LONDON (IT BOLTWISE) – Der ehemalige Mossad-Offizier Oded Eilam hält einen militärischen Konflikt zwischen Israel und der Türkei derzeit für äußerst unwahrscheinlich. Er argumentiert, Erdogans regionale Expansionsstrategie sei auf schrittweises Vorgehen ausgelegt und würde durch eine Konfrontation mit Israel zu viel riskieren. Eilam verweist dabei auf Israels Vorgehen, klare Grenzen zu setzen, und ordnet die Rolle der türkischen Seestreitkräfte sowie den Einfluss über Flüchtlingsrouten in den größeren Kontext ein. Am Ende kritisiert er zudem die Tonlage rund um US-Politik und benennt dabei Tom Barrack.

Ehemaliger Mossad-Offizieller: Israel und Türkei stehen laut Einschätzung nicht vor Krieg
Ehemaliger Mossad-Offizieller: Israel und Türkei stehen laut Einschätzung nicht vor Krieg (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein militärischer Schlagabtausch zwischen Israel und der Türkei ist nach Einschätzung des ehemaligen Mossad-Offiziers Oded Eilam auf absehbare Zeit kein realistisches Szenario. In einem Interview mit 103FM sagte Eilam, der Gedanke an einen Krieg „[The answer is unequivocally no …]“ sei nicht nur unwahrscheinlich, sondern im Kern ausgeschlossen, weil auf beiden Seiten kein Interesse an einer militärischen Eskalation bestehe. Seine Argumentation setzt dabei weniger bei konkreten Truppenbewegungen an, sondern bei der Logik strategischer Ziele: Wenn es um langfristige Einflussnahme geht, lohnt sich nach seiner Lesart kein riskanter Frontenkrieg, der zu unkontrollierbaren Kosten und ungewissem Ausgang führen kann.

Technisch betrachtet ist diese Einordnung vor allem als Frage der Eskalationskontrolle zu verstehen. Militärische Macht wirkt selten eindimensional, sondern entfaltet sich über Fähigkeiten zur Aufklärung, über Reichweiten für Luft- und Seemittel sowie über die Fähigkeit, Operationsräume zu „lesen“ und gleichzeitig Gegenmaßnahmen zu antizipieren. Eilam beschreibt Erdogans Politik als langfristig geplante Strategie, die eher auf schrittweise Ausweitung in verschiedenen Regionen zielt. In seiner Darstellung wäre ein Konflikt mit Israel gerade deshalb ein Bruch mit der eigenen Steuerungslogik, weil Israel nach Eilam als „eine der größten Mächte in der Region“ wahrgenommen wird. Damit verschiebt sich der Fokus weg vom kurzfristigen militärischen Impuls hin zur Frage, welche Ziele kurzfristig genug „planbar“ bleiben, um ohne offenen Krieg verfolgt zu werden.

Parallel dazu greift Eilam die Rolle Israels bei der Festlegung von Rahmenbedingungen auf. Er verweist darauf, dass Israels Handeln im Umfeld Syriens klare Grenzen zur Türkei gezogen habe, und er bewertet dies als richtig. Gerade in Konflikten, in denen mehrere Akteure gleichzeitig wirken, sind solche „roten Linien“ faktisch mehr als Rhetorik: Sie beeinflussen, wie Luftoperationen geplant werden, welche Risiken in der Einsatzplanung einkalkuliert werden und wie wahrscheinlich es wird, dass ein Zwischenfall nicht mehr deeskaliert werden kann. Eilam geht dabei auch auf einen konkreten Vorwurf ein, der sich in seiner Darstellung auf die Einführung „eines fortgeschrittenen Systems“ durch die Türkei bezieht, das Israels Flüge Richtung Iran potenziell gestört hätte. Auch wenn diese Aussage vor allem politisch eingeordnet ist, zeigt sie doch, wie stark Abschreckung und Gegenabschreckung über technische und organisatorische Vorteile verknüpft werden.

