TEL AVIV / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein israelisches Startup treibt Lachs-Zucht in geschlossenen, landbasierten Anlagen voran. Die Anlage recycelt Wasser in einem biologischen Kreislauf und soll Antibiotika, Hormone und auch das typische Off-Flavour-Problem reduzieren. In einem Pilotbetrieb werden mehrere Tausend Fische pro Anlagephase hochgezogen, bevor sie in der Küche auf Geschmack getestet werden. Der Ansatz zielt darauf, Fischproduktion weniger vom Meer abhängig zu machen und gleichzeitig die Umweltbelastung zu senken.

Salz- und Meerwasser sind für viele Menschen beim Thema Lachs gleichbedeutend mit Genuss. Genau an dieser Kopplung rüttelt Inland Ocean aus Israel: Das Startup will Kaltwasserfische in vollständig geschlossenen, landbasierten Anlagen großziehen und dabei Wasser wiederverwenden statt als Abwasser in die Umgebung abzugeben. Ausgangspunkt ist nicht nur die Idee, Küstenstandorte zu umgehen, sondern auch die Kritik an klassischen Aquakultursystemen: hohe Besatzdichten, Krankheitsdruck bis hin zu Parasiten wie Seelöwenbefall sowie die Einleitung von Fäkalien, Urin und Futterresten in das jeweilige Gewässer. Wenn die Anlage konsequent als Kreislauf ausgelegt ist, verschiebt sich das Problem weg von „Wohin mit dem Wasser?“ hin zu „Wie bleibt die Wasserqualität biologisch stabil, ohne die natürliche Bakterienlandschaft zu zerstören?“
Technisch setzt das Unternehmen auf ein mehrstufiges Wasseraufbereitungsprinzip, das im Kern an biologische Filter in geschlossenen Systemen anschließt. Im Pilotbetrieb bleiben die Bedingungen dabei bewusst kalt: Die Brut überführt das Team in einen Inkubator mit Wasser bei 6 Grad Celsius, um die Habitattrigger der ursprünglichen Kaltwasserumgebung nachzubilden. Danach wandern die Tiere schrittweise in wachsende Becken, bis später die „Smoltifizierung“ einsetzt, also die physiologische Umstellung für den Übergang von Süß- zu Brackwasser. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Temperatur, sondern die Abwasserlogik: In den Becken sorgt die Bewegung der Fische dafür, dass organische Rückstände am Boden absinken und über Kanäle in einen getrennten Biofilterraum gelangen. Dort sollen Mikroben die toxische Ammoniaklast abbauen, sie zu Nitrat umformen und anschließend in einem weiteren Schritt den Abbaupfad so weitführen, dass am Ende gasförmiger Stickstoff entsteht, der sich natürlicherweise in die Atmosphäre verflüchtigt.
Der zweite große Hebel betrifft die sensorische Qualität: In geschlossenen Kreisläufen entsteht häufig ein Off-Flavour, also ein unerwünschter Beigeschmack, der die Vermarktung ausbremst. Inland Ocean beschreibt dafür eine konkrete Ursache aus dem Ökosystem des Biofilters: Bakterienpopulationen bilden nicht nur Abbauprodukte, sie setzen auch Substanzen frei. Genannt wird unter anderem Geosmin, ein Stoff, der im Alltag mit „Erdgeruch“ assoziiert wird und über Umwege in Fischaromen landen kann. Traditionelle Gegenmaßnahmen wie „Purging“ – das Absetzen der Fische in frischem, durchströmtem Wasser, bis das Aromaprofil „sauberer“ wirkt – verbrauchen dabei wieder Wasser und kosten Zeit, Gewicht und damit Erlös. In der Darstellung des Teams wird der Zielkonflikt deutlich: Für eine Phase im Süßwasser fressen die Fische dann nicht, verlieren rund 10 Prozent Gewicht, und auch die Farbintensität sinkt. Genau hier startet die Forschungsarbeit, die ursprünglich aus der Biologie und Aquakultur hervorging.
