LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse mit Daten von über 509.000 Pflegeheimbewohnern kommt zu einem deutlichen Zusammenhang zwischen der Shingles-Impfung Shingrix und selteneren Demenzdiagnosen. Nach vier Jahren lagen Fälle bei Geimpften bei 18,8% gegenüber 24,6% bei Ungeimpften. Das entspricht einem um 24% reduzierten Risiko. Die Studie kann Ursache und Wirkung aber nicht endgültig beweisen.

Die Frage, ob sich Impfungen nicht nur gegen Infektionskrankheiten, sondern womöglich auch auf das Gehirn auswirken, bekommt mit einer aktuellen Untersuchung neues Gewicht. Konkret berichten Forschende, dass ältere Menschen, die nach dem Eintritt in eine Pflegeeinrichtung (skilled nursing facility) eine Shingles-Impfung erhalten hatten, in den folgenden vier Jahren seltener eine Demenzdiagnose bekamen. Im Zentrum steht dabei Shingrix (RZV, rekombinanter Impfstoff), der seit 2017 verfügbar ist und als derzeit einzige Shingles-Impfung auf dem Markt gilt.
Für die Auswertung nutzten die Autoren Datensätze aus dem US-Medicare-System und elektronischen Gesundheitsakten. Insgesamt wurden mehr als 5.500 Pflegeeinrichtungen in die Betrachtung einbezogen, und der Zeitraum der Einweisungen lag zwischen 2017 und 2022. In die finale Analyse flossen 509.926 Personen im Alter von 66 Jahren oder älter ein; davon erhielten 8.843 mindestens eine Dosis des Impfstoffs. Entscheidend ist außerdem die Ausgangssituation: Die Teilnehmenden mussten für eine Shingles-Impfung in Frage kommen und durften bei Studienbeginn noch nicht mit Demenz diagnostiziert worden sein.
Die Forscher verglichen dabei zwei Gruppen: Menschen, die mindestens eine Dosis Shingrix bekamen, und Menschen, die ungeimpft blieben. Nach der Nachbeobachtung über vier Jahre zeigte sich ein klarer Unterschied in den Diagnosequoten. Bei den Geimpften lag der Anteil mit Demenz bei 18,8%, während er bei den Ungeimpften 24,6% betrug. Aus dieser Gegenüberstellung ergibt sich der berichtete relative Rückgang von 24% im Demenzrisiko. In absoluten Termen lässt sich das laut Studienleitung so interpretieren, dass potenziell etwa „einer von 17“ Demenzfälle verhindert werden könnten.
Methodisch setzt die Arbeit auf ein Verfahren namens „target trial emulation“. Dabei versuchen Forschende, in Beobachtungsdaten Strukturen nachzubauen, die man aus einer randomisierten Studie kennt, etwa indem sie den Datensatz so interpretieren, als würde es eine Zielstudie („target trial“) geben. Das ist wichtig, weil randomisierte Langzeitstudien über Demenz und Impfungen aufwendig wären und sich in dieser Form nicht einfach durchführen lassen. Allerdings bleibt auch nach solchen Adjustierungen der zentrale Punkt: Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang, aber sie beweisen nicht, dass Shingrix selbst die Demenz verhindert.
Aus der Studie ergibt sich genau dieses Spannungsfeld. Laut den Angaben können die Forschenden nicht sicher ausschließen, dass Personen, die geimpft wurden, im Schnitt bereits etwas jünger und gesundheitlich robuster waren als die Ungeimpften. Die Analyse wurde zwar so angepasst, dass solche Unterschiede teilweise berücksichtigt werden, aber sie konnten nicht vollständig erklären, warum der Abstand in den Demenzraten so deutlich ausfällt. Brown-Forscher Kaley Hayes ordnet das Ergebnis daher als konsistent mit älteren Untersuchungen ein, die ebenfalls eine verringerte Demenzwahrscheinlichkeit nach Shingles-Impfung sahen, weist aber zugleich auf den Bedarf an weiteren Studien hin. Hayes betont wörtlich: „This study looks at the newest vaccine only in an older, vulnerable adult population who were not up to date with shingles vaccination and are at a very clear clinical point in care: entering a skilled nursing facility.“
Auch wenn die Kausalität offen bleibt, ist der mögliche Mechanismus für Unternehmen und Gesundheitssysteme besonders interessant. Wenn sich tatsächlich ein neuroprotektiver Effekt zeigt, würde das die Logik klassischer Prävention erweitern: Impfprogramme wären dann nicht nur als Schutzschild gegen Zoster zu verstehen, sondern eventuell auch als Baustein für kognitive Gesundheit im Alter. In diese Richtung passt, dass Hayes in demselben Kontext ebenfalls sagt: „It’s really amazing to see that something that’s supposed to prevent a physical ailment can also help keep our brain healthy, too.“ Für die Praxis heißt das allerdings nicht „Entwarnung“ oder „Behandlungsersatz“, sondern eher: Die Daten liefern zusätzliche Argumente für die konsequente Impfstrategie bei geeigneten Risikogruppen – bis klinische Studien die biologischen Zusammenhänge und die echte Wirksamkeit auf Demenz verlässlich bestätigen.
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