Bemerkenswert ist zudem, wie Eilam die türkische Handlungsfähigkeit auf mehreren Ebenen beschreibt: nicht nur über Land- oder Luftstreitkräfte, sondern ausdrücklich über die Marine. Er sagt, die Türkei habe in seinen Augen „die beeindruckendste Marine im Mittelmeer“ und beschreibt sie sogar als potenziell über den Bereich von Bulgarien und Griechenland hinausgehend relevant. Aus sicherheitspolitischer Sicht ist das ein Hinweis darauf, dass Seewege und Präsenz in Randbereichen strategisch genutzt werden können, um politischen Druck aufzubauen oder Handlungsspielräume zu sichern. In der Logik, die Eilam zeichnet, ergänzt die Seemacht damit die bereits erwähnte langfristige Planung: Wer im Meer präsent ist, kann Signale senden, Operationen wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Konflikte „lokal“ bleiben.

Gleichzeitig verknüpft Eilam militärische Fragen in seinem Gespräch mit Europas politischer Verwundbarkeit in der Flüchtlingspolitik. Er behauptet, die Türkei kontrolliere den „gateway for refugees“ und erhalte dafür in seiner Darstellung jährlich etwa 200 bis 250 Millionen US-Dollar, um die Menschenströme in Europa zu begrenzen. Das ist als politisches Argument formuliert: Eilam stellt heraus, dass Europa nach seiner Wahrnehmung „terrified“ sei, während die USA die Lage aus seiner Sicht als „convenient“ betrachten könnten. Unabhängig davon, wie man diese Bewertung teilt, wird hier deutlich, wie eng strategische Koordination zwischen Sicherheitsfragen, humanitären Belastungen und innenpolitischen Zwängen verwoben sein kann. In so einem Geflecht sinkt die Wahrscheinlichkeit eines offenen Krieges oft nicht, weil Gegner plötzlich kooperationsbereit werden, sondern weil politische Kosten-Nutzen-Rechnungen Eskalation stärker „verteuern“.

Den Abschluss nutzt Eilam, um die Kommunikationsebene zu kritisieren. Er richtet sich gegen „entzündende“ Rhetorik, die er einem türkischen Vertreter in Washington zuschreibt, und benennt dabei Tom Barrack. Wörtlich sagte Eilam: „And we need to be wary of all the inflammatory rhetoric of Erdogan’s representative in Washington, whose name is Tom Barrack.“ Im gleichen Atemzug fügt er hinzu: „He tells us that Turkish planes were in the air. All that’s missing is an entire Hollywood movie.“ Solche Sätze wirken zugespitzt, zielen aber laut seiner Darstellung auf eine Abgrenzung: politische Aussagen sollen nicht als faktische Handlungsanweisungen missverstanden werden. Für Unternehmen, politische Entscheidungsträger und sicherheitsnahe Teams bedeutet das vor allem, dass Kommunikation in Krisen häufig ein Frühindikator ist – nicht für einen tatsächlichen Kampfbeginn, aber dafür, wie stark der Raum für Deeskalation gerade bepreist wird.

Am Ende lässt sich Eilams Kernthese in einen technischen und strategischen Prüfstein übersetzen: Was ist das wahrscheinlichste Verhalten im nächsten Schritt – Eskalation zur Durchsetzung eines kurzfristigen Ziels oder Steuerung, die langfristige Planung schützt? Eilam entscheidet sich für die zweite Variante und begründet sie sowohl mit der behaupteten Logik der türkischen Strategie als auch mit Israels Fähigkeit, klare Grenzen zu ziehen. Gleichzeitig bleibt die Aussage nicht bei „Wird schon nichts passieren“ stehen, sondern verknüpft Militär, Seepolitik und politische Hebel. Für die Region ist genau dieses Zusammenspiel relevant: Selbst wenn ein direkter Krieg „praktisch null“ ausfällt, können Spannungen über sicherheits- und kommunikationsbezogene Zwischenstufen dennoch zunehmen. Gerade deshalb werden Beobachter seine Aussagen weniger als Prognose eines Ereignisses, sondern als Analyse der Mechanik lesen, die Konflikte heute wahrscheinlich oder unwahrscheinlich macht.


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