BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundesverband BDEW sieht das Ziel, die deutschen Gasspeicher bis Anfang November auf 70 bis 80 Prozent zu füllen, zunehmend als schwer erreichbar. Die Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung, Kerstin Andreae, nennt vor allem einen gestörten Marktmechanismus: Normalerweise wird Sommergas günstig eingekauft und für den Winter vorgehalten. Aktuell verhindere eine ungewöhnliche Preisentwicklung den so genannten Sommer-Winter-Spread. Zudem rät sie von schnellen Panikmaßnahmen ab und kritisiert staatliche Gaskäufe als Preis-Treiber.

Die Diskussion um die Befüllung deutscher Gasspeicher verschiebt sich gerade spürbar vom Planungsmodus in Richtung Realitätscheck. Beim Zielkorridor von 70 bis 80 Prozent Füllstand bis Anfang November sieht die Energiewirtschaft den Zeitdruck nach Einschätzung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zunehmend als Problem. Die BDEW-Chefin Kerstin Andreae beschreibt die Ausgangslage mit einem klaren Zahlenabstand: Wenn man heute bei rund 50 Prozent startet, sei ein Sprung auf 80 Prozent „irgendwann physikalisch nicht mehr möglich“ – nicht aus politischen Gründen, sondern weil die verbleibende Befüllzeit und die Logistikgrenzen schlicht nicht beliebig skalieren. Damit geht ein Signal an Marktteilnehmer einher: Es wird enger, und zwar ohne dass bereits sicher ist, ob das über alle Speicherstandorte und Lieferketten hinweg gleich schnell aufgeholt werden kann.
Technisch und handelsseitig hängt die Befüllleistung jedoch nicht nur an Kapazitäten, sondern vor allem an Anreizstrukturen. Andreae argumentiert, dass der sogenannte Sommer-Winter-Spread aktuell nicht funktioniert: Händler würden normalerweise in der warmen Jahreszeit Gas günstiger beschaffen, einlagern und es im Winter zu höheren Preisen wieder abgeben. Dieser Mechanismus setzt aber voraus, dass sich der Preis zeitlich auseinanderzieht – also dass „Sommer“ und „Winter“ preislich klar genug getrennt sind. Laut Andreae verhindert eine derzeitige Preisentwicklung, die unter anderem im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran gebracht wird, genau diese Berechnung. Wenn Einspeicherung und Vorhaltung sich dabei nicht mehr rechnerisch lohnen, sinkt die Bereitschaft, zusätzliche Mengen einzulagern, selbst wenn Speicher grundsätzlich noch Aufnahme haben.
Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die in Krisendiskussionen oft zu kurz kommt: Wie belastbar sind Vergleiche zur Gaskrise 2022? Andreae warnt explizit davor, die Lage von damals eins zu eins auf heute zu übertragen. Der Grund ist nicht nur die Menge an verfügbarem Gas, sondern auch die Preisentwicklung sowie die Versorgungsarchitektur. Während Deutschland im Jahr 2022 noch überwiegend auf Pipelinegas angewiesen war und über eigene Flüssigerdgas-Terminals nicht im gleichen Umfang verfügte, ist mittlerweile eine zweite Versorgungssäule entstanden. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn die Befüllquote unter Druck gerät, können Alternativen in der Beschaffung über LNG-Lieferungen (Flüssigerdgas) den Unterschied machen – und die Dynamik der Vorhaltung fällt anders aus als in der Anfangsphase der damaligen Krise.
