OAKLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Adam Mosseri, Chef von Instagram, hat sich im aktuellen Meta-Prozess als Zeuge vor Gericht geäußert. Im Mittelpunkt standen Vorwürfe, Meta habe Informationen zur Sicherheit von Instagram verborgen oder durch interne Präsentationen „gefiltert“. Mosseri widersprach und sagte, er habe sein Team wiederholt darauf ausgerichtet, Abläufe zu verstehen, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Das Verfahren soll am Mittwoch fortgesetzt werden.

Im kalifornischen Bundesgericht in Oakland wurde Adam Mosseri, der seit 2018 die Produkt- und Technikteams von Instagram verantwortet, im laufenden Verfahren gegen Meta als Zeuge vernommen. Der Prozess ist Teil einer juristischen Auseinandersetzung, die mehrere Bundesstaaten gegen den Konzern führen: Sie argumentieren, die Plattformen Instagram, Facebook und WhatsApp seien so gestaltet worden, dass sie die Nutzung bei Kindern und Jugendlichen verstärken und gleichzeitig nicht ausreichend transparent über Risiken informiert hätten. Mosseri bestritt in seiner rund einstündigen Aussage, Informationen, die die Sicherheit der App betreffen, dem öffentlichen Diskurs vorenthalten zu haben. Damit traf er unmittelbar die zentrale Streitlinie zwischen den Klägern und der Verteidigung: Was Meta tatsächlich wusste, wann und wie es das Wissen an Nutzer adressierte.
Auf der Anklagebank begann der aus Colorado stammende Staatsanwalt Jason Slothouber die Befragung mit Fragen, die auf den Kommunikations- und Rollenbereich des Instagram-Chefs zielten. Dabei ging es unter anderem darum, wie Mosseri seine regelmäßigen öffentlichen Auftritte versteht und inwieweit es zu seinem Job gehört, Instagram gegenüber der Öffentlichkeit „menschlicher“ zu erklären. Mosseri betonte, die Aufklärung über das eigene Vorgehen sei wichtig und wertvoll. Zugleich signalisierte er Zustimmung zu einem Grundsatz, den die Kläger sinngemäß ebenfalls einfordern: Meta dürfe Nutzer nicht täuschen oder irreführen. Juristisch relevant wird in solchen Konstellationen jedoch weniger das „Ob“ als das „Wie“ – also welche Informationen in Präsentationen, Abstimmungen und finalen Aussagen tatsächlich enthalten waren.
In einem weiteren Fragenblock hakte Slothouber nach, ob Meta-Rechtsabteilungen Mosseris Vorbereitung oder öffentliche Unterlagen so beeinflusst hätten, dass sensible interne Forschung nicht in seinen Vorträgen auftaucht. Mosseri sagte, es würde ihn überraschen, wenn so etwas passiert wäre. Gleichzeitig formulierte er seine Antwort bewusst vorsichtig: Er sei kein Jurist und könne daher nicht sicher einschätzen, welche Gründe es geben würde, Inhalte vor einer Präsentation zu entfernen. Genau an dieser Stelle wird das Verfahren technisch und prozessual spannend: Der Streit verlagert sich von der allgemeinen Behauptung „Schutz vs. Schaden“ hin zur Beweisfrage, wie interne Erkenntnisse in externe Kommunikation übersetzt wurden – inklusive der Frage, ob und wie Risikoanalysen, Tests oder Wirksamkeitsannahmen in offiziellen Botschaften wiedererkennbar waren.
Daneben drängte der Staatsanwalt Mosseri auf die Frage, ob Mitarbeiter intern die Informationsmenge begrenzt hätten, die der Instagram-Executive über Details zur App-Entwicklung und zu deren Effekten gesehen habe. Mosseri verwies darauf, er habe seine Teams konsequent darin angeleitet, die Funktionsweise zu verstehen, damit Entscheidungen auf Basis von belastbaren Informationen getroffen werden können. Er könne sich nach eigenen Angaben nicht daran erinnern, jemals dazu ermutigt zu haben, seinem Umfeld weniger Informationen zuzuleiten. Das wirkt wie eine Abgrenzung gegen den Vorwurf, es habe ein systematisches Informationsmanagement gegeben, das zugleich den Eindruck von Kontrolle nach außen erzeugt und nach innen die Transparenz reduziert. Für die weitere Beweisaufnahme ist dabei entscheidend, ob sich Mosseris Darstellung mit Dokumenten, E-Mail-Ketten oder internen Präsentationsfolien deckt.
