FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Scalable Capital kündigt für das neue Altersvorsorgedepot besonders niedrige Gebühren an und nennt für das Scalable-Standarddepot eine Total Expense Ratio (TER) von maximal 0,15 Prozent pro Jahr. Im ersten Jahr soll diese Kostenquote bei null Prozent liegen. Damit unterschreitet der Neobroker die gesetzlich gedeckelten Höchstkosten für das Standarddepot deutlich. Gleichzeitig wollen die Sparkassen mit einem „sehr attraktiven“ und wettbewerbsfähigen Angebot nachziehen, die Details stehen aber noch aus.

Scalable Capital setzt beim neuen Altersvorsorgedepot früh auf aggressive Kosten: Die Gesamtkostenquote, also die Total Expense Ratio (TER), soll im Scalable-Standarddepot maximal 0,15 Prozent pro Jahr betragen. Für das erste Jahr nennt der Neobroker sogar null Prozent. Konto- und Depotführung sollen dabei kostenlos sein. Diese Kombination ist mehr als nur ein Marketingversprechen, denn das Produkt ist als Nachfolger der Riester-Rente konzipiert und soll ab 1. Januar 2027 für breite Bevölkerungsschichten nutzbar werden.
Hintergrund ist die Altersvorsorge-Umstellung, die ein gesetzlich vorgegebenes „einfaches Standarddepot“ für alle Anbieter verlangt. Die Kosten dafür sind auf maximal ein Prozent des eingezahlten Kapitals gedeckelt. Scalable argumentiert, dass man mit seinen Konditionen unterhalb dieser Schwelle bleibt und die Einstiegshürde damit senkt. Gerade bei Vorsorgeverträgen wirkt die Kostenebene über lange Laufzeiten: Sinkende laufende Gebühren verschieben den Verbleib in renditewirksamen Anlagephasen, weil weniger Mittel dauerhaft für Verwaltung und Produktkosten abfließen.
Für den Wettbewerb im deutschen Vorsorgemarkt ist das Timing besonders relevant: Viele Konkurrenten haben laut den Angaben im Umfeld der Reform bislang noch keine konkreten Konditionen veröffentlicht. Gleichzeitig verfügen die Sparkassen über eine enorme Kundenbasis, die als Vertriebshebel dient – genannt werden rund 38 Millionen private Girokonten. In den kommenden Wochen wollen die Institute ihre Konditionen vorstellen; der zentrale Fondsdienstleister der Sparkassen soll nach den Ankündigungen mit einem „sehr attraktiven und wettbewerbsfähigen Angebot“ starten. Die Details sollen erst am Ende des dritten Quartals vorliegen, während Scalable bereits eine klare Kostenstruktur kommuniziert.
Technisch und produktseitig hängt die Attraktivität des Altersvorsorgedepots zudem stark davon ab, wie sich die staatliche Förderung im Portfoliodesign abbilden lässt. Die Bundesregierung sieht eine Förderung von bis zu 540 Euro pro Jahr sowie eine Kinderzulage von maximal 300 Euro vor. Für viele Sparerinnen und Sparer dürfte entscheidend sein, dass diese Anreize künftig auch in Anlagen mit mehr Risiko und damit potenziell höherer Renditechance fließen sollen. Der Gesetzesrahmen erlaubt dafür sowohl förderfähige, kostengünstige börsengehandelte Indexfonds (ETF) als auch andere Produktstrukturen, je nachdem, wie ein Anbieter das Standarddepot technisch ausprägt.
Aus Vertriebssicht liefert der Sparkassen-Umfeldbezug eine klare Begründung: Ein großer Teil der Bevölkerung investiert nach den genannten Argumenten weiterhin nicht am Kapitalmarkt. Selbst wenn es in den vergangenen Jahren einen Wertpapierboom gab, haben nicht alle Kundinnen und Kunden ein Wertpapierdepot. Für den zentralen Sparkassen-Fondsdienstleister wird eine Depotanzahl von 6,2 Millionen genannt, das sei ein Plus von 30 Prozent gegenüber 2020. Im ersten Halbjahr 2026 wurden zudem deutlich höhere Absatzzahlen bei Fonds und Zertifikaten angeführt: mehr als 23 Milliarden Euro insgesamt, davon fast 20 Milliarden Euro im Privatkundengeschäft, wobei etwa neun Milliarden Euro erneut auf Zertifikate entfielen.
Damit wird das Altersvorsorgedepot zu einem Belastungstest für die Preis- und Serviceversprechen der jeweiligen Geschäftsmodelle. Neobroker wie Scalable können über schlankere Kostenstrukturen versuchen, die TER direkt zu drücken, während klassische Finanzvertriebe über Beratung, Filialpräsenz und bestehende Kontoverbindungen punkten. Für Unternehmen im Ökosystem – also Plattformbetreiber, Produktanbieter und Infrastruktur-Provider – entsteht daraus ein klarer Handlungsdruck: Depotmodelle, Order- und Abwicklungsprozesse sowie die Abbildung von Förderlogiken müssen so gestaltet sein, dass sie sowohl regulatorische Vorgaben wie das Standarddepot als auch wirtschaftliche Zielgrößen wie eine niedrige Gesamtkostenquote erfüllen. Spätestens mit dem Übergang ab 2027 wird sich zeigen, wer die Kosten- und Nutzenerzählung in ein dauerhaft konkurrenzfähiges Produkt übersetzt.
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