LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – AliExpress soll Webseitenbesucher mit einer versteckten Methode getrackt haben, die Browser-Fingerprinting über inaudible WebAudio-Signale nutzt. Ein Forscher beobachtete den Effekt, weil seine Bluetooth-Multipoint-Kopfhörer jeweils beim Laden der Seite verstummten und beim Schließen des Tabs wieder hörten. Die Technik basiert auf einem WebAudio-Oszillator und einem nachgeschalteten Analyzer, wobei die Lautstärke gezielt auf null gesetzt wird. Für Firefox gilt seit Version 118 (2023) eine zentrale Gegenmaßnahme durch konstant verwendete Mathematik-Bibliotheken.

AliExpress nutzt Browser-Fingerprinting über WebAudio-Tonspuren, aber Firefox bremst es
AliExpress nutzt Browser-Fingerprinting über WebAudio-Tonspuren, aber Firefox bremst es (Foto: IT BOLTWISE)
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AliExpress setzt beim Browsing-Fingerprinting offenbar weiterhin auf eine Technik, die eigentlich aus einer früheren Phase des Tracker-Wettlaufs stammt: sogenannte „inaudible“ Audio-Signaturen. Der Kern ist dabei nicht das Abhören eines Tons durch den Nutzer, sondern die Auswertung, was der Browser bei der Audioverarbeitung intern messbar macht. Ein Forscher mit dem Namen Matthew Callaghan stieß auf die Unstimmigkeit, weil seine Bluetooth-Kopfhörer im Multipoint-Modus (also mit paralleler Verbindung mehrerer Geräte) beim Laden der AliExpress-Homepage zeitweise kein Audio vom Smartphone mehr wiedergaben. Er stellte die Kopfhörer so ein, dass sie vorrangig Smartphone-Audio abspielen sollten, aber das PC-Audio im Hintergrund Vorrang hatte. Genau diese Konstellation lieferte ihm ein klares Indiz: Bei jedem Laden der Seite stoppte das Smartphone-Audio, beim Schließen des Tabs wurde es sofort wieder hörbar.

Technisch betrachtet nutzt die Methode WebAudio-Funktionen, um über einen Generator und einen Analyzer die Eigenschaften des Audio-Ausgangs zu vermessen. Callaghan beschreibt zwei stark verschleierte Skripte, die zusammen eine Grafik- bzw. Analysefunktion aufbauen: Sie lesen WebAudio-Werte aus jedem besuchenden Browser aus und verwenden dabei einen Oszillator, der bekannte Wellenformen erzeugt. In seinem Fall geht es speziell um Sawtooth-Wellen, wie sie typisch für digitale Audiosynthese sind. Wichtig ist die Abkapselung nach außen: Der „Gain“ wird auf null gesetzt, damit Nutzer im Normalfall nichts hören. Trotzdem bleibt der Audio-Graph an den ausgewählten System-Audio-Output gekoppelt. Das bedeutet: Auch wenn die Lautstärke künstlich heruntergeregelt wird, durchläuft das Signal weiterhin die Audio-Implementierung des Browsers und wird schließlich von der Seite verwertbar an AliExpress übertragen.

Der Datenschutzaspekt ergibt sich aus einer subtilen Eigenschaft moderner Web- und Multimedia-Stacks: Variationen in mathematischen Bibliotheken und deren Implementierungsdetails können zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, selbst wenn Webseiten denselben Audio-Graphen abarbeiten. Früher waren solche Abweichungen offenbar groß genug, um daraus in Kombination mit CPU- und weiteren Systemunterschieden eine sehr große Zahl unterscheidbarer Signaturen zu erzeugen. Genau hier setzt die Gegenmaßnahme an: Firefox implementierte laut dem beschriebenen Kontext ab Version 118, die 2023 veröffentlicht wurde, eine Änderung, bei der der Browser konstante bzw. eigene Mathematik-Bibliotheken nutzt und nicht länger die vom Betriebssystem mitgelieferten Varianten. Der Effekt ist eine Reduktion der „Entropy“ der Messwerte, sodass die Audio-Soundprinting-Methode als Fingerprinting-Instrument weniger brauchbar wird. Tom Ritter, ein Firefox-Entwickler und ehrenamtlicher Unterstützer des Tor Project, wird in diesem Zusammenhang mit der Einschätzung zitiert, dass die Umstellung die Varianz ausreichend senkt, um die Technik auszubremsen.

