BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Deutsche Städtetag drängt auf eine Umstellung der Pflegeversicherung auf eine Vollversicherung, die sämtliche Pflegekosten übernimmt. Damit sollen Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht mehr wegen hoher Pflegeausgaben in die Sozialhilfe rutschen. Für die kommunalen Haushalte erwarten die Befürworter eine wiederkehrende Entlastung in Milliardenhöhe. Gleichzeitig wächst der Druck auf eine Begrenzung der Eigenanteile im Heim, während die Ausgaben für die „Hilfe zur Pflege“ deutlich steigen.

Städte fordern Vollversicherung in der Pflege: Millionen Entlastung für Kommunen
Städte fordern Vollversicherung in der Pflege: Millionen Entlastung für Kommunen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Umbau der Pflegeversicherung rückt in den Fokus, weil die kommunalen Kassen den Preis der aktuellen Teilabsicherung immer häufiger spüren. Der Deutsche Städtetag fordert, Pflege zu einer Vollversicherung weiterzuentwickeln: Pflegebedürftige sollen dann nicht mehr aus eigener Tasche für den reinen Pflegeanteil zahlen müssen, während die Folgeausgaben bei den Kommunen sinken. Präsident Burkhard Jung stellte dabei das zentrale Gerechtigkeitsargument in den Mittelpunkt: Wer sein Leben lang gearbeitet habe, solle nicht wegen Pflegekosten in die Sozialhilfe fallen. Für viele Kommunen ist das nicht nur eine soziale Frage, sondern vor allem eine planbare Haushaltsfrage, weil Sozialhilfelasten bei Zahlungsunfähigkeit steigen.

Ein messbarer Treiber dieser Debatte sind die Sozialhilfekosten für Pflegebedürftige. Laut Statistischem Bundesamt fielen im vergangenen Jahr für die sogenannte Hilfe zur Pflege sechs Milliarden Euro an. Das entspricht einem Zuwachs um 13,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit stieg der Anteil der Sozialhilfeausgaben an den Gesamtausgaben in Deutschland im dritten Jahr in Folge auf 27,8 Prozent. Im Jahr 2022 lag dieser Anteil noch bei 23,6 Prozent, sodass sich der Trend klar nach oben fortsetzt. Gerade für Städte und Gemeinden bedeutet das: Die Ausgabenentwicklung lässt sich nicht einfach durch lokale Steuerungsmaßnahmen auffangen, weil sie an die bundesweit geänderte Bedarfslage und an bundesrechtliche Leistungszuschnitte gekoppelt ist.

Technisch betrachtet ist die Reformdiskussion weniger eine Frage der Pflege-Realität als der Systemarchitektur. Heute tragen Pflegebedürftige in vielen Fällen einen Eigenanteil für die reine Pflege, während die Pflegekassen nur einen Teil der Kosten übernehmen. Dazu kommt insbesondere im Heimkontext: Neben dem Pflegeanteil entstehen weitere Kostenblöcke für Unterkunft, Verpflegung, Investitionen in die Einrichtungen sowie Umlagen für Ausbildungskosten. Genau dieser mehrteilige Kostenmix macht die Eigenanteilslogik in der Praxis für viele Haushalte zu schwierig kalkulierbar. Der im Raum stehende Gesetzesentwurf, der von der früheren Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vorgelegt worden war, setzt dem Vernehmen nach bei Ausgabenbremsen und zusätzlichen Einnahmen an, um chronische Milliardenlücken zu schließen und allgemeine Beitragserhöhungen zu vermeiden.

Für die politische Umsetzung spielt die zeitliche Taktung eine entscheidende Rolle. Kanzler Friedrich Merz (CDU) hatte angekündigt, dass die Reform im Herbst auf die Tagesordnung kommt. In der aktuellen Personal- und Ressortlogik gehört die Pflegeversicherung damit auch zu den großen Vorhaben des neuen Ministers Carsten Linnemann (CDU). Gleichzeitig bleibt der Widerstand gegen den Wechsel zu einer Vollversicherung als durchgehender Kostenübernahme bestehen: Warken hatte sich ausdrücklich gegen ein Modell ausgesprochen, das alle Pflegekosten trägt. Die Debatte zeigt damit eine klassische Spannung zwischen finanzierbarer Teilleistung und dem Versuch, eine Lastenspreizung über die gesamte Bevölkerung zu organisieren, anstatt in besonderen Notsituationen die Kosten bei Sozialhilfeträgern zu konzentrieren.

Parallel zur Vollversicherungsforderung geht es um eine konkrete Begrenzung der Belastungen im Heimalltag. Jung machte dafür als praktikable Option einen einkommensabhängigen Deckel für Eigenanteile sichtbar: Er stellte die Idee vor, dass ein solcher Deckel je nach Einkommen höher oder niedriger ausfallen kann. Als Orientierung nannte er den Ansatz der saarländischen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD), bei dem Eigenanteile über 1.500 Euro im Monat von den Kassen übernommen werden sollen. Damit wäre der Mechanismus weniger abrupt als ein kompletter Systemwechsel, aber dennoch stark genug, um Zahlungsunfähigkeit zu verhindern. Zugleich wird betont, dass Bund, Länder und Kommunen einen solchen Deckel gemeinsam finanzieren müssten, was die Reform zugleich zu einer Koordinationsaufgabe zwischen Haushalts- und Zuständigkeitslogiken macht.

Die Dringlichkeit kommt aus der Überlastung kommunaler Strukturen. Jung begründete den Vorstoß unter anderem mit einem Defizit von 30 Milliarden Euro jährlich, das Städte und Gemeinden in eine dauerhafte Haushaltsklemme bringe. In dieser Situation müssen Kommunen einspringen, sobald Senioren die Heimplätze nicht mehr aus eigenen Mitteln finanzieren können. Ein konkretes Beispiel liefert Leipzig: Dort seien die Kosten für die „Hilfe zur Pflege“ innerhalb von fünf Jahren um 300 Prozent gestiegen. Entscheidend ist dabei weniger der Einzelfall als die Übertragbarkeit auf ähnliche kommunale Profile, denn vor allem im Osten sei die Zahlungsfähigkeit für Eigenanteile zunehmend eingeschränkt. Der Sozialverband Deutschland wiederum sieht die Lösung in einer Vollversicherung, die sämtliche Pflegekosten abdeckt und Pflegebedürftige spürbar entlastet, während eine leistungsfähige Bürger-Absicherung als langfristiger Absicherungsweg für die Pflegerisiken der gesamten Bevölkerung diskutiert wird.

Für Unternehmen, Kommunalverwaltungen und Trägerorganisationen entsteht daraus ein klares Signal: Reformen in der Pflegeversicherung werden sich direkt in Budget-, Finanzierungs- und Planungsprozessen niederschlagen. Eine Vollversicherung könnte die Schnittstelle zwischen Pflegekosten und Sozialhilfe deutlich verkleinern, wodurch Sozialämter weniger Fälle mit laufender Regelfinanzierung abfedern müssten. Umgekehrt würde eine Lösung, die stärker auf Deckelmechanismen setzt, zwar kurzfristig entlasten, aber gleichzeitig mehrschrittige Abstimmungs- und Nachweispflichten erzeugen. Welche Richtung sich im Herbst konkret durchsetzt, wird auch davon abhängen, wie der Gesetzgeber die Lücke zwischen Kostenentwicklung, Beitragslogik und kommunaler Stabilität schließt. Klar ist: Solange Eigenanteile für die Pflege im System verbleiben, bleibt das Risiko hoch, dass steigende Ausgaben über die Sozialhilfe wieder in die kommunale Ebene zurückfließen.


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