LONDON (IT BOLTWISE) – Harvard Business School setzt im HBS Foundry Bootcamp auf KI-Avatare, um Gründerinnen und Gründer in wöchentlichen Übungspitches individuell zu spiegeln. Die Avatare werden vom Startup HeyGen erstellt und sollen Feedback in Praxis-Situationen liefern, wenn Kursleute an der Präsentation und in Board-Meetings arbeiten. Das achtwöchige Angebot kostet 699 US-Dollar und kombiniert Live-Sessions mit automatisierten Feedbackmomenten. Entscheidend ist dabei, wie stark die Teilnehmenden den gelenkten Charakter gegenüber einem einfachen Chatbot einfordern.

Harvard Business School will seine Reichweite ausbauen, ohne die Programmlogik völlig zu entkoppeln: Im achtwöchigen HBS Foundry Bootcamp für Unternehmer steht daher nicht nur die Live-Betreuung im Vordergrund, sondern auch ein KI-Element, das in den Übungsphasen sitzt. Konkret liefern KI-Avatare im Trainingsalltag das unmittelbare Feedback, während Teilnehmende ihre Pitch-Statements und in simulationsähnlichen Formaten auch „Board Meeting“-Szenen durchspielen. Damit verschiebt sich der Fokus ein Stück weit weg von rein nachträglichen Korrekturen durch Menschen hin zu einer eng getakteten Feedbackschleife, die den Lernrhythmus im Kurs beschleunigen kann.
Technisch betrachtet ist die Logik dabei weniger „Zauberei“ als eine gezielte Ergänzung der bestehenden Trainingsumgebung: Der Avatar wird von der Firma HeyGen erstellt und tritt als interaktiver Gegenüber auf, der in Übungssituationen Feedback gibt. Das Programm arbeitet dabei mit wöchentlichen Live-Sessions mit Dozierenden, doch in den entscheidenden Übungsrunden übernehmen die Avatare das Feedback während der Praxis-Pitches. Im Ergebnis entsteht ein Trainingsmodus, der für jede Übung nicht zwingend auf die Verfügbarkeit einer Person angewiesen ist und damit insbesondere in kompakten Programmläufen die Zahl der Wiederholungen erhöhen kann.
Dass diese Form der KI-gestützten Assistenz überhaupt in einem Premium-Weiterbildungsformat landet, hängt auch von der Produktentscheidung ab, die zunächst anders gedacht war: Projektleiterin Katharina Rings beschreibt, dass sie den KI-Part zunächst eher als „Chatbot-nahes“ Erlebnis vorgesehen hatte. Nach dem Release einer Testversion meldeten Teilnehmende jedoch zurück, dass sie eine stärker geführte Interaktion wollten. Diese Präferenz ist bemerkenswert, weil sie eine typische Schwachstelle früherer Conversational-Ansätze adressiert: Statt nur Fragen zu beantworten, soll das System in der Übungsroutine eine didaktische Struktur liefern, die Performance messbar macht und nicht nur Unterhaltung erzeugt.
Für die Wahrnehmung der Qualität spielt auch der konkrete Auftritt eine Rolle. Eine Redakteurin namens Sarah Kessler hat das Konzept testweise selbst genutzt und dabei einen KI-generierten Pitch-Vorschlag vorgetragen, der auf einer Person aus dem Gründer-Umfeld basiert. Laut ihrer Schilderung blieben sowohl die reale Vorlage als auch die digitale Replik ohne große Begeisterung, allerdings habe der virtuelle Gegenpart während ihres Vortrags einen deutlich „eingefrorenen“ Gesichtsausdruck gezeigt. Die Beobachtung ist inhaltlich unspektakulär, aber praktisch relevant: In Pitch-Trainings wirkt nonverbale Konsistenz oft stärker als einzelne Formulierungen, weil sie den Eindruck von Sicherheit, Resonanz und Spannung steuert.
Gleichzeitig zeigt das Feedback aus der Zielgruppe, dass nicht jede Instabilität automatisch als Nachteil wahrgenommen wird. Obwohl einige Studierende gegenüber KI grundsätzlich kritisch eingestellt sind, berichten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Foundry-Programms über eine positive Tendenz zur Avatar-Unterstützung. Im Fall der realen Bezugsperson, Jeff Bussgang, wird zudem ein ambivalentes Stimmungsbild sichtbar: Er bezeichnet seine digitale Kopie als „creepy“, sagt aber auch, dass seine Lernenden das Format mögen. Solche Reaktionen passen zu einem breiteren Muster in der KI-gestützten Bildung: Der „Humanoide“-Effekt kann Unbehagen auslösen, verbessert aber gleichzeitig die Motivation, weil die Lernenden eine greifbar wirkende Interaktionsfläche erhalten.
Für den Markt ist die Entscheidung von Harvard Business School ebenfalls ein Signal, weil sie die Avatare nicht als reines Marketing-Feature einsetzt, sondern als Bestandteil einer wiederkehrenden Übungsroutine. Das Bootcamp setzt dabei auf eine klare Preis- und Zeitschiene von 699 US-Dollar über acht Wochen, wodurch sich die Wirtschaftlichkeit stärker über skalierbare Trainingsabschnitte begründen lässt als über die reine Zahl der Live-Stunden. Gleichzeitig bleibt die Erfolgsfrage offen, wie gut die Avatare unterschiedliche Kommunikationsstile konsistent einordnen und wie robust das Feedback bei variierenden Präsentationsstilen ausfällt, insbesondere wenn Gründerinnen und Gründer in der Praxis häufig spontan reagieren müssen.
In der Summe ist das Setup weniger ein „Ersatz“ für Lehrkräfte als ein Versuch, die Übungsphase in Richtung häufiger, strukturierter Iterationen zu ziehen. Unternehmen, die eigene Trainings- oder Coaching-Prozesse aufsetzen wollen, können daraus vor allem zwei Lehren ableiten: Erstens gewinnt eine KI-Unterstützung besonders dann, wenn sie nicht nur antwortet, sondern die Übung aktiv rahmt. Zweitens entscheidet die Ausgestaltung der Interaktion darüber, ob Teilnehmende das Tool eher als hilfreiche Simulation oder als störenden Fremdkörper erleben. Der nächste Wettbewerbshebel wird daher weniger die Verfügbarkeit von KI-Avataren sein, sondern die Qualität des didaktischen Feedbacks im Moment der Darbietung.
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