MATTSIES / LONDON (IT BOLTWISE) – Helsing hat seit der Übernahme von Grob Aircraft in Mattsies rund 18 Millionen Euro investiert und damit Fertigung, Trainings und Sicherheitsmaßnahmen spürbar ausgebaut. Im Fokus steht die KI-Kampfdrohne CA-1 Europa, bei der ein Prototyp 2027 in die Luft gehen soll. Parallel läuft in Unterallgäu weiter das Bestandsgeschäft mit dem Trainingsflugzeug G120 TP, das bereits über 200-mal verkauft wurde. Für die Entwicklungsarbeit planen Helsing und Grob Aircraft einen nahtlosen Schulterschluss vor Ort, damit der gesamte Standort beim Projekt mitzieht.

Nur ein Jahr nach der Übernahme durch Helsing ist der Standort in Mattsies optisch und organisatorisch klar „erwachsen“ geworden: Das grelle Orange auf dem Gelände ist verschwunden, stattdessen dominieren Schwarz, Weiß und Dunkelgrau. Das wirkt zunächst wie ein kosmetischer Effekt, verweist aber auf eine größere Strategie – nämlich den Ausbau eines militärisch kompatiblen Produktions- und Entwicklungsumfelds. Geschäftsführer Wolfgang Gammel beschreibt in diesem Zusammenhang, dass rund 18 Millionen Euro in den Standort geflossen seien, und zwar nicht ausschließlich in die Liegenschaften. Damit verschiebt sich die Rolle von Grob Aircraft in Unterallgäu: Neben dem bestehenden Flugzeugbau entsteht schrittweise eine zweite industrielle Säule, die auf den Prototyp der Kampfdrohne CA-1 Europa einzahlt.
Die CA-1 Europa ist dabei das zentrale Zukunftsthema bei Grob Aircraft. Ein Prototyp soll 2027 in die Luft gehen; zugleich befindet sich das Projekt laut Gammel aktuell im Entwicklungsplan, mit dem nächsten wichtigen Schritt als anstehendem Meilenstein: der Critical Design Review (CDR). Diese kritische Entwurfsprüfung ist in der Luft- und Raumfahrtindustrie ein klassischer Gate-Mechanismus, bei dem die technische Auslegung auf Reifegrad und Umsetzbarkeit überprüft wird, bevor das Projekt tiefer in Produktionsteilschritte übergeht. Für die konkrete Umsetzung bedeutet das: Konstruktionsentscheidungen, Schnittstellen und die Validierung der Systemanforderungen müssen so dokumentiert sein, dass Tests nicht „ins Blaue“ hineinlaufen, sondern einen reproduzierbaren Fahrplan haben.
Zahlen und Personal verändern in Mattsies spürbar den Charakter des Projekts. Waren zur Zeit der Übernahme etwa 260 Beschäftigte vor Ort, sollen es heute rund 320 Menschen sein; ein Teil des Zuwachses kommt auch aus dem Raum München. Außerdem laufen gezielte Rekrutierungsanstrengungen: In Fertigung, Einkauf und Engineering werden noch rund 30 Kräfte gesucht. Für die Entwicklungsingenieure von Helsing und Partnerfirmen wurde dafür sogar eine eigene kleine Containersiedlung errichtet, ein Detail, das in Summe für den Aufbau eines konzentrierten Arbeitsumfelds spricht. Dazu passt auch, dass Helsing in den Bereichen Trainings sowie Sicherheit investiert hat und nach Angaben von Gammel weitere zehn bis 15 Millionen Euro folgen sollen – womit die Größenordnung vom reinen Umbau hin zu einer dauerhaften Industrialisierungsphase geht.
