KLEIN UPHAL / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Prozess um den getöteten Jungen Fabian hat das Gericht ein von der Verteidigung beanstandetes Vernehmungsvideo der Angeklagten dennoch zum Beleg gestellt. Bei der ersten Vernehmung nach dem Auffinden der Leiche im Oktober 2025 hatte die Angeklagte zunächst einen zufälligen Fund geschildert. Später räumte sie im Video ein, schon in der Nacht zuvor etwas entdeckt zu haben, das sie zunächst nicht einordnete. Die Verteidigung versuchte zudem, die Befragung und die Zeugenverwertung aus formalen Gründen zu stoppen.

Prozess um getöteten Fabian: Gericht sieht widersprüchliche Aussage, Verteidigung scheitert
Prozess um getöteten Fabian: Gericht sieht widersprüchliche Aussage, Verteidigung scheitert (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Indizienprozess rund um den getöteten Jungen Fabian hat sich der Streit vor allem an einem Punkt verdichtet: an den sich widersprechenden Aussagen der Angeklagten, die das Gericht über ein Video der ersten Vernehmung gegenüberstellte. Das Verfahren befindet sich seit dem 28. April im Gang; am 23. Prozesstag musste die Verteidigung dabei einen Rauswurf hinnehmen, als der Richter trotz ihres Widerspruchs das Video der ersten Befragung kurz nach dem Auffinden der Leiche im Oktober vergangenen Jahres in Augenschein nahm. Im Zuschauerraum löste die stundenlange Wiedergabe der Vernehmung zeitweise spürbare Emotionen aus, während die Widersprüchlichkeit der Aussagen für das Publikum sichtbar wurde.

Technisch betrachtet wirkt das Video in solchen Konstellationen wie eine Art „Beweisstück für den Verlauf der Einlassung“: Nicht nur der Inhalt zählt, sondern auch der Zeitpunkt, an dem Aussagen gemacht, angepasst oder zurückgezogen werden. In der gezeigten Vernehmung hatte die Angeklagte zunächst behauptet, den ermordeten Fabian am 14. Oktober 2025 zufällig bei einem Spaziergang mit einer Freundin entdeckt zu haben. Als die Polizei sie anschließend mit einer anderen Aussage konfrontierte – nämlich damit, dass der Fund nicht zufällig gewesen sei –, änderte sie laut Video rasch ihre Darstellung. Sie räumte ein, sie habe eigentlich eine Person „rauslassen“ wollen, und beschrieb, dass sie in der Nacht zum 13. Oktober bei einer Suche mit einem Freund zwar etwas bemerkt, aber nicht genau gewusst habe, was es war.

Dieser Wechsel zwischen einer zunächst „zufälligen“ Entdeckung und einer später nachgelieferten Einordnung ist im Prozess deshalb so bedeutsam, weil daraus unterschiedliche Schlussfolgerungen zur zeitlichen Einbindung der Angeklagten gezogen werden können. Laut der im Video geschilderten Version habe der Freund ihr gegenüber den Fund als verbrannte Puppe eingeordnet und sie gebeten, erst am nächsten Tag die Polizei zu verständigen. Die Angeklagte sagte zudem, sie habe Angst gehabt und ein „komisches Bauchgefühl“ verspürt, aber dennoch geschwiegen. Spätestens damit verschiebt sich die Debatte von einer reinen Tatsachenfrage hin zu einer Glaubwürdigkeits- und Motivationsprüfung: Warum wurde zunächst ein Zufall behauptet, obwohl es nach eigener Darstellung bereits eine frühe Wahrnehmung in der Nacht gab?

Parallel dazu hat die Verteidigung versucht, die Beweisverwertung prozessual abzusichern – allerdings ohne Erfolg. Zu Beginn der Verhandlung hatte sie eine vom Richter empfohlene weitere Befragung der Angeklagten abgelehnt. Der Anwalt Thomas Lücker begründete das sinngemäß mit der Erwartung, die Angeklagte werde eine weitere Befragung nicht „fünf Minuten“ durchhalten, weil sie nach den Einlassungen vom vorherigen Verhandlungstag emotional sehr labil gewesen sei. Im weiteren Verlauf bemängelten die Verteidiger Verfahrensfehler und wollten erreichen, dass die Aussagen der vernehmenden Polizistin als Zeugin aus dem Protokoll gestrichen werden sowie dass das Vernehmungsvideo nicht genutzt wird. Ihre Argumentationslinie: Die Angeklagte sei damals (trotz bestehendem Tatverdacht) als Zeugin vernommen worden, ohne über ihre Rechte informiert zu sein.

Das Gericht wies den Einspruch nach einer längeren Beratungspause zurück. Für die Verfahrensrealität bedeutet das: Das Gericht bleibt bei der Verwertbarkeit der Aufzeichnung und lässt die Einlassungen in die Beweiswürdigung einfließen. Nach Angaben der Anklage soll die Frau Fabian am 10. Oktober 2025 an einem Teich bei Klein Upahl, rund 15 Kilometer südlich von Güstrow, erstochen und den Leichnam anschließend in Brand gesetzt haben. Das Motiv soll mit dem Verhältnis der Angeklagten zu Fabians Vater zusammenhängen sowie mit einem zeitweisen Ende dieser Beziehung. Damit liegt der Fokus zugleich auf zwei technischen Fragen, die sich später auch in Gutachten spiegeln: Wie plausibel ist der angenommene Tatablauf zeitlich – und welche Spuren- und Bewegungslogik passt zu den Aussagen?

Genau an dieser Schnittstelle setzt auch die nächste Verteidigungsstrategie an. Die Angeklagte hat ihre Aussage im Prozessverlauf mehrfach revidiert. In einer zuletzt verlesenen Erklärung hieß es, sie habe die Leiche am Abend des 13. Oktober gefunden, als sie mit zwei unterschiedlichen Freunden jeweils am Fundort war; diese Freunde hätten ihr laut ihrer Darstellung eindringlich davon abgeraten, die Polizei zu rufen. Eine Beteiligung an der Tat bestreitet sie nach wie vor. Zudem hat die Verteidigung beantragt, einen neuen rechtsmedizinischen Sachverständigen zu bestellen, dessen Expertise klären soll, wie lange die Leiche gebrannt habe. Nach Darstellung der Verteidigung sei die Brenndauer entscheidend dafür, ob der von der Staatsanwaltschaft angenommene Tatablauf so möglich sei wie behauptet. In der Praxis können solche Fragen über die Aussagebasis hinaus die gesamte Zeitachse eines Indizienprozesses prägen, weil sie direkt in die zeitliche Verortung von Ereignissen hineinwirken.

Der Fall zeigt außerdem, wie eng Strategie, Beweisrecht und forensische Detailprüfung zusammenlaufen. Während das Gericht das Video als Spiegel der frühen Einlassung nutzt, versucht die Verteidigung gleichzeitig, über prozessuale Einwände und ergänzende Sachverständigenaufträge die Grundlage der zeitlichen Rekonstruktion zu verbessern. Das ist für Beobachter auch deshalb wichtig, weil Indizienprozesse in besonderem Maße von Konsistenz, Nachvollziehbarkeit und der Einordnung kleiner zeitlicher Differenzen abhängen. Am Ende entscheidet nicht ein einzelnes Detail, sondern die Gesamtschau: Wie stark tragen Video und spätere Erklärungen zueinander, und wie robust ist die forensische Rekonstruktion, wenn der Ablauf in Stunden oder Teilabschnitten neu vermessen wird.


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