LONDON (IT BOLTWISE) – Europa setzt stärker auf digitale Souveränität: Frankreich will die Zusammenarbeit mit Palantir beenden und nennt mit ChapsVision einen neuen Partner für nationale Sicherheitsanwendungen. Parallel wird in Deutschland die Diskussion um den Palantir-Einsatz mit Blick auf die Software Gotham lauter, während politische Parteien unterschiedliche Zeitpläne für Alternativen fordern. Die EU startet ein Förderprogramm für bis zu sieben KI-Gigafactories mit einem Gesamtvolumen von über 30 Milliarden Euro. Damit sollen heimische Plattformen und Produktionskapazitäten entstehen, die weniger abhängig von US-Datenzugriffen machen.

Europäische KI-Gigafactories: 30 Mrd. Euro für digitale Souveränität statt Palantir
Europäische KI-Gigafactories: 30 Mrd. Euro für digitale Souveränität statt Palantir (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um KI in der öffentlichen Verwaltung und in sicherheitsnahen Bereichen bekommt in Europa gerade eine neue Taktung: Nicht nur einzelne Verträge geraten unter Druck, sondern gleich die Frage, wie unabhängig kritische Daten- und Analyseketten künftig betrieben werden. Im Zentrum steht dabei der Ausstieg aus der Zusammenarbeit mit Palantir, wie Frankreich für den Bereich der nationalen Sicherheit im Frü hjahr angekü ndigt hat. Als kü nftiger Partner wurde ChapsVision genannt, das laut den vorliegenden Angaben aktuell etwa 200 Millionen Euro Jahresumsatz erzielt und ü ber zahlreiche Ü bernahmen bis zum Ende des Jahrzehnts auf eine Milliarde Euro zielen will. Gleichzeitig lä uft der Vertrag mit dem Inlandsgeheimdienst DGSI noch fü r rund drei Jahre, wodurch der Umstieg in sicherheitsrelevanten Workflows eher als mehrstufiger Wechsel denn als abruptes Schalten auf „Stopp“ erscheint.

Dass der politische Widerstand nicht an einer Landesgrenze endet, zeigt der Blick nach Deutschland. Dort hat die Debatte um die Software „Gotham“, die fü r polizeiliche Ermittlungen eingesetzt wird, laut den vorliegenden Angaben im Sommerhalbjahr spü rbar an Dynamik gewonnen. Bei einer Urabstimmung Ende Juli sprachen sich 91,7 Prozent der Mitglieder der Grü nen in Baden-Wü rttemberg fü r einen Stopp des Palantir-Einsatzes aus, bei einer Beteiligung von knapp 40 Prozent. Die Landesregierung hä lt indes vorerst an der Technologie fest; Ministerprä sident Cem Ö zdemir verwies auf eine europä ische Alternative bis 2030. Technisch und rechtlich ist der Rahmen dabei bereits geschaffen: Im November des Vorjahres wurde demnach eine Ä nderung des Polizeigesetzes als Grundlage fü r den Einsatz beschlossen, was zeigt, wie stark solche Systeme nicht nur vom Budget, sondern auch von der juristischen Betriebserlaubnis abhä ngen.

Auf der politischen und industriellen Ebene wird parallel sichtbar, wie Alternativen entstehen sollen. Ein Ansatz ist, souverä ne Plattformen in Europa aufzubauen, statt sich auf proprietä re Toolchains zu verlassen, deren Integrations- und Datenflusspfad tief in US-Ö kosysteme reicht. Der Rü stungselektronik-Konzern Hensoldt etwa arbeitet an der Fusionssoftware „MDOcore“, die als Gegenstü ck zu Palantir in den Bereichen Land, Luft, See, Cyber und Weltraum dienen soll. Das Unternehmen investiert dafü r in Oberkochen ü ber 300 Millionen Euro, und es geht nicht allein um die Software-Schicht: Hensoldt kooperiert mit Schwarz Digits und IBM, um eine souverä ne Rü stungscloud aufzubauen. Das ist auch deshalb relevant, weil der Wert vieler KI-Anwendungen erst in der Kombination aus Datenzugriff, Modellbetrieb (inklusive Updates) und Ü berwachung der Ergebnisse entsteht, also im Zusammenspiel aus Plattform, Pipeline und Betrieb.

