LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie verbindet steigende anti-feministische Einstellungen bei bestimmten US-Männern mit demografischen Veränderungen in Dating und Arbeit. Besonders relevant ist dabei eine Gruppe: nie verheiratete Männer ohne College-Abschluss berichten 2020 und 2024 von deutlich kälteren Gefühlen gegenüber Feministinnen als ihre besser ausgebildeten Vergleichsgruppen. Die Autoren sprechen von einem „Mate-value backlash“, also einer Art emotionaler und statusbezogener Gegenreaktion auf wahrgenommene romantische und wirtschaftliche Unsicherheit. Offen bleibt, ob die politischen Effekte wirklich Ursache sind oder ob andere Faktoren die Korrelation erklären.

In der Debatte um Ursachen für rechtspopulistische Mobilisierung rückt eine neue Analyse einen Aspekt in den Fokus, der bislang meist nur indirekt mit politischem Verhalten verknüpft wurde: romantische Chancen und daraus abgeleitete Statusgefühle. Die Forschung argumentiert, dass anti-feministische Haltungen bei einem Teil der Wählerschaft nicht primär aus der Forderung nach „klassischen Rollen“ entstehen, sondern als Reaktion auf eine Kombination aus ökonomischer Konkurrenz und wahrgenommener Zurücksetzung im Dating-Kontext. Zentral ist dabei der Begriff „mate-value backlash“: Mate-value beschreibt die wahrgenommene Attraktivität als Partner. Wenn sich diese persönliche Wettbewerbsposition verändert – etwa weil Frauen in Bildung und Erwerbstätigkeit stärker aufschließen – kann, so die These, bei Männern ohne College-Abschluss ein Gefühl der Bedrohung entstehen, das in Ressentiments gegenüber Feminismus mündet.
Technisch betrachtet arbeitet die Studie vor allem mit dem, was man in der empirischen Sozialforschung „sekundäranalytische Nutzbarmachung“ nennt: Sie nutzt das American National Election Studies-Panel, also einen über Jahrzehnte hinweg erhobenen Datensatz zur politischen Einstellung in den USA. Die Autoren segmentieren die Zeitachse explizit in zwei Phasen: 1970 bis 2012 als Zeitraum vor dem Eintritt Trumps in die Präsidentschaftspolitik, und 2016 bis 2024 als Phase während seiner Kandidatur. Damit lässt sich prüfen, ob bestimmte Muster erst in der jüngeren Vergangenheit stärker sichtbar werden. Als Messgröße dient ein „feeling thermometer“: Befragte bewerten ihre Wärme gegenüber „feminists“ auf einer Skala von 0 bis 100. Laut Bericht berücksichtigen die Modelle u. a. Alter, ob sich Befragte als „White“ einordnen, und die Parteizugehörigkeit.
Damit knüpft die Studie an zwei etablierte Stränge an. Erstens gibt es seit Jahren Analysen, dass rechte Bewegungen häufig in Argumentationsmustern operieren, die kulturelle Gegenreaktionen in den Mittelpunkt stellen – man kann das als „Backlash“-Rahmung verstehen, bei der als fortschrittlich wahrgenommene gesellschaftliche Änderungen eine Gegenmobilisierung auslösen. Der zweite Strang betrifft Demografie und Beziehungsmarkt: Wenn Arbeitsplätze in bestimmten Tätigkeitsbereichen zurückgehen und die Erwerbsaussichten junger Männer sinken, spiegeln sich solche Veränderungen oft in Heirats- und Partnerfindungsraten wider. In dem Bericht werden dazu mehrere wissenschaftliche Arbeiten aus den letzten Jahren zitiert: Eine Analyse aus dem Jahr 2019 verbindet den Verlust von Industriearbeitsplätzen mit rückläufigen Einkommen junger Männer relativ zu jungen Frauen und sinkenden Heiratsraten (DOI: https: //doi.org/10.1257/aeri.20180010). Eine weitere Untersuchung aus Deutschland betrachtet die Frage, wie Sorgen im Kontext Flucht und Migration mit Einstellungen gegenüber Hassdelikten gegen Geflüchtete zusammenhängen (DOI: https: //doi.org/10.1111/ajps.12595). Die neue Arbeit versucht, die Brücke zwischen diesen Linien systematischer zu schlagen.
Im historischen Vergleich finden die Autorinnen und Autoren zwar einen stabilen Zusammenhang zwischen anti-feministischen Gefühlen und der Wahl von Republikanern: Negative Temperaturen gegenüber Feministinnen sagen demnach über die Jahre hinweg häufig die Entscheidung für republikanische Präsidentschaftskandidaten voraus. Der entscheidende Unterschied liegt aber in der Zusammensetzung der Gruppe, die in den jüngeren Jahren auffällig stärker reagiert. Von 1970 bis 2012 zeigten nie verheiratete Männer ohne College-Abschluss insgesamt nicht durchgehend höhere anti-feministische Feindseligkeit als andere Männer – mit einer Ausnahme: 1992, oft als „Year of the Woman“ bezeichnet, in der Debatten über die politische Rolle von Frauen besonders präsent waren. Entscheidend wird es ab 2016: In dieser Phase unterscheiden sich die Werte in der beschriebenen Gruppe noch nicht deutlich. Erst in den Erhebungen von 2020 und 2024 berichten nie verheiratete Männer ohne Bachelor-Abschluss im Mittel rund zehn Punkte niedrigere Bewertungen auf der 100-Punkte-Skala als nie verheiratete Männer mit College-Abschluss. Die Autoren interpretieren dieses Zeitmuster als konsistent mit „mate-value backlash“ und stellen zugleich die Hypothese auf, dass die politische Präsenz Trumps solche latenten Unsicherheiten „aktivieren“ könnte.
