LONDON (IT BOLTWISE) – Michael Howell ordnet die jüngste Schwäche von Bitcoin nicht dem üblichen Blick auf M2 zu, sondern einem Zusammenhang mit der Liquidität, die über den Großhandelsmarkt in den Finanzsektor fließt. Er führt die Unterbrechung unter anderem auf den AI-CAPEX-Boom sowie einen US-Defizitkurs zurück, der Liquidität aus Märkten abzieht. Für den Zeitraum bis 2027 erwartet er den Tiefpunkt des globalen Liquiditätszyklus und daraus leitet er ab, warum 2026 eher kein „großes Jahr“ für Bitcoin werden dürfte. Parallel verweist er auf steigende Zinsniveaus, insbesondere bei der 30-jährigen Rendite, die für Refinanzierungen entscheidend bleiben.

Michael Howell, der sich als „Cross-border Capital“-Gründer und Liquidity-Experte positioniert, stellt den gewohnten Deutungsrahmen für Bitcoin infrage: Der Kurs folge weniger den klassischen Geldmengen-Kennzahlen wie M2, sondern eher der Liquidität, die als Großhandelsströme über Finanzmärkte in die Risikoallokation hineinwirkt. In seinem Argument steht nicht die Frage im Vordergrund, ob Geld „existiert“, sondern wie es in den Markt gelangt und welche Instrumente damit Kapital bewegen. Genau deshalb sieht Howell in der Kluft zwischen globalen M2-Zahlen und der Bitcoin-Preisbewegung eher ein Definitionsproblem als ein Signal für eine Trendwende.
Technisch betrachtet beginnt die Unterscheidung bei der Messgröße: M2 ist eine Schätzung der US-Notenbank für liquide Vermögenswerte. Dazu zählen Bargeldbestände ebenso wie Geld auf Giro- und Sparkonten – aber auch kurzfristige Sparvehikel wie Geldmarktfonds und Einlagenzertifikate. Für Howell eignet sich diese Perspektive vor allem, um Aktivität in Teilen der Realwirtschaft zu beschreiben; für die Preisbildung bei Kryptowährungen hält er sie jedoch für störanfällig. Auf dem Bitcoin-News-Kanal sagte er: „M2 is not the metric to look at. It often gives very, very false signals. We don’t use it in any of our work.“ Seine Kernbotschaft lautet: Wer Bitcoin primär über M2 beobachtet, landet laut Howell statistisch häufig bei Fehlinterpretationen.
Aus diesem Ansatz leitet Howell die zweite These ab: Sinkende globale Liquidität sei der „root cause“ für die Schwäche nicht nur bei Bitcoin, sondern ebenso bei Ethereum und weiteren Krypto-Assets. Dabei betont er, dass der Druck nicht aus dem reinen Narrativ einer restriktiven Fed-Politik abgeleitet werden sollte. Stattdessen macht er makroökonomische Kräfte verantwortlich, die Liquidität in der Finanzwelt „abziehen“: Der AI-CAPEX-Boom (also die Phase der hohen Investitionsausgaben im Umfeld Künstlicher Intelligenz) sowie ein US-Defizit, das er mit einer Größenordnung von nahe 6% des Bruttoinlandsprodukts einordnet. In seiner Logik wird Liquidität nicht nur „knapper“, sie verschiebt sich auch in andere Verwendungen – und genau diese Umleitung kann die Risikobereitschaft an den Krypto-Märkten dämpfen.
Um diese Dynamik zeitlich zu fassen, nennt Howell einen Ansatz über Zyklen und Terminverschiebungen: Er verweist auf den globalen Liquiditätszyklus, den er mit der durchschnittlichen Laufzeit globaler Verschuldung verknüpft, und er sagt, dieser Zyklus erreiche sein Tief voraussichtlich um die Mitte 2027. Damit begründet er direkt seine Erwartung für 2026: „Why Bitcoin May Not Have A Big Year In 2026?“ lautet seine Leitfrage – die Antwort ergibt sich in seiner Zeitlogik aus dem erwarteten Bottom erst später. Begleitet wird das von einer Selbstverortung der Marktreaktion: „Bitcoin is behaving exactly as Bitcoin should perform.“ Zusätzlich verweist er auf eine Beobachtung über Veränderungen der globalen Liquidität über einen sechs-Wochen-Horizont, die er nach drei Monaten weiter verlagert sehen will, und auf einen Krypto-Warenkorb, der zu 60% aus BTC, zu 30% aus ETH und zu 10% aus Solana besteht. Entscheidend ist: Hier wird die Preisbewegung nicht als isoliertes Phänomen interpretiert, sondern als Teil einer breiteren Kapitalflussrechnung.
