LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Berichten zufolge prüfen die Banker von Anthropic eine sehr große Börseneinführung mit einem Emissionsvolumen von mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Die Gespräche laufen darauf hinaus, dass das Unternehmen dabei mit rund 2 Billionen US-Dollar bewertet werden könnte. Damit würde der KI-Anbieter nach dem bekannten Börsendebüt von SpaceX einen weiteren Maßstab setzen. Entscheidend ist aber, ob der Markt zugleich den Bedarf an KI-Rechenleistung und die Preisdynamik durch Open-Weight-Modelle mitfinanziert.

Anthropic plant möglichen 100-Milliarden-Dollar-IPO: KI-Lab testet den Wall-Street-Hunger
Anthropic plant möglichen 100-Milliarden-Dollar-IPO: KI-Lab testet den Wall-Street-Hunger (Foto: IT BOLTWISE)
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Anthropic nähert sich dem nächsten Kapitel seiner Wachstumsstory – und der Wall-Street-Realität. In Gesprächen mit potenziellen Investoren sei laut Informationen über die Preis- und Platzierungslogik der Bankpakete nicht nur ein IPO vorgesehen, sondern ein Angebot, das dimensioniert auf Rekorde hinauslaufen könnte. Konkret wird diskutiert, dass das 2021 gegründete KI-Lab einen Betrag von mehr als 100 Milliarden US-Dollar aufnehmen will. Gleichzeitig schwebt in den Gesprächen eine mögliche Bewertung von rund 2 Billionen US-Dollar, also eine Größenordnung, die den bisherigen Benchmark für große Tech- und KI-Börsengänge deutlich überzeichnen würde.

Damit würde Anthropic, falls die Pläne in dieser Form umgesetzt werden, nach Verfahrensstand und Timing zu den größten jemals aufgelegten öffentlichen Emissionen zählen. Im Vergleich wird in dem Kontext auf SpaceX verwiesen: Das Unternehmen ging im Juni mit einer Bewertung von 1,77 Billionen US-Dollar an die Börse und nahm 85,7 Milliarden US-Dollar ein. Anthropic wäre damit nicht nur „ein weiterer“ KI-Name im Börsenkalender, sondern der nächste Belastungstest für die Frage, ob institutionelle Investoren ihre KI-These gerade in einem Umfeld politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit so weit tragen wollen, wie es die letzten Jahre nahegelegt haben.

Technisch und betriebswirtschaftlich steckt hinter dieser Bewertungserwartung ein konkretes Storyboard: Anthropic hat in der Vergangenheit vor allem über seine Modelle für unterschiedliche Arbeitsabläufe überzeugt – von Code-Erzeugung bis hin zu längeren Dialogen und Prozessautomatisierung. Besonders auffällig war dabei der Hinweis auf eine starke Entwicklung rund um das Coding-Tool Claude Code, nachdem es dort zu Durchbrüchen gekommen sein soll. Das Muster dahinter ist für Investoren unmittelbar relevant: Nicht die Marketingformel allein zählt, sondern die Fähigkeit, Premium-Margen in eine skalierbare Nachfrage zu übersetzen, während man gleichzeitig mit Konkurrenzdruck und Preisdifferenzierung umgeht.

Genau hier setzt ein großer Teil der kritischen Fragen an, die in den frühen Pitch-Gesprächen bereits sichtbar waren. Anleger zweifelten demnach daran, wie Anthropic dauerhaft hohe Gebühren durchsetzen will, wenn Wettbewerber ihre Angebote stärker preislich unter Druck setzen. Gleichzeitig spielt der zweite Hebel in der Debatte eine Rolle: die Verfügbarkeit sogenannter Open-Weight-Modelle. Diese machen Rechenvorschriften und Gewichte öffentlich zugänglich und können dadurch in manchen Setups kostengünstiger sein als proprietäre Angebote – was die Preisarchitektur in der Wertschöpfungskette potenziell verschieben kann. Für die börsennotierte Phase wird daraus ein doppelter Prüfstand: Lässt sich der Preispunkt halten, ohne dass die Kundenbasis auf günstigere Alternativen abwandert, und bleibt die Differenzierung technisch stabil?

Während die Investorenlogik also zwischen Produktleistung und Marktstruktur schwankt, nennt die Quelle auch harte Kennzahlen, die typischerweise im IPO-„Narrativ“ den Ausschlag geben. Anthropic habe demnach zuletzt eine deutlich beschleunigte Umsatzkurve gezeigt: Vergangenen Monat sei der Wert auf Basis annualisierter Größen auf über 65 Milliarden US-Dollar gekommen, nachdem man zum Jahresende zuvor nur bei 9 Milliarden US-Dollar annualisiert lag. Für das zweite Quartal werden zudem 11,6 Milliarden US-Dollar Umsatz genannt. Solche Zahlen sind nicht nur eine Momentaufnahme; sie dienen auch dazu, die Skalierungsfähigkeit zu untermauern, etwa in der Frage, ob Wachstum tatsächlich aus der Nutzung heraus kommt und nicht nur aus Vorleistungen oder kurzfristigen Verträgen.

Mindestens ebenso zentral wird aber, wie Anthropic den Engpass auflösen will, der bei praktisch jedem großen KI-Anbieter auftaucht: Rechenleistung. In den Gesprächen heißt es, ein entscheidender Punkt sei der Zugang zu ausreichend KI-Computing-Power – über Datenzentren, Chips und Energie – um die erwartete Nachfrage nach den Diensten bedienen zu können. Anleger erwarten offenbar, dass der adressierbare Markt für diese Dienstleistungen langfristig in den Billionenbereich wachsen kann und breite Teile „white-collar“-Arbeit umfasst. Für das IPO bedeutet das: Die Marktstory muss in Capex-Realität übersetzt werden, denn ohne stabile Lieferketten und Leistungsausbau kippt jede Wachstumsannahme schneller als die Gewinn- und Cashflow-Erwartungen.

Wie der nächste Schritt aussehen wird, ist bereits mit dem Zeitplan angedeutet: Das Unternehmen werde voraussichtlich in den kommenden Wochen den Prospectus zum Angebot veröffentlichen und die Aktien in den folgenden Monaten listen. Bis dahin bleibt ein Kernbestandteil der Kapitalmarktkommunikation die Konsistenz der Wachstumsdaten sowie die Erklärung, warum die Modellqualität – und damit die Zahlungsbereitschaft – nicht nur heute, sondern auch nach dem IPO auf hohem Niveau bleibt. Ergänzend fällt auf, dass sich gleichzeitig weitere KI-Labs mit möglichen Börsengängen beschäftigen; laut Quelle laufen auch bei einem weiteren prominenten Anbieter Gespräche, wobei ein möglicher Termin erst später erwartet wird.

Auch rechtlich und datenbezogen schwingt am Rand noch ein Thema mit, das weniger direkt mit dem IPO-Prospekt zu tun hat, aber das Umfeld prägt: Im Jahr 2023 sei berichtet worden, dass eine Zeitung einen Rechtsstreit gegen OpenAI und Microsoft angestoßen habe und dabei Urheberrechtsverletzungen in Zusammenhang mit KI-Systemen geltend gemacht habe. Das Verfahren sei noch nicht abgeschlossen; nach Angaben der Gegenseite werde dies bestritten. Für einen börsennotierten KI-Anbieter ist die Relevanz trotzdem groß, weil solche Streitigkeiten Risiken für Trainingsdaten, Lizenzmodelle und die öffentliche Wahrnehmung der Branche berühren können – auch wenn in diesem konkreten Kontext keine abschließende Entscheidung genannt wird.


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