Auch bei der Frage nach politischer Wirkung bleibt das Bild differenziert, aber klar genug für eine statistische Zusammenfassung: Anti-feministische Abkühlung gegenüber Feministinnen sagt – laut den Modellierungen – bei Männern über mehrere Wahljahre hinweg eine höhere Wahrscheinlichkeit voraus, Donald Trump zu wählen. Das gilt für 2016, 2020 und 2024, selbst wenn Parteibindung rechnerisch mitkontrolliert wird. Auffällig ist dabei, dass die Autoren einräumen, ihre Effekte könnten eher unter als über geschätzt sein. Der Grund: Wenn Einstellungen auch Identität prägen, dann beeinflussen sie möglicherweise bereits die Parteiwahl selbst. In der Einordnung wird außerdem betont, dass diese Ergebnisse mit früheren, eher punktuellen Befunden kompatibel sind, die bereits eine Verbindung zwischen feindseligen Einstellungen gegenüber Frauen und größerer Trump-Affinität beschrieben hatten. Der zentrale Mehrwert der aktuellen Arbeit liegt damit weniger in „ob“ ein Zusammenhang besteht, sondern stärker in „bei wem“ und „wann“ er sich zeitlich verdichtet.
Die Studie weist zugleich auf typische methodische Grenzen hin – und genau diese Punkte sind für Leserinnen und Leser aus der Tech- und Datenwelt relevant, weil sie die Übertragbarkeit der Ergebnisse begrenzen. Erstens handelt es sich um eine korrelative Auswertung: Solche Designs können keine kausale Richtung beweisen. Zweitens ist das Messinstrument zwar etabliert, aber nicht inhaltlich neutral: „Feminists“ ist ein breit und politisch aufgeladenes Wort. Befragte könnten darunter Unterschiedliches verstehen – von konkreter Opposition gegen Gleichstellungspolitiken bis hin zu einer allgemeinen kulturellen Abneigung. Drittens ist die Frageformulierung im Zeitverlauf verändert worden: Bis 1986 ging es um „women’s liberation movement“, später wechselte die Formulierung zwischen „women’s movement“ und „feminists“ und wurde 2000 auf „feminists“ festgelegt. Solche Änderungen erschweren den historischen Vergleich, selbst wenn die statistischen Modelle versuchen, das Problem abzufedern. Schließlich legt die Forschung den Fokus ausschließlich auf Männer; eine mögliche parallele Dynamik bei nie verheirateten Frauen ohne College-Abschluss kann damit in dieser Auswertung nicht getestet werden.
Für Unternehmen und Entscheider wirkt die Veröffentlichung vor allem aus einem Grund interessant: Sie zeigt, wie „nicht-tech-nahes“ Verhalten—Beziehungs- und Statuswahrnehmung – in politische Präferenzmuster münden kann. In der Praxis bedeutet das, dass Kommunikationsstrategien, die nur auf ideologischer Sprache basieren, unter Umständen eine Resonanz auf sozialen Unsicherheiten treffen, die sich empirisch an bestimmten demografischen Gruppen festmachen lässt. Gleichzeitig liefert die Arbeit einen methodischen Hinweis für datengetriebene Organisationen: Wenn man politische oder gesellschaftliche Trends modellieren will, reicht es häufig nicht, nur harte ökonomische Kennzahlen zu betrachten; ebenso wichtig sind subjektive Interpretationen von Wettbewerb und Status – also Variablen, die sich über Surveys, Skalen und Einstellungsmaße abbilden lassen. Der nächste logische Schritt der Forschung wird laut Bericht darin gesehen, genauer zu testen, über welche Mechanismen politische Rhetorik solche Unsicherheiten aktiviert. Hier könnten Anschlussstudien helfen, die zusätzlich Online-Umgebungen und soziale Medien als Verstärker einbeziehen, ohne die Messlogik der Einstellungserhebung zu verlieren.
Die Studie „Backlashes to Gender Equality and Authoritarian Populism in the U.S.“ wurde von Stan Oklobdzija (University of California, Riverside) und Christopher Witko (University of California, Davis) verfasst. Für die Einordnung gilt: Das Ergebnis ist kein endgültiger Beweis für Ursache und Wirkung, aber ein starkes Signal dafür, dass sich anti-feministische Muster in den USA gerade bei einer klar umrissenen Gruppe zeitlich verdichtet haben. Wenn politische Konjunkturen mit wahrgenommenem Statusverlust kollidieren, könnte „mate-value backlash“ ein nützliches theoretisches Raster liefern – um solche Zusammenhänge in zukünftigen Datensätzen besser aufzuspüren.
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