LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Armee sucht über eine „Sources Sought“-Anfrage nach einem Kurzstrecken-Munitionstyp, der sich in viele bemannte und unbemannte Plattformen integrieren lässt. Der Bedarf wird mit bis zu 8.000 neuen Raketen pro Jahr beschrieben, mit einer ersten Lieferung innerhalb von zwei Jahren nach Vertragsvergabe. Die Ausschreibung adressiert dabei auch den Betrieb bei Störungen sowie GPS-Blockade. Gefordert sind belastbare Nachweise für Fertigung, Tests und eine aktive Produktionslinie bis spätestens 2028.

Mit der „Sources Sought“-Anfrage treibt die US-Armee ein Thema voran, das in der Beschaffung gerade doppelt zählt: Reichweite, aber auch sofortige Einsetzbarkeit auf unterschiedlichen Trägern. Gesucht wird ein Waffensystem, das sich eng an die existierenden Hellfire- und Joint Air-to-Ground-Missile-Familien anlehnt. Hintergrund ist ein konkreter jährlicher Bedarf, der laut Mitteilung auf bis zu 8.000 Kurzstreckenraketen pro Jahr abzielt. Besonders wichtig ist dabei, dass die Lösung nicht nur auf einer einzigen Plattform funktioniert, sondern sich „capable of integrating“ in ein Bündel aus Luft-, Boden- und sogar wassertransportierten Einsatzplattformen einfügen lässt.
Technisch nennt die Armee dafür einen Integrationsanker: Der Einsatz soll über den M299-Launcher oder ein gleichwertiges System möglich sein. Damit bleibt das Projekt trotz neuer Auslegung kompatibel zu einer etablierten Schnittstelle, die bereits im Umfeld der AGM-114 Hellfire und der JAGM-Waffen genutzt wird. Die Reichweitenvorgaben liegen laut Anzeige bei mindestens 1.640 feet (500 Meter) und bei maximal 2.6246 feet (8.000 Meter) oder mehr. Als mögliche Ziele werden dabei nicht nur gepanzerte Fahrzeuge genannt, sondern auch „command and control nodes“, Radar zur Flugabwehr sowie Knoten für Counter-Unmanned Aircraft Systems (C-UAS). Daneben tauchen ebenso kleine schnelle Seeziele auf, was die Anforderungen an Führung, Erfassungs- und Zielverfolgung über unterschiedliche Umgebungen hinweg erweitert.
Eine zentrale Prüfforderung betrifft die Robustheit im elektronischen Kampfumfeld. Die Rakete soll laut Ausschreibung in Situationen funktionieren, in denen Funkstörungen auftreten und GPS-Dienste verweigert werden. Für Entwickler bedeutet das: Es reicht nicht, allein auf externe Navigationshilfen zu setzen; vielmehr müssen die Sensorik und die Flugstabilisierung so ausgelegt sein, dass ein Betrieb auch bei unzuverlässiger Positionsbestimmung möglich bleibt. Genau an dieser Stelle fordert die US-Armee von den Anbietern technische und leistungsbezogene Angaben zu „seeker sensors“, zur Gefechtskopf- und zur Antriebs-Lösung. Damit wird die Ausschreibung weniger zu einem reinen Plattform- und Integrationsprojekt, sondern zu einem klaren Assessment über komplette Wirkungsketten – von der Zielaufnahme bis zur Effektormodul-Architektur.
Dass die Industrie hier eine praxistaugliche Produktions- und Lieferfähigkeit liefern muss, ist ebenfalls Teil des Kernmechanismus. Erwartet wird, dass Fertigung und Lieferantenbasis spätestens bis Ende 2028 eingerichtet sind. Die initiale Lieferung von bis zu 8.000 Raketen soll innerhalb von zwei Jahren nach Vertragsvergabe abgeschlossen sein; danach folgen jährliche Bestellungen mit ebenfalls bis zu 8.000 Stück. Die Armee verknüpft diese Zeitlinie mit einem Nachweiskonzept: „verifiable evidence“ soll belegen, dass Unternehmen die spezifizierten Mengen produzieren, testen und fristgerecht ausliefern können. In den Einreichungen muss zudem bestätigt werden, dass eine aktive, qualifizierte und betriebsbereite Produktionslinie genutzt wird. Gerade in einer Lage mit Engpässen bei bestimmten Munitionskategorien, etwa Verzögerungen bei der Produktion von Geschossarten wie Haubitzenmunition, wird diese Logik in der Praxis zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal zwischen „grundsätzlich möglich“ und „lieferbar“.
Die Ausschreibung stellt außerdem die vorhandenen Referenzen sichtbar in den Kontext. Die AGM-114 Hellfire wird von mehr als 30 Nationen verwendet und entstand ursprünglich in den 1970er Jahren als hubschraubergestützter „tank-buster“. In der heute verbreiteten Hellfire II-Variante kommt laut Text eine semiaktive Laserführung zum Einsatz. Die JAGM soll hingegen als Nachfolger unter anderem Hellfire, TOW und Maverick ablösen und kombiniert Laserführung mit millimeterwellenbasiertem Homing. Für die JAGM wird zudem genannt, dass sie 2022 die „initial operating capability“ erreicht hat. Ergänzend steht auch der Industrie-Footprint im Raum: Lockheed Martin habe mehr als 145.000 Hellfires und JAGMs gefertigt, und im August 2025 wurde dem Unternehmen ein Vertrag über 720 Millionen US-Dollar für beide Systeme zugesprochen. Zu den Abnehmern zählen dabei neben der US Army und der US Navy auch Großbritannien, Kanada, Polen sowie weitere NATO-Nationen.
Für den Markt bedeutet die Anfrage vor allem eines: Es geht nicht um ein isoliertes Einzelprodukt, sondern um eine skalierbare Beschaffungslogik mit strikten Fristen und klaren Schnittstellenbedingungen. Unternehmen, die sich nur auf Konzeptstudien oder Labor-Demonstrationen stützen, dürften es schwer haben, weil die Armee ausdrücklich Nachweise über Test- und Lieferkapazitäten sowie über eine betriebsbereite Produktionslinie verlangt. Gleichzeitig schafft die Plattform- und Launcher-Kompatibilität über den M299- bzw. gleichwertige Launcher einen Pfad, um vorhandene Trägerflotten schneller zu befähigen. Das ist auch aus Beschleunigungssicht relevant, weil Integrationstests, Training und Logistik in der Praxis oft mehr Zeit fressen als die reine Entwicklung der Sensorik. Für Einkauf und Einsatzplanung entsteht so ein klarer Zeitkorridor bis 2028, der die nächste Welle an Kurzstreckenfähigkeiten vorbereiten soll.
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