LONDON (IT BOLTWISE) – Eine bundesweite Studie unter psychiatrischem Personal in Deutschland zeigt: Wer häufiger Gewalt am Arbeitsplatz erlebt, hält Zwangsmaßnahmen eher für vertretbar. Besonders betroffen sind Teilnehmende, die sich unsicher fühlen und emotional stärker unter verbaler Gewalt leiden. Auch wer selbst häufiger Zwang einsetzt, bewertet entsprechende Maßnahmen weniger kritisch. Gleichzeitig nennt die Auswertung Hinweise darauf, dass langjährige Berufserfahrung und die Belastung durch das Beobachten von Zwang zu kritischeren Einstellungen führen.

Wie Gewalt am Arbeitsplatz die Akzeptanz von Zwang in der Psychiatrie beeinflusst
Wie Gewalt am Arbeitsplatz die Akzeptanz von Zwang in der Psychiatrie beeinflusst (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie steht oft im Spannungsfeld aus akuter Gefahrenabwehr und dem Schutz grundlegender Freiheitsrechte. Die neue Veröffentlichung im Journal Comprehensive Psychiatry nähert sich dem Thema nicht primär über rechtliche Definitionen oder klinische Leitlinien, sondern über Einstellungen des Personals: Welche Faktoren am Arbeitsplatz hängen damit zusammen, wie kritisch oder zustimmend psychiatrische Mitarbeitende Zwang beurteilen. Besonders relevant ist dabei, dass Zwang in der Psychiatrie nicht als Routine betrachtet wird, sondern als Maßnahme „last resort“ – also dann, wenn ernsthafte Schäden anders nicht verhindert oder notwendige Behandlungen nicht ermöglicht werden können.

Technisch betrachtet geht es in der Studie um ein Zusammenspiel mehrerer Belastungsdimensionen, das sich in Fragebogenantworten abbilden lässt. Die Forschenden untersuchten Attitüden gegenüber Zwang über die deutsche Version der Staff Attitude to Coercion Scale und verknüpften diese Werte mit Angaben zu Unsicherheitsgefühlen, Erfahrungen mit Gewalt sowie der Häufigkeit angewandter oder beobachteter Zwangsmaßnahmen. Dabei geht es um ein Spektrum von Instrumenten, das von unfreiwilliger Unterbringung über physische Fixierung, Absonderung und erzwungene Medikation bis zu weiteren Formen der zwangsweisen Behandlung reichen kann. Die Studie setzt also direkt dort an, wo im Alltag die Entscheidungskorridore entstehen: wenn Kommunikation nicht ausreicht, wenn akute Eskalationen passieren oder wenn Behandlungsentscheide ohne Einwilligungsfähigkeit nicht anders abgesichert werden können.

Der Datensatz stammt aus dem AttCo-Projekt, einer anonymen Online-Umfrage, die zwischen März und Juni 2023 lief. Insgesamt nahmen 1585 Mitarbeitende aus 16 deutschen Bundesländern teil; das Durchschnittsalter lag bei 42 Jahren, die Berufserfahrung bei im Mittel 13 Jahren. Frauen machten 65% der Befragten aus. Berufliche Verteilung und Setting waren breit: 64% arbeiteten in der Erwachsenenpsychiatrie, 79% in stationären Einrichtungen. Die Umfrage erfasste außerdem nach Arbeitsort, Spezialisierung und Berufsgruppe, welche Unterstützungsmaßnahmen nach Gewalterfahrungen bereitgestellt wurden, wie stark die emotionale Belastung eingeschätzt wurde und wie oft Zwang beobachtet oder selbst angewandt wurde – jeweils mit 0- bis 100er Bewertungen. Damit wird sichtbar, dass Einstellungen nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern im Zusammenspiel von organisatorischen Bedingungen, persönlicher Erfahrung und wahrgenommener emotionaler Konsequenz.

