LONDON (IT BOLTWISE) – Der Makro-Investor Jordi Visser warnt davor, auf steigende US-Treasury-Renditen gegen mögliche Gegenmaßnahmen der Politik zu setzen. Er sieht Regierungen zunehmend bereit, in Märkte einzugreifen, um Kreditkosten unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig zweifelt er daran, dass klassische Wachstums- und Bewertungsmodelle unter KI-bedingter Wettbewerbsgeschwindigkeit zuverlässig bleiben. Für Krypto hält er vor allem Bitcoin für vielversprechend, ergänzt um ein mögliches Outperformance-Potenzial für Ethereum.

Jordi Visser, ein erfahrener Makro-Investor, stellt in seiner aktuellen Einschätzung weniger die Richtung einzelner Renditen in den Vordergrund als die Logik dahinter: Wer darauf setzt, dass politische oder geldmarktnahe Steuerungsversuche ausbleiben, spiele ein Risiko ein, das sich laut Visser schnell gegen die eigene Rechnung wenden kann. Hintergrund ist die Beobachtung, dass Regierungen und Behörden zunehmend bereit seien, in Märkte einzugreifen, um die Kosten der Staatsverschuldung zu begrenzen. Visser formulierte das in drastischer Sprache und verwies darauf, dass die politische Argumentation typischerweise um ein Problem von Schulden und Defiziten kreist und nicht um die Idee, Renditen frei auf beliebige Niveaus laufen zu lassen.
Technisch betrachtet geht es dabei um einen Renditekanal, der nicht nur durch Fundamentaldaten wie Wachstumserwartungen oder Inflationserwartungen bestimmt wird, sondern auch durch Interventionen, die sich über Liquidität, Nachfrage nach Duration und konkrete Marktmechanismen in die Kurve einschreiben. Visser nimmt Bezug auf eine Entscheidung, bei der die Kapazität für Buybacks am langen Ende erhöht wurde. In so einem Umfeld reicht es nach seiner Ansicht nicht, ausschließlich auf traditionelle Wirtschaftsindikatoren und historische Zusammenhänge zu schauen, weil sich die Marktmechanik durch mehrere „Storyboards“ überlagern kann. Sein Kerngedanke: selbst wenn einzelne Narrative plausibel wirken, können politische und geldpolitische Reaktionsmuster kurzfristig die signalverarbeitende Wirkung klassischer Datenmodelle überrollen.
Gleichzeitig rückt Visser einen zweiten Treiber ins Zentrum: die Beschleunigung des Wettbewerbs durch KI. Er argumentiert, dass KI nicht nur einzelne Prozesse verbessert, sondern die Fundamentannahmen verändert, mit denen Investoren Wachstum und Bewertung traditionell herleiten. In klassischen Discounted-Cashflow-Ansätzen werden langfristige Wachstumsraten und Marktstellungen oft über mehrere Jahre „glattgezogen“; genau dort sieht Visser eine Schwachstelle, weil KI Entwicklungszyklen verkürzt und damit die Zeitspanne reduziert, in der man Unternehmensmodelle verlässlich einstufen kann. Das betrifft nicht zwingend die Höhe der Gewinne sofort, aber es macht die Planungssicherheit für ein Bewertungsfenster von drei Jahren oder mehr fragiler.
Marktseitig ordnet Visser das für den S&P 500 ein, ohne die Ergebnisstärke grundsätzlich zu verwerfen: Er sagt, die Profitentwicklung bleibe robust, während steigender Wettbewerb Bewertungsmultiplikatoren unter Druck setzen könne. Das Bild ist dabei nicht „weniger Ertrag“, sondern „weniger Aufschlag“ für Ertrag – weil Investoren schneller erkennen müssen, wie KI-basierte Angebote Marktanteile verschieben. Interessant ist zudem seine Einordnung, dass Krypto im Vergleich zu traditionellen Aktienmärkten zwar kleiner ist, aber schneller wachsen könnte. Der entscheidende Punkt ist nicht die Größe heute, sondern die Funktion: Krypto könne für die neue, KI-getriebene Ökonomie eine Art finanzielle „Guardrails“ liefern – also eine Infrastruktur, die Wertflüsse und Verbriefungslogiken in digitalen Anwendungen erleichtert.
Auf diese Argumentationslinie setzt Visser dann direkt bei Bitcoin an. Er bezeichnet Bitcoin als das „S&P 500 der Krypto-Welt“ und leitet daraus ab, dass es im digitalen Wirtschaftsumfeld potenziell die führende Form des Wertaufbewahrens übernehmen könnte. In seiner persönlichen Allokationsperspektive sagt er, er habe einen Teil seiner KI-bezogenen Handelspositionen reduziert und Kapital in Bitcoin und Silber verlagert, während er einige Wetten auf KI-Infrastruktur beibehalten habe. Unterm Strich ist das ein Ansatz, bei dem KI als Treiber für Markt- und Bewertungsbrüche gilt, aber Bitcoin als relativ „ankerfähige“ Komponente innerhalb dieser neuen Risiko-/Chancenstruktur betrachtet wird.
Visser bleibt jedoch nicht bei Bitcoin stehen. Er sieht für Ethereum (ETH) ebenfalls Aufwärtspotenzial und sogar eine mögliche Outperformance gegenüber Bitcoin, sobald sich die breitere Krypto-Landschaft stärker als Ökosystem entwickelt. Sein Argument verlagert die These: Nicht nur Bitcoin als Zentralasset, sondern die Anwendungen rund um das Gesamtsystem könnten den Ausschlag geben. Damit rückt die Frage nach dem „Wofür“ der Ketten und Wallets in den Vordergrund – also welche Use-Cases tatsächlich Nutzer binden, welche Entwickler darauf aufbauen und wie die Renditeerwartungen in Ökosysteme übersetzt werden. Dass der Markt diese Erwartungsverschiebung schon teilweise einpreist, zeigen kurzfristige Kursbewegungen: Bitcoin wurde zuletzt bei 77.231 US-Dollar gehandelt, fast unverändert im 24-Stunden-Zeitraum. Ethereum lag bei 2.443 US-Dollar und damit über 1% fester innerhalb der letzten 24 Stunden.
Für Unternehmen und KI-orientierte Investoren lässt sich aus der Debatte eine praktische Konsequenz ableiten: Wer Bewertungsmodelle ausschließlich mit historischen Makrodaten füttert, unterschätzt in einem Umfeld mit schneller Technologieentwicklung die Gefahr von Strukturbrüchen. Visser liefert dafür keine reine „Krypto-Geschichte“, sondern eine Aussage über Modellrobustheit. Wenn sich Wettbewerbsgeschwindigkeiten erhöhen und politische Interventionen in den Renditemärkten plausibel bleiben, müssen Szenarien mehr als nur „Base Case vs. höherer Zins“ abbilden – sondern auch Mechanismen, die sich selbst in die Datenwelt hineinschreiben. Genau deshalb ist seine Botschaft weniger ein konkretes Kursziel als eine Warnung vor dem, was er als falsche Sicherheit traditioneller Pfade beschreibt.
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