Ein sichtbares Beispiel dafür ist der gerade entstehende Zaun rund um das Firmengelände: Mannshoch und mit rund 4,3 Kilometern Länge soll er nicht nur Rehe von der Flugbahn fernhalten, sondern vor allem die physische Sicherheit des Unternehmens verbessern. Solche Schutzmaßnahmen wirken auf Mitarbeitende oft stärker als technische Details, weil sie den Alltag verändern – von Wegeführung bis Zutrittslogik. Gammel ordnet das deshalb als Teil eines größeren Investitionsstaus ein, der nach der Übernahme in mehreren Bereichen abgearbeitet wurde. Konkret nennt er die Wiederbelebung einer Kantine, die zuvor seit der Pandemie geschlossen war und zwischenzeitlich Atemmasken produziert hatte. Nun erhalten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder ein vom Arbeitgeber subventioniertes Mittagessen – und Gammel betont, dass man gegenüber potenziellen Unsicherheiten nicht nur „Versorgung“, sondern vor allem Kommunikation braucht: „Man muss mit den Leuten vernünftig reden“, sagt er, und fügt hinzu: „Es erleichtert das Leben ein Stück weit, aber erhöht auch den Druck, mit dem Geld richtig umzugehen.“
Damit ist auch die strategische Klammer erklärt, die zwei sehr unterschiedliche Produktlinien zusammenbringen soll: Bestandsgeschäft im Trainingsflugzeugbereich und Entwicklungsarbeit für eine militärische KI-Drohne. Grob Aircraft stellt in Mattsies aktuell rund 80 Prozent des Personaleinsatzes ins Bestandsgeschäft, also in Bau und Verkauf von Trainingsflugzeugen samt Systemen wie Simulatoren und Trainingsprogrammen. Der Verkaufsschlager ist die G120 TP, die laut Gammel stetig nach Kundenwünschen weiterentwickelt wird: „Das Flugzeug schaut anders aus als vor zwei Jahren und wird auch in zwei Jahren wieder anders ausschauen“, sagt er. Bislang sind über 200 Stück der G120 TP produziert und in verschiedene Regionen exportiert worden – unter anderem an Streitkräfte wie die deutsche Luftwaffe und die Royal Air Force sowie weitere Kunden in mehreren Ländern. Für die kommenden Jahre hofft Grob Aircraft besonders auf europäische Länder wie Schweden, Finnland, Norwegen und Italien, wobei Gammel gleichzeitig die realistische Verzögerungslogik solcher Beschaffungsprozesse einordnet: Zweieinhalb Jahre seien nicht unüblich.
Ergänzend zeigt Helsing auch eine zweite, testorientierte Vorgehensweise. Zwei Prototypen der CA-1 sollen demnach zunächst mit einem „Safety pilot“ in die Luft gehen, also mit einem Menschen an Bord, um mehr Testflugstunden zu generieren. Das ist aus Entwicklungssicht plausibel, weil frühe Flugtests typischerweise die Grenzen zwischen Simulation, Hardware-Realität und Regelungstechnik sichtbar machen: Ein autonomes System braucht im Flug die bestmögliche Absicherung, bevor man den Autonomiegrad erhöht. Gammel nennt zudem bei der deutschen Luftwaffe „hohe Chancen“ und begründet dies mit dem Thema nationale Souveränität, das in Deutschland zunehmend ernster genommen werde. Gleichzeitig bleibt offen, in welcher Größenordnung und an welchem Standort die KI-Drohne CA-1 künftig produziert wird; als Entscheidungsgrundlage nennt Gammel die Nachfrage.
Aus operativer Sicht ist besonders bemerkenswert, wie stark Grob Aircraft die Projekte miteinander verzahnt, statt sie zu separieren. Während 20 Prozent der Arbeitskraft in Mattsies in den Bau des Prototyps CA-1 Europa fließen, soll der gesamte Standort „mitziehen“, damit die CA-1 wie ein Projekt aus einem Guss läuft. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Entwicklungsarbeit nicht nur aus Konstruktion besteht, sondern aus Einkauf, Fertigungstaktung, Validierung und später aus einer Produktionslogik, die im Bestandsgeschäft bereits existiert. Gammel bewertet das Zusammenwachsen nach einem Jahr entsprechend positiv, bleibt aber im Tonfall bewusst unaufgeregt: „Es ist keine Unsicherheit entstanden“, sagt er, und ergänzt: „So habe etwa Kanada bereits nachbestellt.“ Ob Grob Aircraft und Helsing diese gemeinsame Integrationsphase dauerhaft stabilisieren können, dürfte sich in den nächsten CDR- und Testschritten zeigen – doch die Weichen in Mattsies sind dafür nach Angaben aus dem Umfeld bereits gestellt.
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