Die Ergebnisse liefern ein klares Bild zur Gewaltbelastung und ihrem Umfeld. 70% der Teilnehmenden berichteten, in den vergangenen sechs Monaten verbale Übergriffe erlebt zu haben; 19% gaben an, solche Vorfälle mindestens einmal pro Woche zu erfahren. Als häufigste Unterstützung nach verbaler Gewalt wurden Team- Debriefings und individuelle Debriefings genannt. Psychologische Beratung wurde dagegen relativ selten angegeben (11%). Interessant ist auch die Lücke zwischen Belastung und Angebot: 27% der Befragten erklärten, es würden in solchen Fällen keine Unterstützungsmaßnahmen angeboten. Bei physischer Gewalt lag der Anteil der Betroffenen bei 26%, wobei nur 2% angaben, körperliche Übergriffe mindestens wöchentlich zu erleben. Auch hier wurden ähnliche Unterstützungsmuster beschrieben, teils mit etwas häufigerer Anwendung als bei verbaler Gewalt.

Im zweiten Schritt zeigt die Auswertung, welche Faktoren mit weniger kritischen Haltungen gegenüber Zwangsmaßnahmen zusammenhängen. Konkret tendierten ältere Teilnehmende, Mitarbeitende in der forensischen Psychiatrie, Personen mit stärkeren Unsicherheitsgefühlen, Befragte mit häufiger physischer Gewalt sowie Teilnehmende mit höherer emotionaler Belastung durch verbale Gewalt zu weniger kritischen Einstellungen. Ebenso waren diejenigen, die Zwang häufiger einsetzten, in ihren Bewertungen ebenfalls weniger kritisch. Gleichzeitig differenziert die Analyse: Mehr Berufsjahre und eine stärkere emotionale Belastung durch das Beobachten von Zwang gingen eher mit kritischeren Attitüden einher. Diese Gegenläufigkeit ist wichtig, weil sie darauf hindeutet, dass „Nähe“ zur Maßnahme nicht automatisch zu Zustimmung führt – sondern dass Art der Erfahrung, wahrgenommene Unsicherheit und die emotionale Verarbeitung jeweils eine eigene Rolle spielen.

Für den klinischen Alltag ergeben sich daraus zwei praktische Hebel, die auch von den Autorinnen und Autoren der Studie adressiert werden: Gewaltprävention und Deeskalationsstrategien müssen nicht nur als Training gedacht werden, sondern als organisatorische Daueraufgabe. Zusätzlich sollten emotionale Aspekte und Selbstwahrnehmung gezielt in Debriefings einfließen, etwa um Belastungsreaktionen früh sichtbar zu machen und nicht im Nachgang „auf eigene Faust“ zu bewältigen. Schließlich plädieren die Ergebnisse für individuell zugeschnittene Unterstützung nach belastenden Vorfällen, statt ein einheitliches Debriefing-Protokoll über alle Schweregrade zu stülpen. Zugleich muss man die methodischen Grenzen ernst nehmen: Das Studiendesign erlaubt keine kausalen Schlussfolgerungen, weil die Daten auf Selbstberichten beruhen und damit Verzerrungen durch Erinnerung oder sozial erwünschte Antworten möglich sind. Gerade bei einem sensiblen Thema wie Zwang könnten einzelne Teilnehmende Antworten so formulieren, dass sie professionellen Normen entsprechen.

Wer die Veröffentlichung einordnet, sollte deshalb weniger nach „Verursachern“ suchen und mehr nach Ansatzpunkten zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Entscheidungsrahmen. Der Bericht stellt eine konkrete Verbindung her zwischen Arbeitsplatzbelastung und der Bereitschaft, Zwang als Maßnahme weniger kritisch zu sehen. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer Rechtfertigung von Zwang, sondern liefert Hinweise, wo Prävention, Nachsorge und Schulung ansetzen sollten, um Unsicherheit und emotionale Last zu reduzieren. Die Studie ist unter dem Titel „Staff attitudes towards coercion in psychiatry: The role of violence, emotional burden, and insecurity – Evidence from a nationwide study using multiple regression and moderation analyses“ abrufbar: Comprehensive Psychiatry. Damit liefert sie für Kliniken und Träger eine messbare Zielrichtung: Prozesse so gestalten, dass Deeskalation und unterstützende Rahmenbedingungen tatsächlich greifen, bevor Zwang überhaupt in den Entscheidungsmodus rückt.


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