Flankiert wird das durch ein massives EU-Fö rderinstrument, das eher nach Infrastruktur als nach Einzelprojekt klingt. Ende Juli wurde laut den vorliegenden Angaben ein Bietverfahren fü r bis zu sieben KI-Gigafactories erö ffnet, mit einem Gesamtvolumen von ü ber 30 Milliarden Euro. Davon sollen 10 Milliarden Euro aus ö ffentlichen Mitteln von EU und Mitgliedstaaten stammen, wä hrend mindestens 20 Milliarden Euro an privaten Investitionen erwartet werden. Die „Gigafactory“-Logik zielt damit nicht nur auf Modelltraining, sondern auf die Fä higkeit, in Europa Rechen-, Energie- und Lieferkettenkompetenz fü r KI systematisch aufzubauen. Genau hier wird auch der Marktkontext greifbar: Wä hrend in Groß britannien insbesondere ein Vertrag ü ber 330 Millionen Pfund fü r das Gesundheitssystem NHS auf dem Prü fstand steht, wird andernorts die Nutzung von Palantir-Software zunehmend kritisch hinterfragt, selbst wenn bestehende Laufzeiten den unmittelbaren Austausch bremsen.

Die entscheidende technische und regulatorische Leitplanke ist dabei die Frage, wie Daten ü ber den Lebenszyklus hinweg gesichert bleiben. Als Hintergrund wird der US Cloud Act genannt, der US-Behö rden den Zugriff auf Daten erlaubt, selbst wenn diese auf Servern in Europa liegen. Damit verschiebt sich die „Datensouverä nitä t“ von einem Schlagwort hin zu konkreten Architekturen: Anbieter wie Infomaniak gewinnen laut den vorliegenden Angaben an Bedeutung, weil sie eine Datenspeicherung nach europä ischen Standards garantieren. Zudem ü bertrug Infomaniak im Frü hjahr die Mehrheit der Stimmrechte an eine gemeinnü tzige Stiftung, um die Unabhä ngigkeit langfristig abzusichern. Auch auf kommunaler Ebene werden Schritte sichtbar: In Zü rich testet die Stadt derzeit Open-Source-Lö sungen, um die Abhä ngigkeit von groß en US-Softwareanbietern zu reduzieren, wä hrend in Deutschland auf Bundesebene Digitalverantwortliche wie Staatssekretä r Markus Richter eine Initiative fü r offene Standards im E-Government betonen, damit Wettbewerb entsteht und KI-Technologien als Beschleuniger fü r Verwaltungsprozesse genutzt werden kö nnen.

Fü r Unternehmen bedeutet das Programm zugleich eine messbare Chance, aber auch einen harten Zeitplan. Fü r die europä ischen KI-Gigafactories kö nnen Konsortien bis zum 12. November 2026 Bewerbungen einreichen; eine Entscheidung ü ber Standorte und Projekte wird fü r Anfang 2027 erwartet. Der regulä re Betrieb der Anlagen soll demnach ab Mitte 2028 starten. Unter den Interessenten werden unter anderem deutsche Unternehmen wie die Telekom, Ionos und Schwarz Digits genannt, was nahelegt, dass neben klassischen Anlagen- und Cloudspielern auch Telekommunikations- und Rechenzentrumsakteure ihre Rolle neu verhandeln. Strategisch dü rfte es vor allem um drei Faktoren gehen: erstens um den Aufbau von KI-Infrastruktur, zweitens um interoperable Plattformen (damit Daten und Modelle nicht in Silos verschwinden) und drittens um Betriebssicherheit, etwa durch nachvollziehbare Updates, Monitoring und klare Verantwortungsmodelle fü r den produktiven Einsatz.


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