Aus Markt- und Risikoperspektive spielt außerdem eine Rolle, wie Lieferung und Vertragslage organisiert sind. Andreae betont, dass bestelltes Gas auch tatsächlich geliefert werde und dass Haushaltskunden vertraglich abgesichert seien. Diese Aussage ist relevant, weil sie die Debatte von einer reinen „Speicherzahl“-Diskussion weglenkt hin zu der Frage, wie zuverlässig Versorgung im Tagesgeschäft gewährleistet wird. Auch die Warnung vor „zu schneller Panikmache“ zielt in diese Richtung: Wenn politische Kommunikation zu stark den Eindruck vermittelt, es werde kurzfristig kein Gas mehr verfügbar sein, kann das Verhalten von Marktteilnehmern und Verbrauchern selbsterfüllend wirken – etwa durch Hamsterkäufe oder durch vorzeitige Entnahme statt einer planbaren Nutzung der Speicher. Für ein belastbares Risikomanagement ist daher nicht nur entscheidend, wie voll die Speicher sind, sondern auch, wie stark die tatsächliche Versorgungslage kurzfristig und mittelfristig schwankt.
Besonders deutlich positioniert sich Andreae bei der Frage, wie staatliche Eingriffe die Preisbildung beeinflussen. Sie bezeichnet staatliche Gaskäufe, wie sie 2022 vorgenommen wurden, als falschen Weg: Der Staat habe sich als Einkäufer betätigt und damit die Preise automatisch nach oben getrieben. Diese Logik ist im Kern marktwirtschaftlich: Wer zusätzliche Nachfrage in einen ohnehin angespannten Markt legt, erhöht den Preis, bevor die zusätzliche Verfügbarkeit überhaupt spürbar wird. Für die Gegenstrategie nennt Andreae daher ein anderes Hebelset: Einspeicherung solle über Entlastungen bei Steuern, Abgaben und Umlagen wirtschaftlich attraktiver werden. Ziel sei, Gas möglichst lange im Speicher zu halten und den laufenden Bedarf – je nach Lage – unter anderem über Flüssigerdgas-Terminals zu decken. Damit verschiebt sich der Fokus von einmaligen „Sofortkäufen“ hin zu planbaren Kostenanreizen, die das Marktverhalten längerfristig ausrichten.
Für Unternehmen und Betreiber bedeutet das: Die nächste Phase dürfte stärker von der Frage geprägt sein, wie flexibel Beschaffung, Umschlag und Einspeicherplanung in der Praxis ineinandergreifen. Wenn die Preissignale den Sommer-Winter-Spread nicht liefern, braucht es entweder einen stabileren Preisverlauf oder politische Maßnahmen, die die Wirtschaftlichkeit der Lagerhaltung verbessern, ohne zusätzliche Nachfrage künstlich zu überhitzen. Gleichzeitig zeigt der Verweis auf die fehlende Vergleichbarkeit zur Krise 2022, dass die Infrastruktur inzwischen anders ist und sich Versorgungswege ergänzen. Genau deshalb sollten Entscheider die Befüllquote nicht als alleinigen Frühindikator behandeln, sondern als Teil eines größeren Systems aus Preisbildung, Terminlieferungen, LNG-Logistik und vertraglicher Absicherung. Der Markt muss wieder erkennen, wann und zu welchen Konditionen Vorhaltung sinnvoll ist; andernfalls wird das Speicherziel nicht nur knapp, sondern die gesamte Beschaffungsstrategie bleibt erklärungsbedürftig.
Unterm Strich verdichtet sich die Lage zu einer pragmatischen Aussage: Das Ziel ist „noch erreichbar“, aber es wird nach Einschätzung der BDEW-Chefin immer enger. Das macht die nächsten Wochen zu einer Phase mit hoher taktischer Bedeutung, in der jede Verzögerung bei der Befüllung überproportional ins Gewicht fällt. Technisch betrachtet ist die Befüllkurve bis zu einem gewissen Punkt physikalisch und logistisch begrenzt, wirtschaftlich betrachtet hängt sie an nachvollziehbaren Preis- und Kostenanreizen. Und politisch betrachtet steht die Debatte damit vor einer Entscheidung, ob man eher Preise durch staatliche Nachfrage bewegt oder den Markt über Entlastungen in Richtung Einspeicherung lenkt. Gerade weil die Versorgungslage heute laut Andreae anders abgesichert ist als 2022, dürfte die Qualität der Entscheidungen weniger an Alarmrhetorik gemessen werden als an der Frage, wie gut die Anreize tatsächlich zur Lagerhaltung beitragen.
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