LONDON (IT BOLTWISE) – Harvard Business School rollt mit „H.B.S. Foundry“ ein Entrepreneurship-Bootcamp aus, das Teilnehmende über KI-Avatare mit Dozenten sprechen lässt. Das Online-Portal kostet 699 US-Dollar und setzt auf Chat- und Video-Simulationen für Pitch, Sales und Board Meetings. Entwickelt wurde das Angebot nach einem ersten Trial, der auf mehr geführte Abläufe optimiert wurde. Im Test berichten Studierende und Gründer über höhere Passgenauigkeit und die Möglichkeit, jederzeit zu üben.

Harvard Business School will Entrepreneurship nicht nur lehren, sondern skalieren – und setzt dabei konsequent auf KI-gestützte Interaktion. Mit „H.B.S. Foundry“ steht ein achtwöchiges Online-Bootcamp für Gründer bereit, das für 699 US-Dollar gebucht werden kann. Den Kern bilden KI-„Clones“ von Lehrenden, die Teilnehmende in Chats und in Video-Call-Simulationen durch typische Situationen führen: vom Investor-Pitch über Sales-Gespräche bis hin zu Übungsrunden für Board Meetings. Für Harvard geht es dabei um mehr als ein neues Lernformat; die Schule möchte ihre Angebote deutlich über die rund 900 MBA-Studierenden hinaus verlängern, die sie pro Jahr aufnimmt.
Technisch betrachtet nutzt Foundry eine Mischung aus KI-Textagenten und KI-generierten Videos. Die Chat-Agenten sind nicht einfach generische Assistenten, sondern wurden auf die Inhalte und Arbeitsweise konkreter Harvard-Dozenten trainiert; ergänzend greifen sie laut Beschreibung auch auf breiteres Wissen zurück, wenn es in einer Diskussion fachlich passend erscheint. Besonders auffällig ist die Ausrichtung auf Interaktionsrealismus: Das Projektteam trainierte die Systeme bewusst darauf, im Gespräch nicht automatisch zu loben oder nachgiebig zu sein. Statt „obsequious“ zu wirken, sollen die KI-Agents gezielt herausfordern – das Team beschreibt, dass die Agenten so hart programmiert wurden, dass bei einer ersten Runde praktisch keine Start-up-Ideen einen unmittelbaren Segen erhalten.
Die Video-Avatare entstehen durch die enge Zusammenarbeit mit dem Avatar-Anbieter HeyGen. In der Praxis sehen Teilnehmende also nicht nur Textantworten, sondern können auch eine Art „virtuellen Lehrstuhl“ erleben: KI-generierte Professoren simulieren Video-Calls, in denen Gründer ihre Argumentation, Struktur und den Umgang mit Rückfragen üben. Das Projekt teamt dabei nicht bei null, sondern baut auf Rückmeldungen aus einer ersten Testphase auf, die im Oktober gestartet war. Laut Projektleiterin Katharina Rings wünschten sich viele Studierende nach dem Trial eine stärker geführte Erfahrung; seit April ist deshalb die aktuelle Version verfügbar, die stärker durch den Prozess vom Ideen-Feinschliff bis zur Präsentation vor potenziellen Geld- und Kundenpartnern steuert.
Im Marktumfeld ist das Angebot ein Lehrstück darüber, wie Hochschulen und Beratungsorganisationen ihre Kapazitäten in der KI-Ära neu verteilen. Harvard testet Foundry bereits breit, nämlich mit mehr als 100 Universitäten in 50 US-Bundesstaaten. Für externe Wettbewerber ist dabei weniger der konkrete Preis entscheidend als das Betriebsmodell: Statt dass jede Coaching-Stunde von einer einzelnen Person abhängt, lassen sich Übungs- und Feedbackschleifen mehrfach und zeitlich flexibel abbilden. Dass ähnliche Skalierungsziele auch in anderen Branchen auftauchen, unterstreicht der Kontext, in dem PWC und Kanzleien sowie sogar institutionelle Akteure erwähnt werden, die mit KI ihren „Human bandwidth“-Engpass adressieren.
Für die Durchlässigkeit in Richtung echte Gründerarbeit ist relevant, wie die Plattform Teilnehmer rekrutiert und in bestehende Hochschulprogramme einbettet. Viele Gründer finden Foundry über Universitätsstellen, die helfen, Ideen in marktfähige Unternehmen zu überführen. Rund 45 Prozent der Gründer in den Sommer-Sessions zahlten laut Angaben individuell, der Rest wurde von Universitäten finanziert – entweder über Subscriptions oder über kostenlose Trials. Bei etwa 760 Gründern in den Sommer-Sessions kommt damit ein Großteil über akademische Zugänge, und genau dort liegt der skalierende Hebel: Ein Entrepreneurship-Programm kann wöchentlich deutlich mehr Sessions anbieten, als es rein personell vor Ort möglich wäre.
Aus Anwendersicht berichten die Beispiele, dass die KI-Avatare nicht nur „Übung“ liefern, sondern auch Entscheidungsdruck simulieren, der im echten Fundraising Alltag fehlt. Ein Ph.D.-Kandidat der Boston University beschreibt etwa, wie ihm die KI-Avatare halfen, aus vielen möglichen Use Cases genau einen Schwerpunkt für den Pitch herauszuarbeiten, statt sich im Gespräch zu verzetteln. Ein weiterer Punkt ist die Verfügbarkeit: Wer gleichzeitig forscht und ein Unternehmen aufbaut, kann nicht zuverlässig feste Termine für Feedback koordinieren. Die Plattform schafft hier einen „Bring-your-own-timing“-Mechanismus, weil der Nutzer jederzeit mit dem Clone interagieren kann. Auch ein Unternehmer, der bereits mehr als 1 Mio. US-Dollar Venture-Finanzierung eingesammelt hatte, hebt besonders die Simulationen von Board- und Pitch-Situationen hervor: Man kann Aspekte „durchspielen“, bevor man real in eine Prüfungssituation gerät.
Langfristig deutet das Setup auf einen modularen Ausbau hin. Harvard Business School erwägt demnach, dass andere Universitäten eigene Avatare von ihren Professoren hinzufügen können – ähnlich einer Bibliothek, die nicht nur Inhalte, sondern auch Rollen- und Kommunikationsstile lokalisiert. Gerade das Zusammenspiel von KI-Agents, KI-Video und der Community-Funktion ist dabei entscheidend: Laut Tom Eisenmann kommt der Nutzen besonders dann zusammen, wenn die Teilnehmenden einerseits die KI nutzen und lernen, andererseits aber weiterhin menschliche Perspektiven im Austausch behalten. Damit wird aus Foundry nicht nur ein KI-Tool, sondern eine Lernumgebung, die Humanität nicht ersetzt, sondern im richtigen Moment ergänzt.
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