Gleichzeitig zeigt sich: Nicht jede Browser-Umgebung profitiert im gleichen Maße von diesen Schutzschritten. Für Chrome wird die Ineffektivität der Methode ebenfalls erwähnt, weil der Browser eigene Bibliotheken mitliefert und damit weniger systemweite Unterschiede in die Berechnung einfliessen. Für Safari gilt eine ähnliche Erwartung, wobei im vorliegenden Bericht keine unmittelbare Bestätigung erfolgt sei. Genau daran lässt sich ein Muster ablesen, das in der Sicherheitscommunity seit Jahren diskutiert wird: Schutzmaßnahmen wirken oft „browser-spezifisch“, weil sie an konkreten Implementierungsdetails ansetzen. Wenn eine Tracking-Seite dagegen mehrere Indikatoren kombiniert, etwa nicht nur Audio-Ausgaben, sondern auch Rendering- und Timing-Signale, sinkt die Wirkung einzelner Fixes. Bei AliExpress kommt offenbar hinzu, dass die WebAudio-Trickspur möglicherweise nur ein Relikt aus früheren Jahren ist, das unentdeckt blieb, bis die spezielle Beobachtung durch Callaghans Bluetooth-Versuchsaufbau den Zusammenhang sichtbar machte.

Warum sollte ein Händler diese Technik überhaupt noch einsetzen? Die plausibelste Einordnung im Bericht lautet, dass die Audio-Metrik zusammen mit einer Vielzahl anderer Fingerprinting-Methoden genutzt wird. Dort werden mehrere Kategorien genannt: Canvas-Rendering inklusive toDataURL(), WebGL-Informationen wie Extensions und Shader-Precision, Bildschirminformationen wie Screen- und Viewport-Dimensionen sowie das Device Pixel Ratio. Ergänzend kommen Hardware- und Systemprofile wie Hardware Concurrency und Device Memory, installierte Browser-Plugins, die unterstützten Audio- und Videoformate, WebRTC-Verhaltensdaten und Browser-Performance-Timings hinzu. Daneben werden Interaktionsereignisse wie Mouse-, Touch-, Focus- und Scroll-Events sowie Gerätebewegung und Orientierung aufgeführt, außerdem Eigenschaften, die typischerweise mit Browser-Automation in Verbindung stehen. Wenn so viele Signale parallel abgegriffen werden, kann selbst eine aus heutiger Sicht „veraltete“ Einzelmethode für bestimmte Zielsysteme trotzdem noch einen kleinen, statistisch verwertbaren Beitrag liefern.

Für die Industrie ist das vor allem eine Erinnerung an die dynamische Balance zwischen Browser-Entwicklern und Seitenbetreibern. Browserhersteller passen ihre Implementierung an, um messbare, nicht beabsichtigte Unterschiede zu verringern; Webseitenbetreiber versuchen gleichzeitig, neue Messpunkte zu finden, die weiterhin genügend Varianz erzeugen. Der im Bericht gezogene Schluss, dass sehr wahrscheinlich tausende Sites auf vergleichbare Tracking-Ansätze setzen, passt zu den bekannten Fingerprinting-Realitäten im Web. Entsprechend verlagert sich der Fokus: Nicht nur einzelne Tricks wie WebAudio-Soundprinting sind relevant, sondern die Gesamtarchitektur aus vielen zusammengesetzten Metriken. Für Unternehmen bedeutet das: Consent-Mechanismen ersetzen keine technische Minderung. Wer Analyse, Werbung oder Betrugsprävention betreibt, braucht robuste Strategien gegen Fingerprinting-Resistenzlü-cken in modernen Browsern, und Sicherheitsverantwortliche sollten die Entwicklung von browserseitigen Schutzmaßnahmen kontinuierlich beobachten.


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