scheiterns“ besonders deutlich in der Kommunikation von Katalyst. In einem LinkedIn-Post schrieb das Unternehmen, dass „the mission will not include the capture and boost of NASA’s Neil Gehrels Swift Observatory.“ Das bedeutet praktisch: Die Mission wird zwar nicht sofort als kompletter Verlust ausgerollt, aber die Kernleistung – Capture und Boost – ist nicht mehr vorgesehen, solange die anhaltenden Kontrollprobleme bestehen. Katalyst macht zugleich klar, dass man LINK nicht sofort aufgibt, sondern weiterhin versucht, verwertbare Daten zu sammeln, die für spätere Rendezvous- und Proximity-Operations wichtig sein könnten.

Dass das Scheitern trotzdem als Teil einer größeren Strategie diskutiert wird, liegt an der Zielrichtung: Orbitinstandsetzung und Servicing sind eines der Themen, an denen sich in den kommenden Jahren die Schnittstelle zwischen öffentlichen Missionen und privaten Raumfahrtakteuren entscheiden wird. Katalyst versuchte in diesem Fall, eine hochkomplexe Proximity-Aufgabe auf einen aggressiven Zeitplan zu pressen. Der CEO des Unternehmens, Ghonhee Lee, formulierte im Post: „Katalyst designed, developed, and launched an experimental spacecraft to go after an ambitious mission on an aggressive timeline. We took on this high-risk, high-reward challenge and are proud of the milestones we reached along the way. We have already learned a tremendous amount, and now our job is to turn those lessons into something durable – building a repeatable playbook to inform future rendezvous and proximity operations and satellite servicing.“ Diese Perspektive passt zu einem Markt, in dem sich die Fähigkeit zur „manuellen“ Interaktion im Orbit künftig als wettbewerbsfähiger Baustein entwickeln dürfte, weil sie potenziell verlängert, wie lange teure Systeme nutzbar bleiben.

Auch Nasa selbst ordnet den Ausgang ein, ohne das Lernziel zu verbergen. Nasa-Administrator Jared Isaacman machte laut Bericht deutlich, dass das Ergebnis nicht dem entsprochen habe, was man sich erhofft hatte, aber dass der Versuch dennoch sinnvoll war: „but it does not change why this mission was worth attempting.“ Außerdem betonte er, dass die Mannschaft mit hoher Geschwindigkeit vorgegangen sei, um Swift noch mehr Zeit für Wissenschaft zu geben und dabei Fähigkeiten für das künftige Servicing von Satelliten weiterzuentwickeln. „We are going to learn everything we can from LINK’s rendezvous attempt and put those lessons to work on the missions that follow.“ Für die Branche heißt das: Selbst ein gescheiterter Capture-Plan liefert belastbare Erkenntnisse darüber, wie sich Spin-/Stabilitätsprobleme, Kommunikationsabbrüche und Steuerreaktionen im echten Rendezvous-Betrieb auswirken – also genau jene Faktoren, die man in der Simulation nie vollständig abbilden kann. Damit rückt die praktische Frage näher, wie künftig Orbit-Rettung als wiederholbares Verfahren umgesetzt werden kann, statt als einmaliger „High-Risk“-Prototyp zu enden.


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