Parallel zur Liquiditätsargumentation rückt Howell die Zinsseite in den Fokus. Er beschreibt ein nominales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zwischen 6% und 8% pro Jahr, annualisiert, und nennt dies als den schnellsten Bereich seit der ersten Hälfte der 1980er-Jahre. Gleichzeitig geht er davon aus, dass Treasury-Renditen wieder stärker nach oben Richtung Trend laufen könnten – insbesondere bei der 30-jährigen Laufzeit, die er auf 6% zusteuern sieht. Für Unternehmen und Investoren ist das weniger wegen der „Psyche“ relevant, sondern wegen der mechanischen Folgen für Refinanzierungsketten: Kredite, die privat zu niedrigeren Zinssätzen arrangiert wurden, müssen später zu höheren Marktsätzen neu aufgelegt werden. Auf Nachfrage nach dem Kipppunkt, an dem die Wirtschaft wieder stärker in Richtung langsamerer Wachstumsphasen rutschen könnte, sagte Howell: „People used to think it was around 5.5%-6%. That’s the tipping point where the economy could start to move back towards a slower growth period. I’m not saying recession, but it will start to be a constraint.“ Gleichzeitig räumt er ein, die genaue Schwelle inzwischen nicht mehr sicher zu verorten.
Damit verbindet sich auch Howells Lesart zur Defizitfinanzierung. Er erklärt, dass das US-Finanzministerium die Emission von Schuldtiteln stärker an die „Front end“-Abschnitte verlagert habe: Bills lägen demnach bei etwa 22% der ausstehenden Treasuries, während der Anteil vor 15 bis 20 Jahren eher bei rund 30% gelegen habe. Seine Interpretation: Das Monetarisieren bzw. die Handhabung dieser Finanzierungsstruktur könne den US-Dollar eher schwächen und die Rahmenbedingungen für Gold sowie für Krypto unterstützen. In diesem Zusammenhang verweist er außerdem darauf, dass die Gold-Rally ab Mitte 2022 primär durch Liquiditätseinspeisungen der People’s Bank of China getrieben gewesen sei – und nicht durch westliche Käufe. Als Marktbeobachtung wird das gerade für 2026 spannend, weil es die Wechselwirkung zwischen Währungs- und Liquiditätsthemen stärker gewichtet als rein binnenwirtschaftliche Erzählungen.
Praktisch heißt das für Trader und CIOs: Wer die Entwicklung von Bitcoin im Jahr 2026 strategisch einordnet, sollte laut Howell den Blick von M2 auf andere Liquiditätshebel verschieben – also auf die Ströme, die tatsächlich die Risikoasset-Nachfrage speisen. Dass die US-Seite zusätzlich Signale in Richtung Liquiditätsmanagement aussendet, passt in dieses Bild: Laut der Meldung, auf die Howell in den Kontext gestellt wird, kündigte das US-Finanzministerium in dieser Woche einen Bond-Back- oder Buyback-Ansatz an, den der Markt als eher liquiditätsfreundlich interpretiert habe. Welche Netto-Wirkung sich daraus genau ergibt, hängt allerdings davon ab, wie stark solche Eingriffe echte „freie“ Liquidität freisetzen oder nur kurzfristige Preiseffekte überlagern. Unterm Strich bleibt Howells Leitidee klar: Der globale Liquiditätszyklus und die Zinskurve sind für Bitcoin in seiner Logik der wichtigere Taktgeber als einzelne, breit definierte Geldmengenindizes.
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