LEIPZIG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Raumfahrtagentur (DLR) und die Charité-Universitätsmedizin testen auf der ISS mit EasyMotion-2, wie Elektromuskelstimulation (EMS) das tägliche Training wirksam ergänzt. Bis zu zweieinhalb Stunden pro Tag absolvieren Astronautinnen und Astronauten bereits Laufen, Radfahren und Kraftübungen mit dem Widerstandstrainingsgerät ARED. Im neuen Ansatz sollen in einem Trainingsanzug in der Haut integrierte, einzeln ansteuerbare Elektroden per App dosierte Stromimpulse auf gezielte Muskelpartien geben. Entscheidend ist jetzt die wissenschaftliche Validierung, ob sich damit der neuromuskuläre Abbau in Schwerelosigkeit weiter abmildern lässt.

EasyMotion-2 auf der ISS: EMS-Training soll Muskelabbau reduzieren
EasyMotion-2 auf der ISS: EMS-Training soll Muskelabbau reduzieren (Foto: IT BOLTWISE)
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Im All ist Training weniger eine Kür als eine Sicherheitsmaßnahme für den Körper. Die Schwerelosigkeit nimmt dem Bewegungsapparat den ständigen Widerstand durch die Erdanziehungskraft – und damit fällt der natürliche Reiz weg, der auf der Erde Muskeln in Rumpf und Gliedmaßen im Alltag dauerhaft in Arbeit hält. Astronautinnen und Astronauten müssen deshalb während ihrer Missionen konsequent gegen den Abbau von Muskeln und Knochen antrainieren, sonst verschlechtern sich Leistungsfähigkeit und Funktionsreserven spürbar. Genau hier setzt das Experiment EasyMotion-2 an: Es soll die bisherige Trainingsroutine auf der Internationalen Raumstation ISS um Elektromuskelstimulation (EMS) erweitern und prüfen, ob sich der zusätzliche Trainingseffekt messbar verstärken lässt.

Technisch betrachtet beginnt der Ansatz nicht beim EMS selbst, sondern bei der vorhandenen Trainingsarchitektur. Laut Beschreibung des EasyMotion-2-Programms trainieren Besatzungsmitglieder täglich bis zu zweieinhalb Stunden an Bord, wobei das Zeitbudget auf Laufen auf dem Laufband, Radfahren am Ergometer und Krafttraining mit dem speziell entwickelten Widerstandstrainingsgerät ARED verteilt ist. Die Kombination deckt damit mehrere Belastungsrichtungen ab: Ausdauerorientierte Aktivität, zyklische Beinbelastung und gezielte Kraftreize für den neuromuskulären Verbund. Die neue Komponente soll anschließend als zusätzliche Stimulation wirken. Dabei nutzt EasyMotionSkin einen Trainingsanzug mit in die Haut integrierten, einzeln ansteuerbaren Haut-Trockenelektroden; über eine App werden dosierte Stromimpulse so gesteuert, dass verschiedene Muskelpartien gezielt angesprochen werden können.

Das Grundprinzip von EMS ist in der Rehabilitation und im Performance-Umfeld auf der Erde bereits etabliert: Niederfrequente elektrische Impulse stimulieren die Muskulatur zusätzlich, indem der externe Reiz Muskelkontraktionen anstößt. In der Praxis wird EMS häufig als ergänzendes Werkzeug eingesetzt, weil es unabhängig von der reinen mechanischen Bewegung eine zusätzliche Aktivierung ermöglicht. Im EasyMotionSkin-Anzug kommt genau diese Logik als Shuttle zwischen „Bewegung“ und „Muskelreiz“ zum Einsatz: Die Elektroden bleiben am Körper, und die Trainingssteuerung übernimmt die Software über die gezielte Stromversorgung. Für den Alltag an Bord ist das besonders relevant, weil Astronautinnen und Astronauten pro Mission bereits stark in den etablierten Trainingsblock eingebunden sind. Wenn EMS hier tatsächlich mit vergleichbarem Zeitaufwand mehr Muskel- und Funktionsstimulus liefert, würde das den Zielkonflikt zwischen effektiver Stimulation und begrenzter Tageszeit entschärfen.

Die Integration ist außerdem nicht „vom Reißbrett“ entstanden, sondern baut auf einer früheren Technologiedemonstration auf. Der deutsche ESA-Astronaut Matthias Maurer hat während seiner Mission Cosmic Kiss von 2021 bis 2022 das System EasyMotionSkin im Rahmen einer Technologiedemonstration in sein Trainingsprogramm eingebunden. Damit konnte er Laufen, Radfahren sowie Krafttraining im All mit der Technologie verbinden – ein wichtiger Zwischencheck, denn jede zusätzliche Hardware-Komponente muss sich im Raumfahrtalltag bewähren, etwa hinsichtlich Bedienbarkeit, Stabilität und praktikabler Ansteuerung. Nach dieser Demonstration rückt nun die wissenschaftliche Validierung des zusätzlichen Trainingseffekts in den Mittelpunkt. Das wird vom Team des Instituts für Integrative Neuroanatomie im Zentrum für Weltraummedizin und extreme Umwelten der Charité übernommen, das explizit darauf einzahlt, Funktionseinbußen des neuromuskulären Systems im All weiter entgegenzuwirken.

Auch der zeitliche Zuschnitt der aktuellen Messphase zeigt, dass es nicht nur um „mehr Training“ geht, sondern um saubere Datengrundlagen für die Bewertung. Die ESA-Astronautin Sophie Adenot hat demnach am 17. Juli 2026 im Rahmen ihrer Langzeitmission εpsilon mit dem Training auf der ISS begonnen. Der Startschuss für ein sechswöchiges Training soll zur Stärkung der Skelettmuskulatur beitragen; die daraus resultierenden Daten sollen außerdem dabei helfen, EMS-Training stärker in den astronautischen Alltag zu integrieren. Daraus ergibt sich eine klare Logik zur späteren Missionsplanung: Eine Marsmission wird laut Angabe rund zwei Jahre dauern, wobei Astronautinnen und Astronauten nach neun Monaten Flug selbständig den Roten Planeten betreten und dort arbeiten sollen. Muskelschwund während der Reise in Schwerelosigkeit bleibt dabei ein großes Problem – und jede Maßnahme, die mit weniger zusätzlichem Zeitbedarf besser gegensteuert, kann die physische Einsatzfähigkeit im späteren Arbeitsumfeld verbessern.

Für den Markt und die Industrie ist der Transfer besonders interessant, weil EMS damit nicht nur als Fitness-Option, sondern als systemische Trainingsbaustein-Technologie in einem extremen Nutzungsprofil getestet wird. Die beschriebenen Komponenten – App-gesteuerte, dosierbare Impulse über integrierte Trockenelektroden – sind grundsätzlich auch für medizinische Anwendungen und Rehabilitation relevant. Der Text ordnet das Potenzial explizit so ein, dass EMS-Training auch nach intensivmedizinischer Behandlung sinnvoll sein kann. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Frage offen, wie groß der zusätzliche Effekt im Vergleich zum bisherigen ARED-gestützten Trainingsmix ausfällt und ob die Wirksamkeit über verschiedene Muskelgruppen hinweg konsistent bestätigt werden kann. Genau diese wissenschaftliche Validierung dürfte darüber entscheiden, ob EMS auf der ISS künftig als fester Standardbaustein in Zeitplänen verankert wird – oder zunächst als ergänzendes Protokoll für definierte Zielzustände bleibt.


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