LONDON (IT BOLTWISE) – Der Geschäftsführer des Bundesverbands der Kleingartenvereine fordert die Bundesregierung dazu auf, Kleingärten stärker zu erhalten und auszubauen. Angesichts einer klimabedingten Hitzewelle sollen dafür im nächsten Haushalt gezielt Mittel bereitgestellt werden. Er verweist darauf, dass Kleingärten nicht nur Naherholung bieten, sondern auch durch Bewässerung deutlich zur Abkühlung beitragen können. Zudem nennt er ein gestrichenes Bundes-Förderprogramm als Beispiel für verpasste Chancen und betont den weiterhin hohen Bedarf an Parzellen.

In Zeiten einer anhaltenden Hitzewelle rückt eine Infrastrukturform in den Fokus, die bislang oft als Freizeitkulisse wahrgenommen wird: Kleingärten. Stefan Grundei, Geschäftsführer des Bundesverbands der Kleingartenvereine Deutschlands (BKD), fordert von der Bundesregierung, den Erhalt und Ausbau der Anlagen deutlich stärker als bisher zu fördern. Sein Argument ist dabei zweigleisig: Aus Sicht des Verbands sind Kleingärten kein Luxusgut, sondern Bestandteil urbaner Resilienz gegen Wetterextreme. Gleichzeitig müssten Städte und Ballungsräume die kühlende Wirkung der Vegetation, insbesondere im Sommer, planbarer machen.
Technisch betrachtet entsteht der Effekt weniger durch ein „magisches“ Klima-Feature, sondern durch das Zusammenspiel aus Grünfläche, Bewässerung und lokaler Verdunstung. Grundei stellt heraus, dass Kleingärten durch das Gießen auch in stärkerem Umfang als klassische Parks zu Abkühlung beitragen können. Entscheidend ist dabei, wie der Wasserhaushalt der Anlagen in heißen Phasen funktioniert: In Kleingartenstrukturen sind viele Parzellen dauerhaft bewirtschaftet, wodurch Vegetation nicht nur punktuell, sondern über die Saison hinweg aktiv bleibt. Genau diese Kontinuität will der Verband offenbar in eine verlässliche Planungspolitik überführen, statt sie allein dem Engagement einzelner Vereine zu überlassen.
Dass der Handlungsbedarf nicht nur theoretisch ist, untermauert der BKD mit Zahlen zur Versorgungslage: In Deutschland gebe es rund 1,2 Millionen Kleingarten-Parzellen, doch die Nachfrage liege deutlich darüber. Grundei spricht vom „Bedarf“, der weit über den Bestand hinausgehe, und nennt als Beispiel Berlin: Dort existierten etwa 64.000 Parzellen, während die Nachfrage nach zusätzlichen rund 50.000 Parzellen bestehe. Parallel beschreibt er, dass der Platz für Kleingärten tendenziell sinkt. Politisch wirkt diese Kombination wie ein Zielkonflikt aus Flächenverbrauch und Klimaanpassung: Wer neue Quartiere baut oder Infrastruktur priorisiert, verdrängt damit potenziell die mikroklimatisch wirksamen Grüninseln.
Im Kern geht es damit um Budget-Entscheidungen im Bundeshaushalt. Grundei verlangt, dass die Bundesregierung die Finanzierung für Erhalt und Ausbau im nächsten Haushalt stärkt. Ein Förderprogramm des Bundes, das bereits einmal geplant gewesen sei, verweist der Verbandschef als konkrete Referenz auf eine vorherige Chance, die wieder verworfen wurde: Aus den Bundeshaushalten 2025 und 2026 war ein Kleingarten-Förderprogramm kurz vor der Verabschiedung gestrichen worden. Diese Streichung ist mehr als Symbolpolitik, weil sie die Investitionsfähigkeit der Vereine betrifft – etwa bei Sanierungen, bei der Sicherung der Wasserversorgung oder bei Maßnahmen, die die Flächen länger nutzbar halten.
Auch der politische Kalender zeigt, warum die Debatte jetzt an Fahrt gewinnt: Das Kabinett will in einer Klausur kommende Woche über Hitze- und Klimaschutz beraten, während die Haushaltsverhandlungen im Bundestag Anfang September starten sollen. Innerhalb der Regierungs- und Parlamentslandschaft ist damit kurzfristig Raum für Entscheidungen, die über Förderlogiken, Laufzeiten und Zielgrößen bestimmen. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Dirk Wiese hatte zudem in Aussicht gestellt, man könne „über die Ausweitung von Schrebergärten nachdenken“. Für den BKD wäre das ein entscheidender Hebel, weil damit nicht nur Bestände stabilisiert, sondern auch zusätzliche Flächenpotenziale politisch erreichbar werden könnten.
Strategisch interessant ist außerdem, wie Grundei die Wirkung nicht nur als Klimaschutz, sondern als breitere gesellschaftliche Funktion einordnet. Er nennt Kleingärten als Beitrag zu Klimaschutz, Biodiversität und Naherholung und verweist auf die Bedeutung für städtische Räume, in denen Hitzeperioden besonders spürbar sind. Daneben betont er ein zweites Ziel: Selbst wenn Fläche nicht im gewünschten Umfang neu entsteht, könne ein Förderimpuls helfen, vorhandene Parzellen „intelligenter“ zu nutzen. In der Praxis heißt das vor allem, dass Bewässerung, Pflegekonzepte und die Gestaltung der Bewirtschaftung besser auf Extremwetterereignisse ausgerichtet werden müssten – und nicht erst dann reagieren, wenn die Situation bereits eskaliert.
Für Unternehmen, Kommunen und Infrastrukturplaner ergibt sich daraus ein klares Signal: Klimaanpassung ist nicht allein Sache großer Einzelprojekte, sondern auch ein Thema für die kleinen, verteilten Systeme. Wenn Kleingärten als Kühl- und Erholungsfaktor in Haushaltsentscheidungen einfließen, verändert sich auch der Planungsmaßstab: Förderprogramme könnten dann in Ausschreibungen, in Machbarkeitsstudien und in langfristige Flächensicherungsstrategien integriert werden. Gleichzeitig lohnt der Blick auf KI: Moderne KI-gestützte Steuerungskonzepte lassen sich grundsätzlich für Bewässerungsplanung, Wetter- und Temperaturprognosen oder die Auswertung von Standortdaten nutzen, um den Wasser- und Pflegeeinsatz in hitzebedingten Phasen zu optimieren. Damit würde die Debatte von der reinen Finanzierung hin zu messbareren Betriebs- und Nutzungsmodellen führen – genau dort, wo die nächste Hitzesaison die meisten Defizite schonungslos sichtbar macht.
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