Die Aussage von Mosseri kommt in einem größeren Kontext, denn die juristische Auseinandersetzung begann, nach Angaben im Hintergrund der Klage, im Oktober 2023. Damals hatten 29 staatliche Attorney-Generals in einer Koalition Meta verklagt; vertreten werden die Kernargumente derzeit unter anderem von vier Bundesstaaten. Anfangs-Statements wurden bereits in der Woche vor dem heutigen Zeugenblock verhandelt. Meta wiederum hält die Vorwürfe insgesamt für unbegründet und argumentiert, die Forderungen seien überzogen. In diesem Spannungsfeld spielt auch die Debatte um mögliche Schadenssummen hinein: In Gerichtsdokumenten war zeitweise von potenziell sehr hohen Beträgen die Rede, später sprach Meta von deutlich niedrigeren Größenordnungen. Solche Zahlen sind nicht nur Verhandlungstaktik, sondern beeinflussen auch, wie Gerichte Risiken, Verantwortlichkeiten und den Charakter möglicher Strafen einordnen.
Bereits am Dienstag hatte außerdem Francesco Fogu, Direktor für Produktdesign bei Instagram, den Stand eingenommen. Mosseri ist indes nicht nur in diesem Verfahren präsent: Schon zuvor hatte er in einem separaten Verfahren in Kalifornien in Los Angeles County ausgesagt, das sich ebenfalls gegen Meta und YouTube richtete und die Gestaltung von Features adressierte, die gezielt bei jungen Nutzern problematisches Verhalten begünstigen könnten. Dort ging es um eine Klägerin namens Kaley, deren Anwälte beschrieben, sie sei im Alter von sechs Jahren mit Social-Media-Apps in Kontakt gekommen und habe später unter psychischen Belastungen sowie Problemen rund um das Körperbild gelitten. In jener Verhandlung hatte Mosseri den Begriff „Sucht“ als verwendet im Klagekontext abgelehnt und stattdessen den Unterschied zwischen „klinischer Sucht“ und „problematischer Nutzung“ betont, die er mit zu viel Zeit auf der Plattform verknüpfte.
Ein zentrales technisches Argument, das Mosseri auch in früheren Aussagen wieder aufgegriffen hatte, betrifft den Trade-off zwischen „Sicherheit“ und „Meinungsfreiheit“ – also zwischen Schutzmaßnahmen wie Begrenzungen, veränderten Interface-Entscheidungen oder Content-Reduktion und der Frage, wie stark Plattformen Nutzern bestimmte Funktionen nehmen dürfen. Für die aktuelle Verhandlung bleibt aber der entscheidende Punkt: Der Prozess geht nicht nur um die Existenz von Jugendschutzfunktionen, sondern um deren Wirksamkeit, um die rechtliche Bewertung von Risiko und um die Frage, wie früh und wie klar Risiken intern erkannt und extern adressiert wurden. Das zeigt zugleich, warum das Verfahren für die gesamte Branche relevant ist: Sobald Gerichte narrative „Safety“-Positionen gegen konkrete Nachweise abgleichen, wird die Dokumentationskette – vom Modell- oder Feature-Design über Messkonzepte bis hin zur Kommunikation – zum Belastungstest. Mosseris Aussage soll am Mittwoch fortgesetzt werden, und mit ihr rückt die nächste Etappe der Beweisführung näher.
Für Entscheider in Produkt- und Compliance-nahen Rollen ist die Beobachtung schon jetzt klar: KI-gestützte Optimierung, Empfehlungssysteme und Engagement-Mechaniken lassen sich nicht isoliert betrachten. Selbst wenn Plattformen technische Schutzmaßnahmen implementieren, müssen diese nachprüfbar in Prozesse eingebettet sein, die Risiken und Nebenwirkungen kontinuierlich messen und korrigieren. Genau deshalb wird in Gerichtsverfahren so häufig nach internen Forschungsständen, Präsentationsinhalten und Verantwortlichkeitswegen gefragt: Es geht um nachvollziehbare Annahmen und Entscheidungen. Je mehr sich die Diskussion auf „wer hat wann welche Informationen gesehen und wie wurden sie verwendet“ zuspitzt, desto stärker werden transparente Dokumentation und nachvollziehbare Produktmessung zu einer Voraussetzung – nicht nur zu einer guten Praxis.
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