Aus der Geschichte des Gründerteams wird erkennbar, warum das Kreislaufprinzip nicht bei der Wassertechnik stehen bleibt. Snir Azaria, Mitgründer und CEO, beschreibt seine Arbeit als Übersetzung eines wissenschaftlichen Problems in einen industrietauglichen Prozess. Die langjährige Zusammenarbeit mit dem Professor Jaap van Rijn bildet dabei den technologischen Unterbau. Van Rijn hatte bereits in den 1990er-Jahren ein geschlossenes System mit kontinuierlichem Recycling betrieben, in dem Wasser nicht abgeführt, sondern biologisch regeneriert wird. Sein Beitrag reicht aber tiefer: Während die Bakterien das Ammoniak in Richtung Nitrat umsetzen, bleibt die Frage, wie man die geschmacksrelevanten Stoffwechselpfade kontrolliert, ohne die Filterökologie komplett zu „entsterilisieren“. Azaria beschreibt den Ansatz daher über Mikroumgebungen für Bakterien: Das Team entwickelt ein neues Filtermedium aus fetten Mikrokugeln, die Eigenschaften von Schlammpartikeln nachahmen. Dadurch sollen Geosmin-Moleküle verstärkt gebunden werden, sodass die relevanten Bakterien diese Stoffe in Richtung harmloser Endprodukte abbauen. Entsprechend führt der Prozess nicht einfach zu „noch saubererem Wasser“, sondern zu „saubererem Wasser mit dem richtigen biologischen Gleichgewicht“.
Wie sich so ein System in der Realität bewährt, zeigte sich im Projekt an der Schnittstelle zwischen Labor und Feinschmecker-Küche. Azaria bringt den ersten Lachs aus dem Pilotbetrieb an Restaurantstandorte in Tel Aviv, damit der Geschmack unter praktischen Bedingungen getestet wird. Chef Asaf Doktor vergleicht dabei „frisch, Textur, Festigkeit und ein glänzendes Auge“ und stellt fest, ob der typische Off-Flavour tatsächlich ausbleibt. In der Darstellung heißt es: „I don’t eat salmon, I don’t serve salmon, and I preach to others to do the same, “ sagt Doktor zu Beginn. Später präzisiert er nach dem Filieren und Braten: „This raw fish meets all those criteria: freshness, texture, firmness and a gleaming eye. I filleted it, and the flesh was beautiful and inviting. Then I removed the skin and saw the familiar fat that gives it its juiciness, and that was very satisfying, very appealing. The cooked dishes have no off-flavor, but there’s still work to be done on the raw fish, “ bilanziert Doktor. Azaria und van Rijn arbeiten danach weiter, liefern wiederholt nach und hoffen, dass aus „nahe dran“ ein marktreifer Standard wird.
Für den Markt kommt ein weiterer Faktor hinzu: Lachs ist in Israel sehr präsent, allerdings vor allem als Importware. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung in den klassischen Produktionsregionen, warum Alternativen überhaupt politisch und wirtschaftlich auf dem Radar landen. Die Wildbestände stehen unter Druck; in der Darstellung wird genannt, dass die Rückkehrzahlen von Junglachsen nach mehreren Jahrzehnten stark gesunken sind. Zudem macht der Klimawandel die Aquakultur insgesamt anfälliger, während industrielle Systeme zwar technisch begrenzt abschirmbar sind, aber häufig zu teuer bleiben, um Pollution wirksam zu verhindern. In diesem Spannungsfeld wirkt Inland Ocean wie eine Neujustierung der Lieferkette: Wenn die Produktion in geschlossenen Anlagen an Strom, Wasser und ausreichend Platz gekoppelt ist, dann lässt sich die Standortfrage anders beantworten als bei Netzkäfigen. Das Unternehmen nennt als Ziel sogar, langfristig bis zu rund 10 Prozent des israelischen Lachsbedarfs lokal zu decken.
Auf der Skalierungsseite verschiebt sich damit auch die Rolle von Partnern. Inland Ocean nutzt lokale Expertise in Wasser- und Abwassertechnik, um aus dem Laborbetrieb eine industrielle Anlage zu machen. Die Pilotanlage wird mit mehreren Becken beschrieben, insgesamt mit etwa 8.000 Lachsen in der laufenden Phase, wobei der Kreislauf aus Becken, Abwasserkanal und Biofilterraum als durchgängiges System gedacht ist. Auch organisatorisch ist das ein Unterschied zu vielen „Deep-Tech“-Projekten: Das Startup setzt laut Darstellung mit lokalen Farmteams auf eine Trennung von landwirtschaftlicher Betriebsführung und technologischer Steuerung. Gleichzeitig ist die Projektbiografie nicht frei von Risiko: Azaria berichtet von einem Alarm während der Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025, bei dem eine Störung im Anlagenbetrieb so schnell wie möglich behoben werden musste. Seine Aussage unterstreicht, dass „Maschinenbau“ und „Operation“ hier unmittelbare wirtschaftliche Bedeutung haben: „I always tell people: I have five children and 8,000 salmon, “ sagt er. Genau diese Mischung aus Engineering, Biologie und Betriebsalltag entscheidet darüber, ob der Ansatz über Pilotphasen hinaus für weitere Standorte tragfähig wird.
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