KYIV / LONDON (IT BOLTWISE) – Der entlassene Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov warnt, dass Kiew in den kommenden Monaten zentrale Entscheidungen treffen muss, um den Kriegsverlauf zu drehen. Er kritisiert fehlende Gesamtvision, mangelnde Innovationskraft sowie politische Abhängigkeiten innerhalb staatlicher Institutionen. Besonders setzt er auf KI-gestützte autonome Drohnen, günstige Abfangmunition und ein dichtes Netz aus elektronischen Sensoren entlang der Front. Zudem eskaliert er die innenpolitische Debatte mit seinem Ruf nach Wahlen im Kriegszustand.

Die Debatte um die Ausrichtung des ukrainischen Verteidigungsapparats verschiebt sich gerade weg von reinen Taktikfragen hin zu einem breiteren Systemkampf: Der ehemalige Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov spricht davon, dass die Ukraine „allmählich, langsam“ verliere und nur ein begrenztes Zeitfenster für grundlegende Entscheidungen bleibt. Damit trifft er einen Nerv, denn die operative Lage wird in der Quelle als zäh beschrieben: Während Russland ukrainische Fabriken und Lager wiederholt mit Dutzenden ballistischen Raketen pro Monat angreift, ist die Abwehr laut Bericht vielerorts durch zu geringe Interzeptorbestände ausgebremst. Auf der anderen Seite wird zugleich betont, dass Kiew seine eigenen Drohnen- und Raketenangriffe inzwischen deutlich in die Tiefe des russischen Territoriums verlagert hat, inklusive Schäden an Raffinerie-Infrastruktur und daraus abgeleiteten Versorgungsproblemen.
Technisch rückt in Fedorovs Darstellung vor allem die Fähigkeit in den Vordergrund, Abwehr und Angriff „zusammenzudenken“ statt auf einzelne Waffenprogramme zu setzen. Er nennt autonome Drohnen, die durch Künstliche Intelligenz geführt werden, dazu kostengünstigere Interzeptor-Raketen gegen Luftangriffe und wiederum eigene Programme für ballistische Raketen als Bausteine einer Gegenstrategie. Entscheidend ist dabei nicht nur die Entwicklung einzelner Systeme, sondern die geforderte Verbindung zu einer einheitlichen Planungslogik, damit sich die Wirksamkeit nach dem Einsatz multipliziert statt im Betrieb zu verpuffen. In diesem Kontext skizziert er eine Front, die von elektronischen Sensoren abgedeckt wird, die Ziele erkennen, während Drohnen am Boden und in der Luft möglichst viel menschliche Präsenz reduzieren sollen.
Fedorov bringt außerdem eine Lücke zwischen vorhandener Technik und tatsächlicher Umsetzung ins Spiel. Er sagt, Technologien existierten bereits, um die Angriffe wirksam zu stoppen, aber ohne Vision würden sie nicht konsequent angewendet. Den Satz führt er als klare Abkehr von der offiziellen Linie aus; wörtlich heißt es: „I think that there’s now a turning point which will determine our future trajectory, but it looks as though we’re gradually, slowly losing, “. Dass er dabei die politische Kommunikation als Kontrastfolie nutzt, ist in einem Konflikt relevant, in dem öffentliche Narrative häufig auch die internationale Unterstützung und die Moral im Land beeinflussen. Gerade deshalb ist die Verbindung zur Innenpolitik so heikel: Seine Reformanläufe, etwa bei Beschaffung und Mobilisierung, hätten ihn laut Quelle in einen Konflikt mit militärischen Strukturen und politischen Rivalen gebracht.
Die technische Agenda steht allerdings nicht isoliert, sondern ist laut Darstellung eng mit Finanzierungs- und Governance-Fragen verknüpft. So wird Fedorov als treibende Kraft einer Drohnen-Kampagne beschrieben, die in diesem Jahr Treibstoff- und militärische Logistik in einem besetzten Gebiet im Süden angegriffen habe und dadurch Probleme für Moskaus Streitkräfte an der Front erzeugt haben soll. Er spricht zugleich von einem „Fenster“ von mehreren Monaten, in dem diese Taktik weiter Druck ausüben könne, bevor Russland sich auf die Muster einstellen kann. Parallel dazu wird ein Haushaltskonflikt sichtbar: Der Präsident Volodymyr Zelenskiy habe laut Quelle die Vorverlagerung von Ausgaben auf ein anderes Zeitfenster mit einem Budgetloch von 27 Milliarden US-Dollar im Ministeriums-Haushalt verknüpft, ohne dass es dafür eine Lösung gebe. Fedorov wiederum stellt diese Zahl infrage und argumentiert, seine Planungen hätten auf Einsparungen durch neue Beschaffungsvergaben und auf internationale Unterstützung gesetzt, während sich das Budget andernfalls auf andere Weise geschlossen hätte.
Auch die Frage, wie die ukrainischen Streitkräfte zukünftig gesteuert werden, hängt in Fedorovs Aussage eng mit Struktur- und Innovationsproblemen zusammen: Er kritisiert Korruption und Patronage-Netzwerke sowie mangelnde politische Unabhängigkeit in staatlichen Institutionen. Dabei geht es nicht nur um moralische Vorwürfe, sondern um die praktische Wirkung auf Geschwindigkeit, Priorisierung und Umsetzungsqualität. Wenn Beschaffungsentscheidungen und Personalbesetzungen von Interessen einzelner Akteure beeinflusst werden, entstehen oft Silos zwischen Bedarfsträgern, Beschaffung, Industrie und politischer Verantwortung. Aus der Quelle wird zudem ein konkreter Punkt herausgestellt: Bei seiner Amtsübernahme habe er laut Darstellung Interessenvertretung durch von Verteidigungsunternehmen beeinflusste Abteilungsleitungen vorgefunden. Für Unternehmen und Startups in der Verteidigungszulieferkette bedeutet das, dass nicht allein die Technologieauswahl zählt, sondern auch, ob Beschaffungspipelines und Erprobungsprozesse so gebaut sind, dass neue KI-gestützte Systeme und günstige Interzeptor-Optionen schnell genug vom Prototyp in den Betrieb kommen.
Schließlich eskaliert Fedorovs Strategieforderung innenpolitisch mit seinem Ruf nach Wahlen im Kriegszustand. Viele Ukrainer zeigen in der Quelle laut Umfrageergebnissen wenig Begeisterung, und Zelenskiy verurteilt den Vorstoß mit dem Argument, er könne die Ukraine „zerstören“, während sie sich gegen die russische Invasion behauptet. Gleichzeitig wird daran erinnert, dass seit der Invasion im Februar 2022 ein Kriegsrecht gilt, das Wahlen aus Sicherheitsgründen verbietet. Der Präsident soll außerdem angedeutet haben, Fedorov werde möglicherweise von außen gedrängt, diesen Schritt zu fordern; Fedorov weist dies entschieden zurück. Für den weiteren Verlauf ist nicht nur die Frage nach dem „Ob“ von Wahlen entscheidend, sondern die Fähigkeit, in einem Ausnahmezustand logistische Hürden zu lösen, ohne dass der militärische Fokus leidet. Bis dahin kündigt Fedorov an, seine Zeit zwischen dem Einsatz für die Wiederherstellung von Wahlen und neuen Projekten im Bereich innovativer Militärtechnologien aufzuteilen, einschließlich eines Investitionsfonds, dessen Kapitalerhöhung er bei einem bevorstehenden Trip in die USA anstrebt.
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